Disput

Meineid?

Feuilleton

Genau genommen endete der Zweite Weltkrieg nicht am 8. Mai, sondern am 9. Mai. Die vier Delegationen der Alliierten betraten nämlich, angeführt von dem sowjetischen Marschall Shukow, am 8.Mai 1945 um 23.00 Uhr (24.00 Uhr Moskauer Zeit) den Saal des heutigen Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst. Die Sitzung wurde eröffnet. Dann wurde die deutsche Delegation mit Generalfeldmarschall Keitel hereingeführt. Der übergab seine von Hitlers Nachfolger Dönitz unterzeichnete Vollmacht. Keitel wollte noch eine Erklärung vortragen, was abgelehnt wurde. Dann wurde der Wortlaut der Kapitulationsurkunde verlesen und übersetzt. Und als die Dokumente unterzeichnet wurden, war es nach Mitternacht und der 9. Mai angebrochen. Doch die Welt konnte endlich befreit aufatmen.

Die Stimmung war vielerorts gedrückt durch Tod und Verwüstung, durch Hunger und Elend, durch Ohnmacht und Angst. Viele fürchteten, dass nun eine grausame Vergeltung durch die Sieger folgen könnte, die ja in allen Nachbarländern gesehen hatten, was der deutsche Faschismus angerichtet hatte. In dieser Lage hörte man überall in Deutschland drei Schwüre:

1. Nie wieder Krieg! – Doch heute, 65 Jahre später, werden wieder die Särge mit deutschen Soldaten von fremden Kriegsschauplätzen eingeflogen.

2. Nie wieder Faschismus und Rassismus! – Doch 65 Jahre später müssen wieder Barrikaden gegen die Naziaufmärsche in Dresden und anderswo errichtet werden.

3. Nie wieder dürfen Konzerne und Banken Schicksal spielen gegen das Volk! – Doch heute steckt Deutschland in seiner tiefsten Krise der Nachkriegszeit, weil die Allmacht des Großkapitals zur Ohnmacht der Bürger führte.

Alle drei Schwüre entsprachen den Lebensinteressen unseres Volkes. Sie waren Bestandteile des Potsdamer Abkommens der Siegermächte. Sie hatten auch Eingang in viele spätere Landesverfassungen gefunden – in Hessen wie in Nordrhein-Westfalen, in Mecklenburg wie in Sachsen. Sachsen startete am 30. Juni 1946 einen Volksentscheid zur Enteignung der Kriegs- und Naziverbrecher. 6,2 Millionen = 77,62 Prozent waren dafür, 16,56 Prozent dagegen. Flankiert von der Bodenreform, wurde so die sozialökonomische Basis der Machtelite des Dritten Reiches demontiert. Aber nur im Osten Deutschlands.

Bereits am 5. März 1946 war der britische Premier Churchill bei einer Rede in Fulton (USA) von der Politik der Antihitlerkoalition abgerückt, indem er den Kommunismus als Hauptfeind deklarierte. Das war Musik in den Ohren vieler alter Nazigrößen zwischen Ruhr und Alpen. Die inhaftierten Kriegsverbrecher wurden amnestiert und in die Schaltzentralen von Staat und Wirtschaft, Bildung und Justiz, Medien und Armee eingebaut. Und wo es nicht die braunen Lehrmeister waren, da waren es ihre Musterschüler. Die Bonner Republik sollte und wollte die Speerspitze gegen den Kommunismus sein. Das machte die Personalunion der alten und neuen Machthaber möglich – von Kanzleramtschef Globke bis Minister Oberländer, von General Graf Kielmansegg bis Hitlers Chefplaner Heusinger, von den Blutrichtern wie Filbinger bis Flicks Wehrwirtschaftsführer Kaletsch. Der braune Sumpf wurde zwischen Rhein und Elbe nie trocken gelegt. Deshalb steigen bis heute die Blasen auf.

»Deutschland über alles in der Welt!« Das war von Millionen verinnerlicht – nicht in der patriotischen Gesinnung des Dichters, mehr in der nationalistischen Art der großen Führer: Wir sind die Größten! Weltmeister im Autobau, im Export, im Fußball, im Bierverbrauch, im Medaillenspiegel, auf allen Gebieten!

Wer sich so zum Übermenschen macht, macht die anderen zu Untermenschen: »Die Russen sind primitiv«, »Die Polen können nicht wirtschaften«, »Die Griechen können nicht rechnen«, »Die Rumänen sind alle Zigeuner«, »Die Holländer machen nur Käse«, »Den Schweizern fehlt eine deutsche Kavallerie«, »Klinsi, hau die Saudi!«, »Wo Deutschland verliert, haben nur die Schiedsrichter schuld«, »Nun sitzen endlich deutsche Fahrer in den deutschen Rennautos!« usw.

Diese widerliche rassistische Großmannssucht hat uns mehrfach das Genick gebrochen. Das treibt immer neue giftige Blüten. Die geistige Enttrümmerung, die im Osten sehr ernst genommen wurde, steht in weiten Teilen Deutschlands noch aus! Vor allem dort, wo Historiker und Kalendermacher heute streiten, was man zum Datum 8. Mai vermerken sollte: Niederlage, Kapitulation, Befreiung, Zusammenbruch? Die meisten sagen gar nichts. Das war ein »Betriebsunfall« der deutschen Geschichte, den der »Psychopath« Hitler zu verantworten hat. Und der ist mausetot. Welch verhängnisvoller Irrtum!