Disput

Dorf für Dorf für Dorf

Warum stehen Sie hier?, fragt ein Junge die Bundestagsabgeordnete. Sie wolle mit den Einwohnern ins Gespräch kommen, sagt Heidrun Bluhm. Manchmal klappt es. Beobachtungen an einem Wahlkampftag

Von Stefan Richter

Die Kandidatin sitzt auf einer Mauer, sie lässt die Beine baumeln, es ist sonnig, warm, fast heiß, es ist Ferienzeit. Und es ist Wahlkampf.

In Zernin, auch in Zernin, hängt an der Hauptstraße ein Plakat mit dem Hinweis: Heidrun Bluhm – so heißt die Kandidatin – wird am 24. August, von 11:15 Uhr bis 12:15 Uhr, im Ort sein. Doch niemand, zumindest nicht in dieser einen Stunde, will etwas von der LINKEN. Und das kommt oft vor, an diesem Tag auch in Warnow und in Schlemmin.

Immerhin, in Baumgarten trauen sich die kleine Clara und zwei ihrer Brüder, alle flachsblond, um die Ecke. Der Älteste ist der Coolste: Sind Sie das auf dem Plakat? – Ja. – Warum stehen Sie hier? – Ich will mit euch reden. Oder mit euren Eltern. – Worüber? – Darüber, was ihr so macht und wie es euch geht. – Hier ist aber keiner zum Reden. – Doch, ihr. Und vielleicht kommt noch jemand. – Hm. Haben Sie schon mal Frau Merkel die Hand gegeben? – Ja. Kennt ihr Politiker? – George Bush und Barack Obama. Obama finde ich besser. – Ich auch. Kennt ihr außer Frau Merkel andere deutsche Politiker? – ... – Vielleicht Herrn Müntefering? – ... – Oder Frau Schmidt? – Jaaa!

Der Wahlkreis 017 erstreckt sich quer durch Mecklenburg, von der Ostsee über die herrliche Müritz bis zur Landesgrenze im Süden; die Statistik zählte für »017« zur vorigen Wahl 56 Einwohnerinnen und Einwohner je Quadratkilometer in den wenigen Städten und in den 249 Dörfern und Dörfchen. Solchen wie Zernin.

Heidrun Bluhm wurde vor vier Jahren in den Bundestag gewählt, seitdem betreut sie auch den Wahlkreis, in dem sie jetzt wieder antritt. Sie sagt, was wohl jede Kandidatin und jeder Kandidat sagen wird: Ich möchte für die Wählerinnen und Wähler da sein, ihre Sorgen und Probleme erfahren, auf dem Teppich bleiben, oft vor Ort weilen ...

2006 ging sie erstmals auf Sommertour. Nicht tageweise wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, sondern über Wochen. Fern von jedem Wahlkampf war sie 2008 in 58 Orten unterwegs. »Wo andere Urlaub machen, da arbeite ich«, kokettiert sie. Weder in Warnow noch in Schlemmin kommt ein Urlauber des Weges.

Im Wahlkampf '09 will sie 180 Dörfer und Dörfchen schaffen. Das meint sie nicht als Rekordversuch. Eher als Experiment. Denn ob es auch nur ein paar Stimmen mehr bringt als ohne all den großen Aufwand, lässt sich vermutlich nicht ermitteln. Es sei denn, sie erobert das Direktmandat. Dafür sind die Chancen in dieser Gegend gering, sehr gering.

Peter Hörnig trägt als Mitglied des Wahlkampf-Teams ein rotes T-Shirt. Peter Hörnig ist ein gestandener Parteiarbeiter und ein bewährter Organisator. Nachdem die Basis signalisiert hatte, dass sie auch für den neuen Bundestag mit ihrer Abgeordneten rechnet, begannen die Vorbereitungen für die große Tour. Akribisch wählte er die Streckenführung aus; erst fuhr er alle Dörfer ab, um zu testen, ob die Termine auch wirklich eingehalten werden können, und dann wiederholte er die Übung, um die Plakate mit der Ankündigung anzubringen: Die Abgeordnete hier im Ort, dann und dann. Gut lesbar an der Hauptstraße, neben der Kirche oder bei der Buswendeschleife – dort, wo sich Auswärtige das meiste Leben vorstellen.

Startort an diesem Morgen ist Tarnow, etwa auf halben Wege zwischen Schwerin und Rostock. Heidrun Bluhm und ihr Mann Uwe kommen per Wohnmobil mit der Aufschrift »Hier ist DIE LINKE«. Ein paar Minuten vor ihnen sind Peter sowie der Landtagsabgeordnete Fritz Tack und sein Mitstreiter Sven Sauer eingetroffen. Und außerdem: ein Bürger! Der tastet sich vorsichtig ran: »Hier soll eine Kundgebung stattfinden?« Nein, nein. Peter erläutert, dass die Politikerin sich informieren und, wenn gewünscht, gern Fragen beantworten möchte. Aha. Das klingt ihm nicht schlecht, weswegen er einem vorbeiradelnden älteren Tornower Bescheid gibt: »Heute ist hier was los.« Der Vorbeiradler mag nicht anhalten; was los sein soll, will er nicht wissen, oder vielleicht ahnt er es: »Ah, damit hab ich nichts im Sinn.«

Der Interessierte und die Abgeordnete finden unkompliziert ins Gespräch, es dauert gut 50 Minuten, bis Peter zur Weiterfahrt drängt. Der Mann im mittleren Alter erweist sich als vielseitig informiert. »Warum«, will er wissen, »reden alle Parteien so oft übereinander und nicht miteinander? Warum suchen sie nicht sachlich nach Lösungen?« Parteipolitisch lässt er keine Vorlieben erkennen. Von Auslandseinsätzen bis zur Abwanderung bewegt ihn vieles. Eine seiner Fragen: Wie sollen in Mecklenburg kleine Unternehmen einen Mindestlohn zahlen können? »Da ist nichts. Ich kenne Leute, die haben für ihre Firma die Sparbüchsen der Kinder geplündert.«

Die Parlamentarierin geht auf die speziellen Probleme ein und spannt geübt den Bogen zur allgemeinen Parteipolitik, zum Wahlprogramm, zur Bundestagsfraktion. Die Abgeordnete hat die Fakten parat, verweist auf die Möglichkeiten der Opposition, reagiert auf Nach- und auf neue Fragen. Die Abgeordnete spricht – für eine gebürtige Mecklenburgerin zumal – schneller als schnell. Das sei auch eine Temperamentsfrage, sie sei ein bisschen aus der Art geschlagen, berichtet sie später. Ihre Großmutter gehörte zu den fahrenden Roma, bis ins hohe Alter zog sie aller zwei Jahre um. Und stolz war sie! Auf ihre Politik-Enkelin.

Während Politikerin und Bürger zwischen Kirche, Antik-Handel und Freiwilliger Feuerwehr – mit einem Wink im Schaukasten: »Dein Platz ist noch frei« – im Dialog stehen, gehen die anderen die Dorfstraßen lang, eine nach der anderen. Sie stecken Flyer mit Bluhm und Flugblätter mit Gysi/Lafontaine, einige Briefkästen sind direkt am Gartenzaun angebracht, andere am Haus, manche irgendwo auf dem Grundstück. Mal bebellt ein Hund sein Revier, mal schlendert leicht verwundert ein Herrchen entgegen. Wie jener Mann ganz am Ortsende: »Sie kommen ja so spät! Heute sind die Wahlen ...?« Nein, nein, heute ist die Abgeordnete der LINKEN in Ihrem Ort. – »Wirklich? Hab' ich gar nicht gelesen.«

Der Tornower freut sich dennoch, auch über den kleinen Plausch, erzählt, dass er in der Straßenmeisterei gearbeitet hat, bis er »mit 58 nicht mehr gebraucht wurde«. Nun ist viel Zeit da für Haus und Garten und fürs Schwätzchen und für die Jagd. Wildschweine. Die bringen aber nicht viel, die bringen sogar weniger, als Hundefutter kostet ... Wir müssen weiter, sind nicht minder dankbar fürs Gespräch, das Kandidatinporträt hat der Bürger jetzt Schwarz auf Weiß, den Wahltermin auch.

In Zernin, der Stecktrupp ist wieder straßauf, straßab unterwegs und die Abgeordnete wartet wieder, vergebens, auf Interessierte, weist Fritz Tack auf eine Dachseite der sanierten Feldsteinkirche: Solarzellen. Eine Tafel gibt Auskunft über deren Leistungsfähigkeit. Immer lebe die Sonne! Eingeweiht wurde das moderne Stück vom damaligen Umweltminister Wolfgang Methling, Landwirtschaftsfachmann und Professor wie Tack.

Fritz Tack zog es spät in die Politik. Mit 62 kandidierte er erstmals für eine Kommunalvertretung, mit 64 für den Landtag. Der Abgeordnete berichtet angenehm ruhig und für den Laien anschaulich, welches Feld er bevorzugt beackert: nachhaltige Landwirtschaft. Bis 1990 waren in Mecklenburg-Vorpommern rund 120.000 Frauen und Männer mit Feld- und Viehwirtschaft beschäftigt, gegenwärtig sind es 23.000. Eins der Probleme ist die Schließung von Verarbeitungsbetrieben; sie bringt auch Bauern um ihr Brot. Seit die Zuckerfabrik in Güstrow (mit 120 Arbeitsplätzen) dicht gemacht wurde, ist als Folge, wie es der Professor knapp beschreibt, die »Rübe weg«. Was nicht für die Verwertung gebraucht wird, scheint verloren. Für den Boden wie für den Arbeitsplatz. Das macht den Agrarexperten unruhig, entsprechend stark setzt er sich für sogenannte regionale Wirtschaftskreisläufe ein. Konkret: für dezentrale Anlagen, in denen das gesamte Jahr über auf Rübenbasis Bio-Ethanol und Biogas erzeugt werden sollen. Denn: »Die Rübe muss wieder her.« Und dazu eine neue Winter-Rübe, so ein Jahr ist schließlich lang und auch die Anlagen müssen sich lohnen.

Sven Sauer mag man von Weitem ansehen, dass er nicht von »hier« stammt: Anhänger am Ohr und ein schwarzes T-Shirt mit allerlei Abzeichen drauf, gegen Nazis und so. In jedem Ort schnappt sich Sven unaufgeregt einen Packen Wahlmaterial und zieht die Straße entlang, als tue er dies seit Jahr und Tag. Seine Wiege stand in der Lüneburger Heide, er studierte in Dortmund, wo er Mitte der neunziger Jahre zur PDS stieß, und landete anschließend in Güstrow. Inzwischen fühlt er sich heimisch, ist Wahlkreismitarbeiter und Vorsitzender einer Basisorganisation und also doch von hier.

Klinken putzen, Angebote machen, Zuhören, Probleme aufnehmen, Basisdemokratie praktizieren – das will Heidrun Bluhm, »so mühsam das ist«. Manchmal ist es sehr mühsam. »Für viele sind wir Politiker alle gleich.« Nach drei Sommertouren hat die Abgeordnete und Kandidatin keine Illusionen mehr. Viele Orte hätte voher noch nie ein Politiker aufgesucht. Außerdem seien die Mecklenburger nun mal »eher« ruhig, zurückhaltend, abwartend, skeptisch (und oft einfach gar nicht da). Sie erzählt die Geschichte von einem alten Mann auf der Bank, der nach ihrer Eröffnung, weswegen sie komme und dass er sie nach allem Möglichen befragen könne, in großer mecklenburgischer Gelassenheit entgegnete: »Ich weiß gar nicht, was ich Sie fragen soll.« Irgendwie sind die beiden dann doch ein wenig ins Gespräch geraten über das schöne Dorf und das Wetter und den Garten; zum Schluss nahm der Alte den Flyer und die Kandidatin ein Bund Radieschen.

Das Kontrastprogramm erleben wir in Katelbogen. An einer Ecke der Hauptstraße erwarten Monika Kuhlmann, die Ortsteilbürgermeisterin, und ein Herr von der Volkssolidarität die Politikerin, so was gibt's. Frau Kuhlmann, Jahrgang 1957, beruflich Sozialpädagogin und ähnlich agil wie Frau Bluhm, möchte ihr Dorf vorstellen. Ja, hier lasse es sich angenehm wohnen. Katelbogen habe 140 Einwohnerinnen und Einwohner und ein schönes Schloss, das endlich, im vierten oder fünften Anlauf, verkauft werden konnte und nun peu a peu saniert wird. Zwei Organisationen seien für den Alltag geradezu lebensnotwendig: Freiwillige Feuerwehr und Volkssolidarität. »Was die Feuerwehr nicht weiß, weiß die Volkssolidarität. Was die Volkssolidarität nicht weiß, weiß die Feuerwehr. Und was Feuerwehr und Volkssolidarität nicht wissen, weiß überhaupt niemand.« Dorffeste wie früher veranstalteten sie nicht mehr, weil dessen Vorbereitung ewig allein bei den gleichen Helferinnen und Helfern hängen geblieben sei. Also finde man andere Formen des Feierns.

Ein betagtes Ehepaar, mit Strohhut auf dem Kopf und chick gekleidet wie auf einer Kreuzfahrt, hält auf seiner täglichen Spazierrunde inne und hört sich aufmerksam an, was es mit der Fremden auf sich hat. Frau Effler vom Eckgrundstück bringt fürs Paar zwei Plaststühle, ihr Mann hält sich ein wenig zurück und auch ihr Hund Benno. Derweil kommen Großeltern mit Enkel vorüber, kurzer Gruß und kurzer Plausch. Was ist zu tun für die Zukunft kleiner Gemeinden? Wie neue Arbeitsplätze schaffen? Und wie bestehende bezahlen? Frau Effler findet, Arbeitslose sollten viel flexibler sein – sie habe für Arbeit auch weite Wege zurücklegen müssen. Wer dazu nicht bereit sei, sollte das zu spüren bekommen. Das findet Widerspruch der LINKEN-Abgeordneten, Wahlkampf bedeutet schließlich nicht Anbiederei. Es geht ein bisschen hin und her. Ein 40-jähriger tritt hinzu, zurückhaltend ist er und doch neu gewähltes Mitglied im Gemeinderat; nach einigen Minuten erfahren wir, er hat als Parteiloser für DIE LINKE kandidiert. Dann zieht ein Mann einen kräftigen Schäferhund heran (oder doch umgekehrt); der Hund will von den Kontaktversuchen der Abgeordneten erstaunlicherweise nichts so richtig wissen – sie solle, rät ihr der Hundehalter, sich nicht täuschen lassen. Und schon ist das große Thema »Der Hund im Dorfleben« aufgerufen. Dazu hat fast jeder was zu berichten, auch dass Efflers Benno lange Zeit das Prädikat »der Decker von Katelbogen« trug.

Das Spazier-Ehepaar will weiter, es ist Zeit für den Nachmittagskaffee. Die umsichtige Bürgermeisterin verrät, wovon sie träumt für ihr Dorf: von einem Platz der Generationen, mit Fitnessgeräten. So was wäre bestimmt schön, sagt sie fragend, so was habe sie im Urlaub an der spanischen Küste gesehen. Prima Idee. Bei der Verabschiedung rät die Politikerin, sich bei Sorgen oder Fragen einfach zu melden, worauf die Gastgeberin verspricht: »Da können Sie sicher sein.«

Ein Auflauf in Katelbogen. Ein bisschen Abwechslung für alle und Ermunterung im Wahlkampf. So macht er Spaß. Und den können Heidrun und ihre Leute auf ihrem weiten Weg brauchen. Nach Lage der Dinge werden sie bis zum 27. September sogar in allen 249 Dörfern und Dörfchen von »017« Halt und Wahlkampf gemacht haben.

Geboren 1958 in Schwerin. Zwei Kinder, zwei Enkel. Bauzeichnerin. Gesellschaftswissenschaftlerin. Designerin. Politikerin. Erste Stellvertreterin des Oberbürgermeisters von Schwerin (2002/05). Bundestagsabgeordnete seit 2005. Mitglied im Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Seit 10. August auf Wahltour durch die Dörfer. Die letzten werden am 24. September Kankel (10:00 bis 11:00, Buswendeschleife), Sabel (11:05 bis 12:00, Dorfgemeinschaftshaus), Klein Sprenz (12:15 bis 13:00, Ortsmitte), Hohen Sprenz (13:15 bis 14:15, Ortsmitte), Karow (14:45 bis 15:30, Ortsmitte), Lüssow (15:45 bis 16:45, Zur Schleuse) und Groß Schwiesow (17:00 bis 18:00, Am Speicher) sein.