Disput

Der wichtigste Tag

Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Doernberg, 85, Antifaschist, Historiker, stellvertretender Vorsitzender des Ältestenrates der Partei DIE LINKE.

Nachtrag: Stefan Doernberg ist am 3. Mai 2010, wenige Tage vor dem Jahrestag der Befreiung, verstorben. DIE LINKE wird sein Andenken in Ehren bewahren.

Im April 1945 kehrte Stefan Doernberg in der Uniform der Roten Armee in seine Heimatstadt Berlin zurück.

Dieser »DISPUT« erscheint am 15. April. Lass uns zurückblättern in deiner Biografie: Kannst du dich erinnern, wo du – als Leutnant der Roten Armee – Mitte April vor 65 Jahren gewesen bist?

Da kann ich mich genau erinnern: Ich war auf dem Brückenkopf an der Oder, vor den Seelower Höhen. Am nächsten Tag sollte die letzte große Schlacht des Krieges beginnen.

Der Krieg kehrte zu seinem Ausgangsort zurück. Berlin, deinen Geburtsort, musste deine Familie zehn Jahr zuvor verlassen. Ihr hattet in der Sowjetunion Aufnahme gefunden. Wie hast du 1941 den Überfall Hitler-Deutschlands erlebt?

Als ich am 22. Juni – einen Tag nach meinem 17. Geburtstag – in Moskau erfuhr, dass die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hat, meldete ich mich als Freiwilliger zur Roten Armee. Ich bin davon ausgegangen, dass ich das Gleiche tun muss wie meine Klassenkameraden; die waren ein Jahr älter und hatten bereits den Bescheid, dass sie in die Armee eingezogen werden sollten.

Das Land, das mich zusammen mit meinen Eltern als Emigranten aufgenommen hatte, das mir die Möglichkeit gegeben hatte, das Abitur zu machen, das in gewisser Hinsicht zur zweiten Heimat geworden war, dieses Land musste ich vor dem Faschismus schützen. Und ganz im Unterbewusstsein dachte ich: Wenn du in die Rote Armee gehst, wirst du wahrscheinlich einer der ersten deutschen Emigranten sein, der wieder nach Deutschland zurückkommt. Ich war völlig davon überzeugt – und das war allgemein die Überzeugung –, dass dieser aufgezwungene Krieg mit dem Sieg der Sowjetunion enden wird. Heute weiß ich, so automatisch und gesetzmäßig ist das nicht geschehen.

Als Kind hattest du in Berlin erkannt, was Faschismus bedeutet?

Das hatte ich seit 1933 in der Praxis erlebt. Aber schon vorher war ja bekannt, dass eine große faschistische Gefahr besteht. Ich war noch sehr jung; meine Schwester, die viereinhalb Jahre älter war, hat mich über vieles aufgeklärt; mein Vater sicherlich auch.

1933 ist mein Vater, der Kommunist war, untergetaucht, wurde dann aber verhaftet und zur Gestapo in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Bei uns zu Hause gab es eine furchtbare Hausdurchsuchung durch die SA. Ich erlebte den 1. April, den ersten Tag mit offener Hetze und Boykott gegen Juden. Das alles und wie es 1933, '34, '35 weiterging machte mir bewusst, dass hier ein furchtbar reaktionäres, furchtbar militaristisches Regime installiert worden ist. Die bei den Wahlen 1932 von den Kommunisten ausgegebene Losung »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg« war für mich, daran erinnere ich mich, keine leere Losung.

Du hast sehr verschiedene Seiten der Sowjetunion erlebt. Einerseits konntest du als Emigrant lernen, das Abitur machen, konntest ins Ferienlager, deine Eltern waren zweimal im Sanatorium ... Andererseits wurde dein Vater willkürlich ins Gefängnis gesteckt, deine Mutter durfte nicht in Moskau bleiben. Und 1938 wurdet ihr sogar ausgewiesen.

Es war für uns die wohl tragischste Situation, als wir die Sowjetunion verlassen sollten; wohin, war den Behörden egal. Über zwei Wochen haben wir illegal gelebt und bei unterschiedlichsten Stellen versucht, die Ausweisung rückgängig zu machen. Schließlich waren wir in der Sprechstunde bei Kalinin, dem offiziellen Staatsoberhaupt. Meine Mutter sprach sehr schlecht Russisch, ich musste übersetzen. Wir erzählten, dass es für uns keine Möglichkeit gäbe, nach Deutschland zurückzukehren: als Emigranten, noch dazu als Juden. Kalinin sagte, er wolle sich erkundigen und wir sollten in einer Woche wiederkommen. Er wusste, dass wir illegal in Moskau lebten. Nach einer Woche teilte uns einer seiner Mitarbeiter mit, die Sache sei geklärt, wir dürften bleiben.

Das war eine furchtbare Situation: Uns war klar, dass es überhaupt keine Grundlage für die Verhaftung des Vaters gegeben haben konnte; wir hatten auch nie eine offizielle Mitteilung erhalten. Das Ausmaß der Terrorwelle 1937/38 war weder uns noch sonst jemandem bekannt.

Du hast dich zu Kriegsbeginn freiwillig zur Roten Armee gemeldet. Wo wurdest du eingesetzt?

Man sagte mir, ich sei zu jung. Doch eine Woche später stellte der Moskauer Komsomol Freiwilligenbrigaden auf, und ich war dabei.

Ich wunderte mich damals: Wie alle dachte ich, wir fahren mit dem Zug in die Gegend von Minsk, wir wurden aber schon 250 Kilometer westlich von Moskau, südlich von Smolensk, ausgeladen. Heute weiß ich, dass bereits drei Tage nach Beginn des Krieges im Zentralkomitee eine Kommission gebildet worden war, die sich mit dem Bau dieser Verteidigungsanlagen befasste. Das heißt, ein solcher Rückzug erschien als notwendig.

Wir hoben Panzersperrgräben aus, bis es Frontgebiet wurde, etwa am 15. August. Später arbeitete ich als Elektroschweißer in einem evakuierten Betrieb im Ural. Ein halbes Jahr lang war ich dann als Deutscher in einem Arbeitslager unter höchst schweren Bedingungen interniert. Mir gelang es, einen Brief an Wilhelm Pieck zu senden, erfuhr aber nicht, ob er ihn erhalten hatte. Doch dann wurde ich aus dem Lager entlassen, und schon wenige Tage später kam die Aufforderung, in der Nähe von Ufa eine Schule der Komintern zu besuchen. Wilhelm Pieck hatte das veranlasst, wie eine Einsicht in Archivmaterialien aber erst nach 50 Jahren bestätigte.

Das kann irritieren: ein Schulbesuch ausgerechnet mitten im schrecklichen Krieg?

Das war weitsichtig. Man ging davon aus, dass die Anti-Hitler-Koalition siegen wird, man unterstützte den antifaschistischen Kampf während des Krieges und bereitete die Schüler auf die Aufgaben nach dem Krieg vor. An der Schule erhielt ich erstmals mehr Kenntnisse über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Wir haben uns auch sehr aufmerksam mit der Entwicklung des faschistischen Regimes befasst, warum beispielsweise ihre Propaganda so wirksam war.

In all den Jahren hattest du den Wunsch, an die Front zu gehen?

Ja, ich habe mehrmals den Antrag gestellt, auch im Ural. Die richtige Möglichkeit ergab sich im Sommer 1943. Ich kam in eine Abteilung, die offiziell als Einheit für die Arbeit unter den Truppen und der Bevölkerung des Gegners bezeichnet wurde. Wir versuchten mit Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen, die Soldaten und Offiziere der Wehrmacht zum Einstellen des Kampfes zu bewegen. In der 8. Gardearmee verfasste ich Flugblätter, überwachte den Druck, nahm notwendige Korrekturen vor, übersetzte und sprach oft selbst zu den Wehrmachtsangehörigen.

Wie hast du dich in den Jahren gefühlt – mehr als Deutscher, mehr als Russe, oder war es für dich nicht wichtig?

Das für mich überhaupt nicht wichtig. Als Russe habe ich mich nicht gefühlt, konnte ich mich nicht fühlen, ich bin kein Russe. Es war für mich auch gar nicht so einfach, Russisch zu lernen. In allen Fächern habe ich mein Abitur mit Auszeichnung gemacht – außer in Russisch.

Ich war von Kindheit an in einem internationalistischen Geist erzogen, und das hat sich in der Sowjetunion noch mehr durchgebildet. Schon deshalb fühlte ich mich als zur Sowjetunion dazugehörig – aber trotzdem als Deutscher.

Was hast du empfunden bei deiner Rückkehr nach Deutschland? Was gab es da: Trauer, Wut, Freude, Entsetzen, Unverständnis, Hoffnung, Hilflosigkeit ...?

Ich halte nichts von all den Erlebnisberichten, die heute, nach über sechzig Jahren, behaupten, was man im Einzelnen damals genau gefühlt hat. An so was kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich nur daran erinnern: Es herrschte erstens eine große Freude, dass wir uns unmittelbar auf dem Weg nach Berlin befanden, dass der Krieg in einigen Wochen oder Monaten zu Ende geht. Das Zweite war, und nach vielen Gesprächen mit Soldaten und Offizieren der Wehrmacht nach deren Gefangennahme hatte ich nichts anderes erwartet: Die Leute freuten sich nicht, dass sie befreit werden; es würde schwierig werden ... Trotzdem hoffte ich, dass sich nach dem Zusammenbruch des Faschismus ein völlig anderes neues Deutschland entwickeln würde – ein erstmals wirklich demokratisches. Für ein sozialistisches Deutschland gab es nach meiner Meinung damals überhaupt keine Voraussetzung.

Wann kamst du – nach zehn Jahren – wieder nach Berlin?

Am 21. oder 22. April 1945. Es ist natürlich ein absoluter Zufall, dass ich wahrscheinlich der erste deutsche Emigrant war, der wieder nach Berlin zurückkehrte.

Wie hast du den 8. Mai erlebt?

In einer kleinen Druckerei in Schöneweide bereitete ich die neue Ausgabe einer kleinen Zeitung vor, als ich die Anweisung erhielt, mit einem anderen Offizier ein Tonaufzeichnungsgerät aus dem Funkhaus in der Masurenallee zum Stab des Militärkommandanten von Berlin, General Bersarin, zu bringen. Erst in Karlshorst erfuhren wir, wozu das Aufzeichnungsgerät erforderlich war. Dort sollte am Abend die bedingungslose Kapitulation der faschistischen Wehrmacht auf höchster Ebene unterzeichnet und damit die Beendigung des Krieges juristisch fixiert werden. Das Haus, heute ein Museum, blieb mir in Erinnerung, auch das Geschehen rundum wie die gar nicht so strengen Kontrollen und die Ankunft von vielen Militärs in unterschiedlichen Uniformen. Wir verließen Karlshorst kurz vor dem historischen Akt. Ob dabei das Aufzeichnungsgerät benutzt wurde, weiß ich nicht.

In der Nacht zum 9. Mai haben wir natürlich gefeiert, es gab ein langes Salutschießen, vor allem mit Leuchtkugeln. Die Freude über das Kriegsende und den Sieg verband sich mit der Trauer über so furchtbar viele Opfer des faschistischen Raubkriegs.

Du hattest auch eine Waffe?

Eine Pistole, ich habe sie aber nie benutzt. Meine Waffe war ja die ganze Zeit ein Lautsprecherwagen, mit dem ich an der vordersten Front die Soldaten der Wehrmacht aufforderte, mit dem Krieg Schluss zu machen. Auch eine manuell betriebene Druckerei zur Herstellung von Flugblättern mit gleichen Aufrufen. Eine im Krieg eher seltene humane Waffe. Sie erwies sich aber viel weniger effektiv als die Todeswaffen. Und das leider bis zum letzten Kriegstag.

Stärker noch als der 8. Mai hat sich mir allerdings ein anderer Tag eingeprägt. In der Nacht zum 2. Mai war ich zum Gefechtsstand von General Tschuikow – an dem Haus hängt heute eine Gedenktafel – gerufen worden. Dort hatte sich der Befehlshaber des Verteidigungsbereiches Berlin, General Weidling, bereit erklärte, die Waffen zu strecken. Per Hand hatte er einen Befehl verfasst, und ich sollte ihn mit der Schreibmaschine abtippen, weil wir in unserer Abteilung eine Maschine mit lateinischen Typen hatten. Ich habe das getan. Da ich darin nicht ganz perfekt bin – und vielleicht war ich auch nervös –, habe ich mich einmal verschrieben. Aber dieser Tippfehler konnte den Lauf der Geschichte nicht aufhalten.

Was besagte der Befehl?

Er war etwas merkwürdig formuliert, vor allem der Satz am Anfang: »Am 30.4.45 hat sich der Führer selbst entleibt und damit uns, die wir ihm die Treue geschworen hatten, im Stich gelassen.« Die Wortwahl entsprach wohl der Denkweise eines deutschen Militärs damals. Aber Hauptsache es war Schluss mit dem faschistischen Krieg. Seine Schrecken hatte ich oft hautnah miterlebt. Angefangen von Angriffen deutscher Flieger auf Flüchtlingskolonnen bei Smolensk bis zu dem furchtbaren Anblick von tausenden Toten, die noch in den letzten Kriegstagen an den Seelower Höhen ihr Leben lassen mussten. 1944, einen Tag nach der Befreiung von Majdanek, prägte sich mir für immer das erschreckende Bild dieses Vernichtungslagers ein; in ihm wurden etwa eine Million Männer, Frauen und Kinder, vor allem Juden, aber auch Polen, Ukrainer und Russen, vergast oder auf andere Weise ermordet. Im Februar 1945 sah ich eins der ersten KZ auf deutschem Boden: Vor dem Rückzug aus Sonnenburg bei Küstrin hatten die Aufseher 800 Häftlinge viehisch ermordet. Unvergesslich blieben die vielen zerstörten Städte und Dörfer, auch die Trümmer meiner Geburtsstadt.

Der Kapitulationsbefehl wurde mehrfach abgeschrieben. Danach wurden Lautsprecherwagen eingesetzt mit je einem Offizier der Wehrmacht und einem sowjetischer Offizier. Mit einem Major aus Weidlings Stab fuhr ich zu den deutschen Stellungen zwischen Potsdamer Platz und Zoologischem Garten. Wir haben den Befehl verlesen, sind ausgestiegen – er in Uniform und ich in Uniform, so dass alle sehen konnten, es ist keine einseitige Sache. Ich muss gestehen, es hätte sonst was passieren können; es ist aber nichts passiert.

Lange Kolonnen von Soldaten und Offizieren gaben sich gefangen – später las ich die Zahl, es waren 90.000.

Ich will es noch einmal sagen: Mir liegt es fern, das, was ich geleistet habe, überzubewerten. Es war auch eher ein Zufall, dass ich den Mai 1945 so erleben konnte.

Wann hast du dein letztes Quartier in Berlin aufgesucht?

Das war am Nachmittag des 2. Mai. Das Haus in der Holsteinischen Straße in Steglitz stand noch, überall hingen weiße Fahnen; in dieser Straße war ich der erste sowjetische Offizier. Ich erkannte den Schuhmacher aus dem Nachbarhaus an seiner Stimme, und der musterte mich: »Sind Sie nicht der junge Doernberg?« In dem Sinne bin ich wirklich an diesem 2. Mai heimgekehrt.

Du hast den 8. Mai als wichtigsten Tag des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Warum scheust du dich als Wissenschaftler nicht, einen derartigen Superlativ zu wählen?

Ich habe Verständnis, wenn heute manche vielleicht irgendeinen Tag im Jahr 1989 als den wichtigsten Tag ansehen oder andere denken, dass dies der 7. November 1917 mit der Oktoberrevolution war. Trotzdem neige ich, wenn man sich alles überlegt, aus einem Grund dazu zu sagen, der 8. Mai 1945 ist die wichtigste Zäsur des 20. Jahrhunderts, vielleicht nicht nur des 20. Jahrhunderts. Mit diesem Tag wurde die Frage entschieden: Gibt es weiter eine menschliche Zivilisation auf der Erde, oder gibt es sie nicht? Hätte der deutsche Faschismus in diesem Krieg gesiegt – die Möglichkeit darf man nicht völlig ausschließen –, würde es heute keine Zivilisation mehr geben. Ich meine nicht allein, dass zu den 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges wahrscheinlich weitere Hunderte Millionen dazugekommen wären – es gab ja Planungen, dass zumindest die Hälfte der Bevölkerung der Sowjetunion ausgelöscht werden sollte, und den Franzosen wäre es vielleicht nicht viel besser ergangen. Was danach hätte geschehen können, wäre nicht einmal mit einem Rückfall in eine Barbarei vergleichbar gewesen, es hätte mit der Zivilisation nichts mehr zu tun. Darum sage ich: Der 8. Mai ist der wichtigste Tag.

Auch insofern, als der Beweis angetreten worden ist, bei aller Unterschiedlichkeit politischer oder sonstiger Auffassungen ist es möglich, dass Staaten gemeinsam eintreten können für allgemein menschliche Werte. Allgemein menschliche Werte sind nicht die Werte des Westens, es sind nicht die Werte des Ostens, es sind nicht die Werte der bürgerlichen Demokratie, sind nicht allein die Werte des Sozialismus – das ist eine andere Frage.

Wenn du heutzutage im Fernsehen oder unmittelbar Naziaufmärsche auf deutschen Straßen siehst, mit welchem Gefühl?

Zunächst erkenne ich die tiefen historischen Wurzeln dafür, dass es der Kapitalismus ist, aus dessen Schoß immer wieder der Faschismus kriecht. Schon daraus ist es erklärbar, dass es in Deutschland auch heute einzelne Nazis gibt. Denen muss man entgegentreten. Es gibt seit 1945 alle rechtlichen Grundlagen, um nazistisches Auftreten, noch dazu in organisierter Form, zu unterbinden, auch die Existenz der NPD. Das Schlimme besteht darin, dass im Grund genommen dieses Auftreten nicht nur geduldet, sondern unterstützt wird. Wenn ich jetzt höre, dass man aus irgendwelchen formalen Gründen Ermittlungsverfahren gegen Leute anregt, die gegen die Nazis in Dresden protestiert haben, ist eben dies das Schlimme. Das war auch das Schlimme an der Weimarer Republik. Die Nazis sind nicht nur entstanden, weil das Großkapital sie unterstützt hat, sondern weil eben auch viele der Beamten und der politischen Parteien sie unterstützt und sehr schnell gleichgeschaltet haben. Und noch etwas: Schlimm ist, dass man sich bei uns auf einen so neutralen, nichtssagenden Begriff wie Kriegsende geeinigt hat: Da sei eben Krieg gewesen, und der war dann nun zu Ende. Natürlich markierte der 8. Mai das Kriegsende. Aber damit war seine Bedeutung nicht erschöpft. Wir müssen doch zumindest so weit gehen wie Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der gesagt hat, es war eine Befreiung auch für das deutsche Volk und dass man den 8. Mai in Zusammenhang sehen muss mit dem 30. Januar 1933.

Du bist Vorsitzender des Verbandes Deutscher in den Streitkräften der Anti-Hitler-Koalition und der Bewegung Freies Deutschland. Wie viele Mitglieder seid ihr?

Von den insgesamt nicht allzu vielen, wenn auch weit mehr als tausend Deutschen, die in den Armeen der Anti-Hitler-Koaltion am Kampf gegen den Faschismus mitwirkten, leben nur noch wenige. Vielleicht fünfzehn Mitglieder unseres Verbandes waren aktiv in der französischen Résistance, in der britischen Armee, in Partisaneneinheiten, in der Roten Armee oder in der Bewegung Freies Deutschland. Der Dietz Verlag veröffentlicht, wahrscheinlich noch im April, unsere Berichte, wie wir den 8. Mai 1945 erlebt haben, und das war sehr unterschiedlich.

Gespräch: Stefan Richter