Disput

Überparteilich

Feuiletton

Von Jens Jansen

Die Antwort auf die Frage, wer die wirklichen Wahlsieger sind, hängt davon ab, wen man fragt. Westerwelle sprang sofort aufs Podest. Aber er hat nun die Mühlsteine seiner uneinlösbaren Wahlversprechen am Hals. Frau Merkel feiert ihre schwarz-gelbe Wunschehe. Aber die dicke gelbe Krawatte am Hals wird sie würgen. Am meisten freut sich – laut Börsennachrichten – die deutsche Atomindustrie, weil längere Laufzeiten für brüchige Kraftwerke zusätzliche Milliardengewinne versprechen. Die Kohlekraftwerke freuen sich, weil nun weniger Geld für Windkraft fließen soll. Die Gen-Forscher stoßen mit Reagenzgläsern an. Thyssen-Krupp konzentriert seine Werften fortan auf Rüstungsaufträge. Unternehmer-Verbandschef Hundt mahnt die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Kürzung der Abfindungen und die Senkung der Steuern an. Und wenn diese Herrschaften »Juchhu!« rufen, heißt das »Alarm!« für alle Normalverbraucher.

DIE LINKE kann sich wirklich freuen, weil sie den Durchbruch auch im Westen geschafft hat und nun im Fünf-Parteien-System die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Unsere erstaunlichen Ergebnisse zählen umso mehr, als ja alle übrigen Parteien einen Wahlkampf gegen DIE LINKE auf Bundesebene geführt haben. Der SPD hat das fast das Genick gebrochen. Die deutlich gestärkte Opposition kann nun für kräftigen Gegenwind bei den Regierenden sorgen. Doch die Allianz der Anti-Sozialisten wird umso härter und heimtückischer zurückschlagen. Ein Boxhandschuh hat sich entblättert:

Die auflagenstärkste und damit einflussreichste deutsche Tageszeitung ist BILD. Da der Springer-Verlag noch in zwei Dutzend anderen Medien seine Goldfinger hat, bezeichnet man ihn als Großmacht der Meinungsmacher oder auch als »Kanzlermacher«. Insofern war interessant, was sich BILD einfallen ließ, um die 20 Millionen »unentschlossenen« Wählerinnen und Wähler in die Kabine und in die Arme der schwarz-gelben Wunschkoalition zu treiben. Die Lösung war ein politischer Striptease von hundert Mitarbeitern unter der Überschrift: »So wählt BILD!«

Der Kopf der Zeitung trompetet täglich: UNABHÄNGIG /ÜBERPARTEILICH. Das soll suggerieren, dass die Zusammensetzung und Gesinnung der Mitarbeiter ungefähr dem Wahlverhalten der Bundesbürger entspricht, damit nicht eine penetrante »Rechtslastigkeit« zur Schere im Kopf wird und das Blatt immerfort das Lied der Herrschenden singt. Statt dessen wurde nun die Offenbarung zur Offenbarung: Die hundert Mitarbeiter aus den verschiedensten Berufsgruppen verfügten mit der Erst- und Zweitstimme insgesamt über 200 Stimmen. Würde man diese Stimmen »überparteilich« durch fünf teilen, bekäme jede Fraktion im Bundestag 40. Nicht so bei BILD, wie es leibt und lebt. Da bekamen die Union 75 Stimmen, die SPD 48, die FDP 47, die Grünen 26 Stimmen und DIE LINKE = null.

Der Text-Chef Stöwing bekannte: »Ich wähle Angela Merkel, weil sie ein internationaler Superstar ist ...« Der Chef vom Dienst Markowski: »Ich wähle mit beiden Stimmen CDU ...« Oder der stellvertretende Chef vom Dienst Karl L. von Guttenberg: »Ich wähle mit beiden Stimmen CDU ...« Wer hätte das gedacht?

Die Auszählung der 34 für den Hauptinhalt des Blattes Verantwortlichen ergibt 28 Stimmen für die CDU und 21 für die FDP gegenüber elf für die SPD und fünf für die Grünen – womit die schwarz-gelbe Wunschkoalition der Kanzlerin mit 49 : 16 tief verinnerlicht war, einschließlich der »Leihstimmen« für die FDP.

Dass ein Chefredakteur die Piratenpartei anbetet, dürfte ein Gag sein. Ansonsten betonten drei der mit Passbild abgedruckten Mitarbeiter, »dass Rot-Rot das Schlimmste wäre, was unserem Land passieren könnte«.

Mehr »Überparteilichkeit« kann man von BILD wirklich nicht verlangen. Aber die Kanzlerin nennt sich ja auch die »Kanzlerin aller Deutschen«.

Ich hätte gerne die Gesichter dieser Leute gesehen, als Stefan Raab am Vorabend der Wahl auf »ProSieben« seine Telefonumfrage auswertete: Da kamen bei seinem überwiegend jugendlichen Publikum – nicht repräsentativ, aber doch informativ – die CDU auf 26,6 Prozent, die SPD auf 17,7, die FDP auf 19,9, die Grünen auf 15,4 Prozent. Und DIE LINKE wurde mit 20,5 Prozent zur zweitstärksten Kraft erkoren! Dafür sorgten die Zuschauer in Mecklenburg-Vorpommern mit 46 Prozent für DIE LINKE, Thüringen mit 45 Prozent, Sachsen-Anhalt mit mehr als 50 (!) Prozent und Länder wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit 20 Prozent. Da hatten die Wahlforscher viel zu grübeln.

Wie jeder weiß, hat sich das am Wahlabend alles relativiert. Aber ist es nicht eine Quelle des historischen Optimismus zu wissen: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!?