Disput

Frauenpolitik greift zu kurz

Beide Perspektiven denken! Ein Netzwerk für moderne linke Geschlechterpolitik

Von Birke Bull

»Gute Jungs kommen an die Macht, böse in die Sonderschule«, heißt es bei der Erziehungswissenschaftlerin Ilka Hoffmann in ihrem 2006 erschienen Buch. Es geht um die Benachteiligung von Jungen im Schulsystem. Denn es sind vor allem Jungen, die mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten aus dem Regelschulsystem hierzulande ausgesondert werden. Auch müssen sie deutlich öfter die Klasse wiederholen, sie müssen häufiger den Rückzug aus dem Gymnasium in die Realschule antreten. Sie verweigern deutlich häufiger die Schule als Mädchen. Und überhaupt sind sie – zumindest gemessen an den Schulnoten – die leistungsschwächeren Real- und Gymnasialschüler.

Was hat das nun mit Frauenpolitik zu tun? Nichts, könnte man meinen. Es geht ja um Jungen. Aber vielleicht doch. Es sind nämlich Frauen, die in den Kitas und Grundschulen die Bildungschancen von Jungen stark beeinflussen, sieht man an dieser Stelle mal von den Zwängen im System selbst ab, die ihrerseits aber auch in maßgeblichem Umfang von Menschen selbst gemacht werden. Hinzu kommt: Es fehlen die männlichen Akteure, aus pädagogischer Sicht eine hochproblematische Angelegenheit. Männer sind in den Kindertagesstätten und Grundschulen leider eine eher zu vernachlässigende Größe – zahlenmäßig jedenfalls. Die völlig zu Recht erhobene Forderung nach einer Verbesserung der Einkommenssituation für Erzieher/innen wird daran vermutlich nur marginal etwas ändern, denn die einseitige Berufsorientierung hat mit traditionellen Männerbildern zu tun. Nur dafür ist Frauenpolitik nicht wirklich zuständig.

Auf der anderen Seite ist das katholische Mädchen vom Lande – einst Symbol für die Bildungsbenachteiligung von Frauen – nun bildungserfolgreich. Ist es das? Der formale Bildungserfolg von jungen Frauen in der Schule dürfte unumstritten sein. Dennoch entscheiden sie sich dann mehrheitlich für ein extrem schmales Angebot von Berufsausbildungen. Und zwar für jene Ausbildungen, die kaum Aufstiegschancen oder ein halbwegs gutes Einkommen zu bieten haben. In den zukunftsträchtigen Studiengängen wie Informatik sind junge Frauen weitgehend abwesend. Ihr Anteil an den professoralen Lehrstühlen insgesamt hat sich mittlerweile, quasi im Schneckentempo, in den zweistelligen Bereich gequält. Es gelingt Frauen ganz offensichtlich nicht, ihren schulischen Bildungserfolg auf dem Arbeitsmarkt fortzusetzen. Das wird auch nicht möglich sein, so lange erwerbstätige Männer in der Regel bleiben, wie sie sein sollen: eher weniger familiengebunden, dafür aber umso mehr räumlich und zeitlich flexibel und dementsprechend ent- beziehungsweise belohnt als Familienernährer. Neue Männer braucht das Land. Aber auch das ist nicht so wirklich vordergründig das Thema von Frauenpolitik.

So langsam dürfte das Dilemma traditioneller Frauenpolitik offenbar werden. Ein Tunnelblick auf die Frauenfrage kann kaum erfolgreich sein, um die Geschlechterverhältnisse nachhaltig gerechter zu machen. Zu sehr sind beide Geschlechter in ihren jeweils unterschiedlichen Einfluss- und Gestaltungspotenzialen miteinander verwoben, zu sehr ist die Benachteiligung des einen mit der Privilegierung des anderen Geschlechts verbunden – und zwar wechselseitig –, als dass ein einseitiger Blick darauf die Probleme lösen könnte.

Was nützt das naturwissenschaftlich-technische Interesse von Frauen, wenn das soziale Interesse hingegen bei den jungen Männern unterentwickelt bleibt?

Was nützt die Erwerbsbeteiligung von Frauen, wenn Männer bei der Übernahme von Verantwortung für Haus- und Familienarbeit fortwährend behindert werden? Frauen droht die Doppelbelastung, wenn Männer ihre Vermeidungsstrategien zu Hause nicht aufgeben (können).

Was wiederum nützt die Beteiligung von Vätern an der Erziehungsarbeit, wenn Frauen keine anderen Verantwortungsfelder hinzugewinnen? Wenn Frauen wollen, dass Männer mehr Verantwortung für Kinder übernehmen, dann müssen sie von der eigenen etwas abgeben.

Politik für Frauen oder Mädchen muss Politik für Männer und für Jungen mitdenken. Es geht um mehr als um Frauenpolitik. Es geht um eine moderne linke Geschlechterpolitik.

Aus dieser Erkenntnis entstand in der Partei DIE LINKE der Wunsch nach einer Plattform für moderne linke Geschlechterpolitik. Es soll ein Netzwerk sein, um Debatten anzuregen, Standpunkte auszutauschen, Informationen weiterzugeben und Kontakte aufzubauen. Das Medium dafür ist zunächst ein Internetforum: www.forum-linke-geschlechterpolitik.de. Interessante und kontroverse Fragen sollen gemeinsam mit ExpertInnen aus der Wissenschaft, der Politik und aus dem außerparlamentarischen Aktionsfeld diskutiert werden – transparent, mit klaren demokratischen Regeln – offen für alle, die sich für eine moderne linke Geschlechterpolitik interessieren und engagieren. Und sei es nur zeitweise, themenbezogen oder in anderer Weise sporadisch.

Mit Hilfe dieser Plattform sollen Konzepte erarbeitet, politische Beratung ermöglicht und ein linker geschlechterpolitischer Diskurs in der Partei DIE LINKE und darüber hinaus initiiert werden. Wissen, Engagement und Interesse kann so vernetzt werden.

Wir wünschen uns dabei viele Unterstützer/innen, die ein solches Projekt aktiv begleiten. Wir wollen eine effektive, substanzielle und zugleich lebendige Netzwerkarbeit, um dabei mit den individuellen Ressourcen an Zeit und materiellen Möglichkeiten sehr verantwortungsvoll umzugehen. Alle, die sich für eine moderne linke Geschlechterpolitik interessieren und engagieren wollen, sind herzlich willkommen auf www.forum-linke-geschlechterpolitik.de!