Disput

Dorfpolitik ist kein Halma

Eine Gemeinde, 23 Ortsteile und eine neue Bürgermeisterin, die schon einmal Bürgermeisterin war: Monika Nestler

Von Stefan Richter

Monika Nestler kloppt Skat und Doppelkopf, sie spielt Rommé und Canasta, und ohne eine richtige Runde Halma beginnt bei Nestlers ohnehin kein anständiges Wochenende.

Eine Spielernatur ist Monika Nestler keineswegs. Mitte Januar wird sie für acht Jahre als Bürgermeisterin die Geschäfte von Nuthe-Urstromtal übernehmen. Die Gemeinde hat einen ungewöhnlichen Namen und ungewöhnliche Ausmaße. Mit 333 Quadratkilometern gilt Nuthe-Urstromtal als flächenmäßig größte Gemeinde bundesweit, größer sogar als München, Dresden oder Frankfurt am Main. 23 Ortsteile legen sich im Halbkreis um die Kleinstadt Luckenwalde südlich von Berlin. Die Dörfer tragen Namen quer durchs Alphabet: von A wie Ahrens- bis Z wie Zülichendorf. In jedem von ihnen leben zwischen knapp hundert und gut tausend Einwohnerinnen und Einwohner. 6.000 insgesamt.

Deutlich mehr als eine Halma-Runde lang hat Monika Nestler überlegt, ob sie zur Bürgermeisterwahl am 27. September kandidieren sollte. Das hängt mit der Vorgeschichte zusammen – sie war schon einmal Bürgermeisterin – und mit der Vorgeschichte zur Vorgeschichte: Sie hatte einstmals überhaupt nicht Bürgermeisterin werden wollen, sie wollte nie in die Politik, sie wollte beruflich immer in den Stall, zu den Tieren.

Die Familie war 1958 nach Hennickendorf gezogen; der Vater für den Aufbau der LPG verantwortlich, die Mutter Buchhalterin, Tochter Monika die »goldene Mitte« zwischen acht Geschwistern. Zum Haushalt gehörte, was zur Versorgung nötig war: eine Kuh, ein Bulle, zwei Schweine. Das Interesse an ihnen bildete sich rasch heraus, die Aufgaben wuchsen hinzu. Mit neun lernte Monika melken; abends wurde die kleine »Milchwirtschaft« zu ihrer Verantwortung. Die machte Spaß und die Liebe zu den Tieren hielt. Jahre darauf wurde sie Agraringenieurin für Milchproduktion, wurde Schichtleiterin im Stall, bald Leiterin der Milchproduktion, verantwortlich für 800 Kühe und Kälber dazu. Und für 35 Kollegen. Eine schöne Zeit mit Höhen und Tiefen. »Man sagt ja«, sagt die heute 56-Jährige, »wenn du einmal was machst und es gut machst, hast du’s für Dauer am Hacken.«

Im Fall Stall trifft dies so nicht zu. Nach vier Jahren steht 1978 die örtliche Obrigkeit vor der Tür: Der Bürgermeister muss kurzfristig ersetzt werden; du wirst das übernehmen ...? Monika denkt sich Nein – zumal sie drei Kinder hat und der Mann auf Montage arbeitet –, sagt zuerst Jein und dann doch, da ein Parteiauftrag »winkt«, Ja. Aber nur bis zur nächsten Wahl, erbittet sie sich, in ein paar Monaten. Aus ihnen sind 31 Jahre in der Kommunalpolitik geworden.

Mit ihrem Handeln haben die Eltern sie Haltung gelehrt, haben mit ihren Biografien Monika bewegt und ihr vorgelebt, sich mit aller Konsequenz für andere Menschen, für Gerechtigkeit und für das als richtig Empfundene einzusetzen. So wollte auch sie von jung an wirken. War schon bei den Pionieren rege, war FDJ-Sekretärin, wurde SED-Mitglied bereits mit 17. »Ich habe mich mehr für die Gesellschaft eingesetzt als jeder ›Normale‹, ich habe alle Ziele vertreten, da konnte mir einer sonst was erzählen ...« So eine ist die junge Bürgermeisterin, alles vertreten, komme, was da wolle – bis sie Unrecht ausgerechnet durch ihre Partei und ausgerechnet gegenüber ihrem Vater erleben muss. Und als dieses Unrecht bloß ein bisschen und bloß stillschweigend korrigiert, nicht aber aus der Welt geschafft wird, lernt sie für sich eine völlig neue Lektion: Es ist ja doch nicht immer so, wie es gesagt wird ...

Ihre Grundeinstellung ändert sie auch in der Folgezeit nicht, kritischer wird sie dennoch, sagt, was ihr nicht passt, und macht nicht alles, wovon sie nicht überzeugt ist. Wie bei den Wahlen. »Es ging ja immer um 100 Prozent. Ich weigerte mich, nachmittags zu den Bürgern, die noch nicht gewählt hatten, zu gehen und sie aufzufordern: Jetzt kommt!« Einmal, 1979, hat sie es gemacht. »Das war so peinlich und unangenehm, dass ich mir vorgenommen habe: Nie wieder! Du versprichst niemandem, was du nicht halten kannst. Ich bin auch nicht mehr hin.«

Ein anderes »Wahl«-Erlebnis: »Jetzt kann man’s ja sagen, ich stehe dazu: Wir waren von der SED-Kreisleitung angehalten, Bürger, von denen wir wussten, dass die nicht zur Wahl gehen, aus irgendwelchen Gründen aus den Wählerlisten zu streichen. Viele der Bürgermeisterkollegen haben das so gemacht, weil sie ihre Ruhe haben wollten. Ich habe das nie gemacht. Das waren so Dinge, warum wir beim letzten Kreissekretär manchmal stramm stehen mussten und keine Prämie gekriegt haben.«

1990 wird Hennickendorfs Bürgermeisterin nochmals – im zweiten Wahlgang – wiedergewählt. Drei Jahre darauf ist Schluss, von Ahrensdorf bis Zülichendorf verbinden sich die Kommunen zu Nuthe-Urstromtal. Monika Nestler kennt alle Dorfbürgermeister und alle Mitarbeiter – »und sie kannten mich ...«. Jedenfalls bewirbt sie sich nicht um das neue Bürgermeister-Großamt. Der Neue heißt Wienand Jensen, er kommt aus dem tiefen Westen, kann Verwaltung und kennt Kniffe wie Tricks, hat (heute) das SPD-Mitgliedsbuch und bringt, wie viele (darunter Monika Nestler) bestätigen, eine Menge voran. Sie indes leitet in all den Jahren einen Fachbereich, derzeit den für Bauamt, Ordnungsamt und Einwohnermeldeamt, und ist Bürgermeisters Stellvertreterin.

Zur Wahl 2009 kann Jensen altersbedingt nicht noch einmal antreten. Wer soll es also machen? Die Sozialdemokraten nominieren wieder einen aus der Ferne, die Christdemokraten einen umtriebigen Nachwuchsmann aus der Region. Und DIE LINKE?

Über eine Kandidatur denkt Monika Nestler sehr gewissenhaft nach. Einerseits ist die Situation vergleichbar mit der Anfang der 90er Jahre; viele kennen sie und ihre Biografie. Und andererseits: Warum sollte sie nach eineinhalb Jahrzehnten »ewig die Zweite« bleiben? »Ich habe das hier mit aufgebaut, ich kenne die Probleme, ich weiß genau, wo es hakt und hängt. Und ich fühle mich in der Lage, die Dinge im Interesse der Bürgerinnen und Bürger fortzuführen.«

Bürgermeisterwahlen, das sind sehr stark Personenentscheidungen. In Nuthe-Urstromtal ist das nicht anders, nur dass eben in 23 Ortsteilen entschieden wird. Der CDU-Mann bringt in jedem acht Plakate an, der SPD-Bewerber immerhin vier. Die LINKE-Kandidatin belässt es bei einem – und einem ansprechenden Flyer, für dessen Foto sie sich allerdings zwei Stunden schön zurechtmacht. Manche, mit denen sie seit Jahr und Tag verlässlich zu schaffen hat, schreiben Leserbriefe an die Lokalzeitung.

In ihrem Amt ist sie oft unterwegs. Ein Bauarbeiter vermutet, wohl zutreffend: »Sie brauchen keinen Wahlkampf und so. Was Sie hier machen, ist der beste Wahlkampf für Sie.« Das trifft sich mit ihrem Prinzip, Probleme möglichst nicht am Schreibtisch zu lösen, sondern direkt an Ort und Stelle. »Mein Vorteil ist, dass ich mit den Menschen spreche.«

So hat sie’s – ob als Bürgermeisterin oder in der Verwaltung – in all den Jahren gehandhabt. Das lässt gut vergleichen: In der DDR musste der Bürgermeister mit den Einwohnern zusammenarbeiten, jetzt genauso, bei manchen Unterschieden. »Es stimmt, ich muss mich nicht mehr darum kümmern, ob jeder seine Kohlen hat oder ob es Apfelsinen gibt. Ich brauch’ die Bürger auch nicht mehr zu aktivieren, um im ›Mach-Mit-Wettbewerb‹ die Trinkwasserleitung oder die Abwasserleitung oder den Konsum zu bauen, wie wir es damals nach Feierabend gemeinsam gemacht haben. Aber früher musstest du um Geld kämpfen für solche außerordentlichen Maßnahmen und Initiativen und jetzt wieder. Denn aus den normalen Schlüsselzuweisungen und Einnahmen kannst du das nicht finanzieren. Du bist immer auf irgendwelche Fördermittel angewiesen, und das bedeutet: Klinken putzen bei übergeordneten Stellen, bei Ministerien. Wenn man mich zu DDR-Zeiten irgendwo rausgeschmissen hat, bin ich am nächsten Tag wieder rein – heute auch.«

Sie beschreibt, wie sie 1988 mit zwei Trabi-Kombis und Anhängern zu einem Werk in Frankfurt (Oder) gefahren sind, um sich Dichtungsringe für die Rohre zu besorgen: »Musst du dir alles selber holen.«

Und sie schildert, wie sie nach der »Wende« dem damaligen Umweltminister Töpfer um Unterstützung angegangen ist, erfolgreich.

In den Dörfern ist die Gemeinsamkeit von einst ausgezogen; kaputt gemacht wurde die Gemeinschaft, wie Monika Nestler nicht ohne Bitternis urteilt, durch die Arbeitslosigkeit: »In den neunziger Jahren hast du überall gemerkt, wie es runter ging.« Mit der Gebietsreform lässt der Kontakt zu den Bürgern zusätzlich nach. Viel hängt nun von den Ortsvorstehern, das sind sozusagen die ehrenamtlichen Bürgermeister der Ortsteile, ab: So aktiv, wie sie sind, ist oft auch die Mitarbeit ihrer Nachbarinnen und Nachbarn.

Die einstige und künftige Bürgermeisterin erzählt anschaulich, mit Anekdoten und viel Selbstironie. Vom Dorf, von der Familie, von sich.

Kugelblitz, so wurde sie gerufen in jungen Sportjahren; sie spielte Handball in der Schule und in der Berufsausbildung und trainierte mit Hanteln Kraft. »Wenn ich irgendwo hingekommen bin, haben sie erstmal gelacht, ich war schön kugelrund und bin als ›rustikale Kraft‹ aus der Reihe gefallen.« Inzwischen hält sie es mehr mit Rad fahren, Federball und Schwimmen, wohingegen sie so etwas wie »Hüpfen zu Musik«, wie sie es nennt, absolut nicht favorisiert.

An große Sprünge ist auch kommunal nicht zu denken. Illusionen kommen nicht auf. Dazu kennt sie Probleme und Personen zu genau. Viele Aufgaben werden zu den Kommunen runter gegeben, aber nicht die Gelder, um all die Dinge vernünftig erledigen zu können. Finanziell pfeife man auf dem letzten Loch. Die Ausstattung der Gemeinden bereitet ihr größte Sorgen – für die Unterstützung von Kultur, Jugendarbeit, Vereinen beispielsweise und für den Erhalt der Schulen (bei sinkenden Schülerzahlen). Geld sei dringend nötig für den Brandschutz, für eine zeitgemäße Ausrüstung der 20 Löschgruppen. Abstriche werden vor allem bei den Personalkosten gemacht; frei werdende Stellen bleiben unbesetzt, die Arbeiten müssen zusätzlich von anderen geleistet werden ...

In erster Linie sind Sachprobleme zu lösen. Im Wahlprogramm der Bürgermeisterin ist zu lesen: bürgernahe, transparente Verwaltung für alle; Ausbau der Rahmenbedingungen für landwirtschaftliche, betriebliche und gewerbliche Unternehmen; bezahlbare Wasser- und Abwassergebühren – gegen rückwirkende Finanzforderungen bis in die Vorwendezeit; Erhalt und Erweiterung der Infrastruktur in den Dörfern, die ein lebenswertes Wohnen garantiert; Erhalt und weitere Ausgestaltung beider Grundschulen und der Kitas in der Gemeinde; Förderung des generationenübergreifenden Zusammenlebens in der Gemeinde; Unterstützung des weiteren Ausbaus des Tourismus als Wirtschaftsfaktor ... kompetent und bürgernah – »für alle in Nuthe-Urstromtal«.

Parteipolitik spielt eher indirekt eine Rolle. Momentan gibt es eine solche Diskussion zum Erhalt aller Schul- und Kitastandorte. Der noch amtierende Bürgermeister schlägt, vor allem aus finanziellen Gründen, vor, eine Kindertagesstätte zu schließen. Das möchte die neue Bürgermeisterin ausdrücklich nicht, sie will Alternativen genau , das heißt auch in Ruhe, prüfen. Dennoch räumt sie ein: »Da schlagen plötzlich zwei Herzen in meiner Brust: Ich kenne die finanzielle Situation und muss für das Wohl der gesamten Gemeinde mit allen 23 Ortsteilen entscheiden. Andererseits: Warum sollen wir allein aus finanziellen Gründen die Einrichtung schließen? Mich stört, dass wir alles, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft, nur an den Finanzen festmachen. Das ist eine Sache, wo wir als LINKE unsere soziale Verantwortung haben. In die Entscheidungen muss das einfließen.«

Für ihre Vorstellungen wird die Bürgermeisterin hart um Mehrheiten kämpfen müssen. Die »23« von Nuthe-Urstromtal sind keine roten Hochburgen. Bis zu den Kommunalwahlen im vorigen Jahr saßen lediglich zwei (der 18) Gemeindevertreter für DIE LINKE am Tisch. Seither sind es immerhin fünf, davon vier Parteilose. »Zu den Kommunalwahlen konnten wir zwölf Kandidaten aufstellen, so viele wie nie zuvor.« Das klingt stolz. Neue Mitglieder für die Partei zu gewinnen, fällt ungleich schwerer. Sukzessive müsse man mit ihnen »arbeiten«. Denn: »Wenn du gleich mit Mitgliedschaft kommst, gehen bei ihnen die Schotten runter.«

In ihrem eigenen Wahlkampf erfährt Monika Nestler auf den Dorfstraßen die unterschiedlichsten Reaktionen. Einige sagen, du bist in der falschen Partei – dich können wir nicht wählen; denen entgegnet die Kandidatin: Lehren aus Fehlern zu ziehen, sollte man nicht allein früheren Ost-CDU-Mitgliedern zubilligen. Andere meinen: Du bist zwar vielleicht in der falschen Partei, aber wir kennen dich und wissen, was du geleistet hast und dass du überparteilich handeln wirst – wir wählen dich. Und Dritte meinen, mit ihr und ihrer Partei gut leben zu können.

Mit 40 oder 45 Prozent rechnet sie für den ersten Wahlgang, und sie verrechnet sich: Monika wird – bei einer Wahlbeteiligung von 75 Prozent – mit 51,4 Prozent gewählt! In Hennickendorf wollen sie übrigens 69,2 Prozent. Der Jubel ist riesig, selbst wenn die »Künftige« später genau nachschauen wird, in welchem Dorf sie nicht auf Rang 1 liegt. Eine Frage des Ehrgeizes? »Ja, na klar.«

Die Bürgermeisterin in spe liebt Geselligkeit, sie tritt vor Seniorinnen und Senioren auch schon mal (mit einer ihrer Töchter) als Wildecker Herzbuben auf, sie kocht und bäckt (ihren berühmten Apfelkuchen setzte sie wiederholt zielgerichtet ein, um Hilfe im Gemeindeinteresse herbeizuorganisieren), und sie schwärmt geradezu von ihrer großen Familie im Allgemeinen und ihren sieben Enkelkindern im Besonderen. Das größte notierte vor einigen Monaten im Schulaufsatz: »Ich will, dass meine Oma Bürgermeisterin wird!«, eine andere trug stolz ein Foto in ihre Klasse: »Das ist meine Oma!«. Und eine weitere Enkelin, die der besten Freundin von Monika Nestler, teilte ihrer Clique mit: »Die Bürgermeisterin ist die beste Freundin meiner Oma«. So einfach.

Diese beste Freundin, Elke Kaiser – hier schließt sich der Kreis – war einst ihre Unterstufenlehrerin, lang, lang ist’s her. Als Monika erstmals Bürgermeisterin wurde, suchte sie ein neues Mitglied für den Rat der Gemeinde Hennickendorf und Frau Kaiser suchte eine Vorsitzende fürs Elternaktiv, heute würde man Elternsprecherin sagen – dies traf sich gut und wurde zum Anfang einer Freundschaft.

Monika Nestler kloppt Skat und Doppelkopf, sie spielt Rommé und Canasta, und ohne eine richtige Runde Halma beginnt bei Nestlers wirklich kein anständiges Wochenende. Dieses Ritual ist Ausgleich. Ruhe nicht immer. Verliert sie beim Halma oder beim Skat und hat sie im Wochenalltag mehr Stress als üblich, kann sie auch schon mal ungerecht werden. »Man sagt mir nach, dass ich schlecht verlieren kann«, bekennt Monika Nestler, nicht ohne kokettierend hinzuzufügen: »Das verstehe ich überhaupt nicht.« Dorfpolitik ist freilich kein Halma, und falls doch: Beim Halma kommt es darauf an, so schnell wie möglich alle eigenen Figuren bis ans Ziel zu führen.