Disput

Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Zu Robert Havemanns wieder aufgelegtem Buch »Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg. Kritik und reale Utopie«

Von Marko Ferst

Robert Havemann (1910-1982) ist einer der schärfsten und klügsten Systemkritiker im einstigen östlichen Lager gewesen. Er stritt für einen »Berliner Frühling«, eine grundlegende Reform der Politbürokratien. Eine zweite revolutionäre Umwälzung hin zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz sei notwendig. Er forderte, der Artikel 27 der DDR-Verfassung, das Recht auf freie Meinungsäußerung, müsse endlich verwirklicht werden. Es gelang der DDR-Obrigkeit nie, ihn mundtot zu machen.

1943 vom NS-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, überlebte er dank günstiger Umstände. Er hatte untergetauchten Juden geholfen und mit illegal organisierten Zwangsarbeitern zusammengearbeitet, begründete die Widerstandsgruppe »Europäische Union« mit. Später nahm er Partei für den sozialistischen Aufbau, doch die Enthüllung der stalinschen Verbrechen 1956 bewirkten einen Wandel. Seine Aufsehen erregende Vorlesungsreihe an der Berliner Humboldt-Universität 1963/64 führte zum Berufsverbot und dem Ausschluss aus der Partei. Eine Vielzahl von politischen Beiträgen veröffentlichte Havemann international, nachdem er in Ungnade gefallen war, und inspirierte die Oppositionsbewegung in der DDR. 1976 setzte man ihn für mehr als zwei Jahre unter Hausarrest. In Grünheide wurde der gesamte Straßenzug, in dem er wohnte, hermetisch abgeriegelt. Zeitweise ließen die DDR-Oberen ihn mit mehr als 200 Personen operativ bewachen. 1979 beschlagnahmten die Organe seine Bibliothek und Arbeitsmittel. 10.000 Mark Strafe erhielt er wegen eines seiner im Westen publizierten Bände.

In seinem Buch »Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg. Kritik und reale Utopie« versuchte Havemann eine Bestandsaufnahme der politischen Systeme in Ost und West. Er zeigte auf, warum die Politbürokratien nach sowjetischem Muster versagen mussten, und kritisierte zugleich die westlichen Plutokratien. Beide Systeme seien in ihrem Wachstumswahn nicht geeignet, die ökologische Zivilisationskrise zu meistern. So entwarf er eine Sozialutopie, die eine alternativ-ökologische Zukunftsgesellschaft präsentiert, viel Stoff für kontroverse Diskussion. Heute steht die Frage, ob der Untergang unserer Gesellschaften noch aufzuhalten ist, weit drängender auf der weltpolitischen Tagesordnung. Schon Havemann schloss nicht aus, es könnte ein Rückfall in barbarische Zustände drohen, gelingt keine zukunftsfähige, ausbeutungsfreie Ordnung.

Die Ökologische Plattform bei der LINKEN sorgte in Absprache mit Katja Havemann dafür, dass der Band »Morgen« wieder im Buchladen erhältlich ist im Zuge seines 100. Geburtstages. Ein kurzer ökologischer Essay versucht eine aktuelle Lageeinschätzung. Dieser Band dürfte neben Rudolf Bahros »Alternative« zu einem der interessantesten politischen Bücher gehören, die in der DDR entstanden sind. Niemand zuvor hatte dort die ökologische Zivilisationsfrage so radikal behandelt.