Disput

Erste Ermittlungen

Nachdenken auch über die Zukunft. Der Thüringer Oberkommissar Frank Tempel strebt als Abgeordneter in den Bundestag

Du bist Kriminalist, welchen Spuren gehst du nach?
Ich arbeite beim Kriminaldauerdienst. Der umfasst die gesamte Palette: von Todesfällen über Sexualdelikte, Raubstraftaten ... Das heißt Tatortarbeit, erste Ermittlungen, erste Vernehmungen, bis das an den normalen Tagdienst überwiesen wird.
Es macht sehr viel Spaß; deswegen würde ich nicht nur mit einem lachenden Auge in den Bundestag ziehen.

Was ist daran für dich interessant?

Die Abwechslung und dass man die komplette Palette der kriminalpolizeilichen Arbeit hat. Jeden Tag andere Menschen, andere Probleme. Man hat ja nicht nur mit Tätern zu tun, sondern auch mit Betroffenen. Es sind sehr emotionale Sachen dabei, wie der plötzliche Kindstod. Auch Freude, wenn man beispielsweise ein vermisstes Kind nach Hause bringen kann.
Ich bin nicht so dafür geboren, jeden Tag an derselben Maschine zu stehen. Ich brauche Menschen. Die habe ich in der Politik auch – mit anderen Themen.

Was sagen die Kollegen zu deiner Kandidatur?
Die setzen darin teilweise Hoffnungen, die man nicht unbedingt erfüllen kann. Jede Gruppe erwartet, was für sie ideal wäre: die Polizei bestmögliche Arbeitsbedingungen, eine bessere Ausstattung. Aber gleich, auf welcher politischen Ebene man tätig ist, ist man an Rahmenbedingungen gebunden. Zaubern kann man als Abgeordneter auch nicht. Man kann jedoch sehr viel in die richtige Richtung bewirken.
Manchmal wird die Polizei für rechtliche Änderungen missbraucht, die mit ihrer Arbeit überhaupt nichts zu tun haben, wenn ich an Onlinedurchsuchungen oder die Debatten um Bundeswehreinsätze im Inneren denke.

Noch mal zu deinen Kollegen, zeigen sie für den Wahltag den Daumen nach oben?
Sie sind total optimistisch, für die bin ich schon so gut wie im Bundestag. Positive Resonanz bekomme ich selbst von Kollegen, von denen ich weiß, dass sie die CDU wählen. Da gibt es wohl das Gefühl: Das ist einer von uns, der da antritt.
Ich komme kaum dazu, über was anderes zu reden. Im Dienst darf ich ja eigentlich nicht parteipolitisch tätig werden, aber mir werden natürlich Gespräche genau in diese Richtung aufgedrückt. Die Kollegen interessieren sich für die Themen. Es ist eben immer noch das Problem, dass sich viele im Beamtenbereich und im öffentlichen Dienst nicht trauen, politisch aktiv tätig zu sein. Weil sie der Meinung sind, dass das für die berufliche Entwicklung nicht gut ist. Ich zeige ein bisschen, dass es doch geht.
Ich weiß natürlich auch, dass von den höheren Chefs nicht jeder meine Kandidatur gern sieht. Fairerweise muss ich sagen, ich werde nicht benachteiligt, nicht behindert.

Und wie ist das in der Öffentlichkeit – wie wirkt ein linker Kriminalbeamter, der in den Bundestag will, als Kandidat?
Er erregt Aufmerksamkeit. Der Mensch ist voller Vorurteile, und DIE LINKE hat ihren Stempel weg. Für viele passen staatlicher Bediensteter, Beamter und Linker nicht richtig in das Schema. Deswegen hört man mir vielleicht manchmal genauer zu als einem anderen, von dem man glaubt, sowieso schon zu wissen, was der sagt.
Manche fragen mich, wie das geht: Polizei und Linker. Ich antworte dann: Indem ich meinen Beruf ernst und den Dienst am Menschen wörtlich nehme.

Wo kandidierst du?

Auf Platz 4 der Landesliste Thüringen mit guten Chancen und als Direktkandidat im Wahlkreis 195 (Greiz/Altenburger Land). In Altenburg bin ich als Fraktionsvorsitzender im Kreistag und als Kreisvorsitzender der Partei recht gut bekannt, in der Region Greiz und Zeulenroda muss ich daran noch arbeiten, muss mit den Leuten reden und dazulernen.
Gegen den CDU-Bundestagsabgeordneten habe ich sechs Prozent aufzuholen. Ich habe eine Außenseiterchance, aber dazu ist ein sehr guter Wahlkampf notwendig.

Wir unterhalten uns wenige Tage vor der Landtagswahl, wie willst du anschließend deinen Bundestagswahlkampf führen?

Damit ich ihn mit hundert Prozent Einsatz machen kann, habe ich viel Urlaub angesammelt. Ich habe mir vorgenommen, mich mehr auf meine Helferinnen und Helfer zu verlassen, was die Vorbereitungen und das Verteilen von Wahlkampfmaterialien betrifft. So habe ich zusätzlich Zeit für Termine mit Bürgerinnen und Bürgern, mit Verbänden und Vereinen.
Ich weiß: Mit dem Thema innere Sicherheit reiße ich auf dem Marktplatz nicht die Leute vom Hocker. Das ist ein sehr spezielles Fachthema. Aber ich habe Grundanliegen wie direkte Demokratie, die die Leute durchaus bewegt, skeptisch wie positiv. Ich möchte, dass sie nicht nur sagen, ich wähle dich und nun mach’ mal die nächsten vier Jahre, sondern dass sie verstehen, dass Demokratie halt Mitmachen ist. Das ist mein Wahlkampf.
Für die Tätigkeit im Bundestag habe ich mir das Herangehen unserer bisherigen Bundestagsabgeordneten sehr genau angeguckt. Da gibt es Dinge, die ich gut finde, und Dinge, die ich nicht gut finde.

Das musst du genauer erläutern.

Zum Beispiel Frank Spieth. Der hat schon vor vier Jahren gesagt, er will so arbeiten, dass ihn die Leute in seinem Wahlkreis jetzt direkt wählen. Das finde ich enorm wichtig. Er hat beispielsweise eine Zeitung zu seiner Arbeit und zur Arbeit der Bundestagsfraktion herausgegeben. Ich werde gucken, ob in meinem ländlichen Bereich etwas Ähnliches geht: diese Bürgernähe schaffen.
Wenn ich einen Bodo Ramelow auf der Bühne sehe, weiß ich, dass ich bis zur Rente weiter lernen kann. Aber ich bin ein anderer Typ, der auf anderen Gebieten besser werden kann als er. Und auf anderen Gebieten muss ich gar nicht mit ihm konkurrieren.
Gut ist auch die Zusammenarbeit mit außerparlamentarischen Bewegungen durch Abgeordnete. Außerparlamentarisches und Parlamentarisches zusammenzubringen, will auch ich versuchen. Denn direkte Demokratie ist eben nicht, nur alle paare Jahre wählen zu gehen und die Gewählten dann bis zur nächsten Wahl machen zu lassen, was sie wollen.

Und was gefiel dir in deinem Abgeordnetentest nicht?
Die Orientierung zu Berlin ist bei manchen Bundestagsabgeordneten – da sage ich jetzt keine Namen – einfach zu stark. Sie sind zu viel in Berlin, sie vergessen, dass sie für Thüringen in Berlin sind, und sie vergessen ein bisschen die Zusammenarbeit mit der eigenen Basis. Für mich werden Thüringen und mein Wahlkreis Priorität haben. Der enge Dialog ist mir sehr wichtig. Ich will zum Beispiel im Kreistag bleiben. Die Verbindung von Kommunal- und Bundespolitik ist ein Muss für mich. Im Gemeinderat bin ich auch, ich werde gucken, ob das noch geht. Da muss ich ehrlich sein, denn ich will es ja ordentlich machen.

Interview: Stefan Richter

 

Frank Tempel: 40 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, seit zehn Jahren Kriminalbeamter im gehobenen Dienst, Motorradfan (13 Jahre alte Suzuki)