Disput

Am Fundament beteiligt

Interview mit Peter Sodann, Kandidat der LINKEN für die Bundespräsidentschaft

Herr Sodann, als von einer Kandidatur für DIE LINKE zur Bundespräsidentenwahl noch keine Rede sein konnte, ließen Sie sich für »DISPUT« (7/2008) zu Ihrer Biografie und zu Ihrem Buch »Keine halben Sachen« befragen. Und nachdem dann Ihre Kandidatur offiziell war, berichtete »DISPUT« (12/2008) über zwei Veranstaltungen mit Ihnen in Ibbenbüren. Grund genug, wenige Tage vor der Wahl am 23. Mai nachzufragen, was Sie erlebt haben in den vergangenen sechs Monaten bei Ihrer Reise durch das Land.

Es waren so an die 50 Veranstaltungen insgesamt, und ein paar folgen noch. Sie liefen unterschiedlich ab. Manchmal habe ich was gelesen, manchmal war ich zu einer Lesung eingeladen und es wurde – wie in Hamburg – eine lange Diskussion draus.

Spürten Sie unterschiedliche Reaktionen in Nord und Süd, Ost und West?

Man betrachtet mich ja nicht als künftigen Bundespräsidenten, sondern im Wesentlichen als »Tatort«-Kommissar, und da muss ich sagen: Das »Prekariat« hat mich natürlich lieber als die »Oberste Heeresleitung«. Das ist normal. Die begrüßen einen freundlich, die klopfen einem auf die Schulter. Die wissen natürlich auch, dass ich nicht der Bundespräsident werden soll.

Als »Tatort«-Kommissar stehe ich eventuell im Osten um ein Prozent besser da als im Westen, aber mehr nicht. Es ist ganz merkwürdig: Während der Osten sagt, Sie vertreten uns gut, sagt der Westen, durch Sie haben wir den Osten besser kennengelernt als durch all die Politiker. Das ist für mich ein Ehre.

Und nun kommt die Frage mit dem Bundespräsidenten dazu. Da scheiden sich doch ein wenig die Geister. Während man im Osten einerseits sagt: ja, schon, kommt aus der gleichen Klientel eine Abweisung wie durch den Satz: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Darauf habe ich immer geantwortet: Wenn der Mensch bei seinen Leisten bliebe, würde er noch mit einem Schnuller rumlaufen. Da unterscheidet es sich im Westen doch ein bisschen, weil man dort sagt: Es muss schon einer von oben sein.

Bei Veranstaltungen der LINKEN ist das natürlich anders, da ist das ein anderes Publikum.

Als Kommissar Ehrlicher wurden Sie einem Millionenpublikum vertraut. Wie fällt Ihre Bilanz als ehrlicher Kandidat aus?

Es ist schwierig, wenn man sagt, dass unsere Demokratie schwächelt, und danach so angezählt wird, dass man sich schämen muss – nicht für mich, sondern für die anderen. Ich habe ja in der Zwischenzeit erfahren müssen, dass ich als ehemaliger DDR-Bürger, der in einem Unrechtsstaat gelebt hat, als Fußnote oder als hässlicher Regentropfen bezeichnet werden darf. Das ist bösartig.

Dennoch hat mir die ganze Geschichte innerlich eine reifere Haltung zum Leben gebracht – und äußerlich viele Nachteile: Versprechungen, die mir zur Verabschiedung als »Kommissar« gemacht worden waren, wurden nicht eingehalten, und ein Werbevertrag, dessen Erlös ich gut für unsere Bibliothek hätte nutzen können, kam nicht zustande. Aber die inneren Werte, die man gewinnt, sind wichtiger.

Woran denken Sie dabei?

Die Kandidatenzeit, die Kandidatschaft hat mich etwas nachdenklich gemacht. Ich weiß, dass der Tod die Wahrhaftigkeit des Lebens ist und dass die Menschen verlernt haben, über ihn nachzudenken. Wenn man aber über den Tod nicht nachdenkt, kommt man in ein anderes Fahrwasser; man denkt, man lebt ewig. Ich habe eine Plattitüde als Lehre: Ich weiß, dass die Natur mich geschaffen hat; meine Eltern sind auch dabei gewesen, das ist klar. Die Natur, oder der liebe Gott, hat den Menschen allerdings mit Lücken geschaffen. Nun hat der Mensch die Verpflichtung, diese Lücken auszufüllen. Dazu zählen Leute wie Goethe, Marx, Martin Luther oder wer auch immer, die versucht haben, diese Lücken in ihrem Leben helfend zu schließen. Das geht im Wesentlichen, wie ich es in dem vergangenen halben Jahr erlebt habe, nur durch Erziehung, Bildung und Kultur. An diesen drei Dingen kränkelt es; wir haben ein Schulsystem, das die innere Kultur nicht fördert. DIE LINKE muss sich – das ist für mich ein Resümee – Erziehung, Bildung und Kultur auf ihre Fahne schreiben. Das ist, glaube ich, das Wichtigste.

Ich habe gespürt, wie sehr DIE LINKE unter den anderen Parteien – ich weiß nicht warum, das ist mir völlig unklar – richtig verhasst ist. Mir wird immer erzählt, dass wir in einer Demokratie leben. Aber in einer Demokratie müssen auch die Gedanken der LINKEN ihren Platz haben.

Hat sich mit der Kandidatur Ihr Freundeskreis verändert?

Ja. Aber da komme ich gut drüber weg, weil das eine von mir gewusste Folgeerscheinung ist. Ich sag’s mal anders herum: Als ich in der DDR als »Konterrevolutionär« eingesperrt wurde, fand ich unheimlich viele neue Freunde, die ich gar nicht haben wollte und von denen ich mich sehr schnell verabschiedet habe.

Vor allem in den ersten Wochen Ihrer Kandidatur spuckten zahlreiche Medien Gift und Galle, machten selbst vor Ihrer Familie nicht halt. Wie werden Sie damit fertig?

Es gab Artikel, die waren doof, einfach doof. Es gab Verunglimpfungen, meine Frau und meine Tochter wurden in Mitleidenschaft gezogen. In der DDR habe ich bei den Vernehmungen gefragt, ob es so was wie Sippenhaft gibt. Das wurde zurückgewiesen. Aber das gibt’s doch.

Manchmal habe ich den absurden Gedanken, manche Journalisten würden mich lieber killen – wenn ich nicht Nahrung wäre für das, was sie zu schreiben haben.

Prallt das ab an Ihnen, stachelt das an?

Das prallt nicht ab, das stachelt auch nicht an. In dem Bereich käme bei mir das »Trotz alledem« nicht vor. Aber man verwendet ab und an den Satz, dass es Neider gibt.

Manchmal komme ich morgens, das muss ich zugeben, auf die Frage zurück, warum ich mir das antue. Warum lasse ich mich beschimpfen, als blöd darstellen, obwohl ich nicht blöd bin? Das legt sich im Verlaufe des Tages. Irgendwie spendet mir Trost, wenn ich mit meinem Dackel durch den Park gehe. In Reichardts Garten war Goethe des Öfteren zuhause, da gibt’s auch eine Goethe-Bank, wo der drauf gesessen hat. Und auf der Bank denke ich immer an sein »Bängliches Schwanken, weibisches Zagen, ängstliches Klagen wendet kein Elend, macht dich nicht frei.« Da sag ich mir: Der alte Goethe hatte schon recht.

Woran denken Sie – im Jahr der vielen Jubiläen ein Blick zurück –, wenn Sie sich an den 3. Oktober 1990 erinnern wollen?

Zum Tag der deutschen Einheit bekam ich von der Stadt Halle den Auftrag, auf dem Marktplatz den Rütlischwur aufzusagen. Nach dem Gongschlag um 12 sagte ich also Schillers berühmte Zeilen auf: »Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr, wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod erleiden als in der Knechtschaft enden. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.« Der Vortrag hatte keinen Sinn. Überall Besoffene, überall lallte es, die Bierbüchsen türmten sich auf dem Platz. Kein Mensch hat sich für das Bekenntnis interessiert. Davor, vor der Wende, war mir die Aufführung von Schillers »Wilhelm Tell« in Magdeburg verboten worden. Ich hab’s in Halle trotzdem aufgeführt, ich hatte mir die Genehmigung dafür erkämpft. Aber an dem Tag der deutschen Einheit wollte es keiner mehr hören. – Und jetzt fürchten sie sich schon wieder, vorm Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Wissen Sie, mindestens fünf-, sechsmal bin ich von den Arbeitern des Waggonbau Halle-Ammendorf eingeladen worden; sie hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Ich habe ihnen gesagt, wenn ihr nicht die Führung übernehmt, seid ihr bald arbeitslos. Zwar schusterte das Land jedes Jahr etwas Geld zu, damit der Ministerpräsident seine Ruhe hatte, doch am Ende wurde das Werk geschlossen.

Die Hilfe, die Frau Merkel heute in der großen Krise den Leuten gibt, hilft den Arbeitern nicht vor Arbeitslosigkeit, sie hilft vor allem den Besitzern. Die Arbeiter könnten jetzt sagen, wir machen eine Streikbewegung, oder, wie Frau Schwan sagt, die Leute könnten einen Aufstand machen. (Das erinnert mich daran, dass viele Politiker von der Wende als friedlicher Revolution sprechen. Das ist Unsinn, denn es war keine friedliche Revolution, sondern ein Gefängnisaufstand; man wollte das nicht mehr.) Doch wenn jetzt die Leute einen Aufstand machten, wäre das ein merkwürdiger Aufstand. Dann würden die Opelwerker nur für ihren Arbeitsplatz kämpfen. Sie sollten aber auch um den Arbeitsplatz derer kämpfen, die ihn ebenfalls verlieren, sonst geht die ganze Geschichte nicht auf.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, wie der Wahltag ablaufen wird?

Da mache ich mir schon Gedanken. Würde der Bundespräsident vom Volk gewählt, hätte ich zumindest eine relativ größere Chance, es zu werden, und ganz sicher einen größeren Anteil für das Fundament für einen künftigen Bundespräsidenten der LINKEN als jetzt. Denn jetzt wird man sich taktisch entscheiden. Dass man Herrn Köhler wählt, erscheint mir als ziemlich sicher; ich begreife es nicht, denn er beherrscht wirklich die Präsidialsprache, mit vielen Worten nichts zu sagen.

Ich wusste von Anfang an, dass ich das nicht werden kann, und dennoch gibt es das alte Sprichwort von den Pferden vor der Apotheke. Kann ja sein, dass die CDU die Diarrhö kriegt an dem Tag, dann ist sie nicht da. Oder den Virus oder was weiß ich. Also macht man sich Gedanken, wenn man nicht einschlafen kann, was man als Erstes tun würde. Und: Wie lange würdest du Bundespräsident sein? Was würden sie da machen? Ich glaube, ich wäre dann wirklich gefährdet.

Nach der Wahl werde ich mich nicht gedemütigt fühlen, vielleicht fühle ich mich ein bisschen freier. Ich werde die »Schmach« des Nichtgewählt-Seins überstehen und den dritten Platz, die Bronzemedaille entgegennehmen.

Vor Jahren wollte ich mal neben unserem Theater in Halle ein Theaterhotel bauen. Ein Fachmann erklärte mir dazu, wie lange es dauern könne, bis ein Hotel fertig werde. Der erste Bauherr geht eventuell pleite, da ist erst das Fundament errichtet. Beim zweiten steht möglicherweise der Rohbau. Und vielleicht der dritte oder vierte könne den Bau fertigstellen. Insofern bin ich am Fundament beteiligt. In fünf Jahren wird der Kandidat der LINKEN den Rohbau errichten, und in zehn Jahren gibt’s dann vielleicht einen Präsidenten der LINKEN. So habe ich, wie ich hoffe, meine Arbeit redlich und vernünftig gemacht.

Interview: Stefan Richter