Disput

Vor großen Herausforderungen

Die Europäische Linke hat erste Erfahrungen gemeinsamer Kämpfe hinter sich. Interview mit Fausto Bertinotti

Vor fünf Jahren, am 8. und 9. Mai 2004, wurde in Rom die Partei der Europäischen Linken (EL) gegründet. Gibt es Gründe zu feiern?

Das sind schwere und schwierige Zeiten insbesondere für Arbeitslose, Menschen mit prekären Jobs, Arbeitnehmer/innen im Allgemeinen, Frauen und Jugendliche. Man könnte sagen, das sind schwere Zeiten für die Bevölkerungen und – was uns am nächsten liegt – für die europäischen Bevölkerungen.

Früher hat eine regressive kapitalistische Revolution, das heißt die Globalisierung, die sozialen und demokratischen Errungenschaften der Nachkriegszeit in Frage gestellt. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Krise dieser Globalisierung durch eine neue kapitalistische Umstrukturierung auf die Bevölkerungen zurückschlägt.

Die Partei der Europäischen Linken wurde gegründet, indem sie von Anfang an beklagte, wie klassizistisch und undemokratisch die Globalisierung war. Die EL war die einzige Partei, die das gemeinsam mit den globalisierungskritischen Bewegungen bedauerte und die mit ihnen die Krise der Globalisierung vorausgesagt hatte. Jetzt geben ihr die Fakten recht, und sie muss sich eine zukunftsträchtige Perspektive geben, damit sie die sozialen Kämpfe politisch unterstützen kann, die sich gerade in Europa aufzeichnen. Europa selbst braucht das.

Was sind die schwierigsten Aufgaben für die EL?

Das größte Problem für die Bewegungen ist heutzutage die tiefe Krise der Linken in Europa. Es gibt wichtige Erfahrungen wie DIE LINKE in Deutschland, die eine Gegentendenz darstellt, aber der Zustand der Linken in Europa ist sehr besorgniserregend.

Einerseits äußert sich die reformistische Linke nicht, weil sie durch die Krise der kapitalistischen Modernisierung völlig desorientiert ist. Andererseits sind die antagonistischen Linken oft gespalten und hilflos. Die Rechten und ihre Kultur beeinflussen auch die unteren Schichten, die jetzt oft völlig ungeschützt sind. Es ist höchste Zeit, dass eine neue europäische Linke entsteht, die in der Lage ist, große soziale und demokratische Reformen in Europa in Gang zu setzen.

Wie siehst du die Entwicklung der EL und ihre zukünftige Perspektive?

Die Erfahrung der Europäischen Linken war trotz der vielen Schwierigkeiten sehr wichtig und bedeutungsvoll. Sie hat es unterschiedlichen Parteien und Kulturen – alle antikapitalistisch – ermöglicht, sich kennenzulernen, gemeinsam zu arbeiten, sich gegenseitig zu bereichern. Man hat schon die ersten Erfahrungen gemeinsamer Kämpfe auf europäischer Ebene hinter sich. Sicherlich reicht das noch nicht – es gibt viel, was wir noch machen sollen. Aber ich bin mir sicher: Mit der starken und prestigevollen Führung durch Genossen Lothar Bisky wird die Partei der Europäischen Linken in der Lage sein, die großen Herausforderungen zu bewältigen, die ihr bevorstehen.

Fausto Bertinotti von der Rifondazione Comunista war (von Mai 2004 bis November 2007) der erste Vorsitzende der Europäischen Linken.

Interview: Paola Giaculli