Disput

Anders als die Anderen

Ein Blick zurück, ein Blick voraus: Lothar Bisky und Oskar Lafontaine

Mit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai schließt sich ein Kreis: Vor nicht einmal fünf Jahren, unmittelbar nach der NRW-Wahl 2005, machten sich WASG und PDS – und nicht allein sie – auf den Weg, um DIE LINKE zu gründen. Seither ist unglaublich viel geschehen: die Parteigründung, die Bildung der Landes-, Kreis- und Ortsverbände, zwei erfolgreiche Bundestagswahlen, der Einzug in westdeutsche Landesparlamente, die Mindestlohnkampagne und und und. Wie seht ihr als Parteivorsitzende die Bilanz für dieses halbe Jahrzehnt?

 

Lothar Bisky: Die Bilanz ist ausgezeichnet. Natürlich wäre sie mit 60 Prozent noch besser, aber ich sage: Wir haben es geschafft, eine neue Linke in Deutschland einzurichten, was in dem fest gezurrten westdeutschen Parteienspektrum nicht selbstverständlich ist. Keiner hat gedacht, dass für eine linke Partei in Deutschland Platz ist. Alle waren von der Glaubensregel der Bundesrepublik-Alt ausgegangen, links neben der SPD gibt es nichts. Und jetzt haben wir was links neben der SPD. Das ist gut.
Auch ansonsten können wir uns mit den Ergebnissen der letzten Jahre sehen lassen. Dass uns das gelungen ist, ist eine gute Bilanz, unabhängig davon, ob wir bei zwölf oder vierzehn oder zehn Prozent sind.

Oskar Lafontaine: Wir sind die erfolgreichste Parteigründung nach dem Krieg in Deutschland, noch erfolgreicher als die Grünen. Wir sind jetzt zweistellig im Bundestag und wir sind in sechs westdeutschen Landtagen vertreten. Und, was entscheidend ist, wir haben die politische Agenda der Bundesrepublik verändert. Alle Parteien schlagen jetzt soziale Korrekturen vor. Diese Veränderung der Politik, die für uns natürlich viel zu langsam geht, ist ein entscheidendes Anliegen der neuen politischen Kraft DIE LINKE.

Warum muss die Landtagswahl in NRW eine Sache, ich sage mal: eine Herzensangelegenheit der gesamten Partei sein?

 

Oskar Lafontaine: Der Bundesrat ist die Antwort. Im Bundesrat könnte eine andere nordrhein-westfälische Landesregierung den Sozialabbau stoppen. Denn nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen werden Merkel und Westerwelle die Sozialkürzungspläne aus den Schubladen holen.

Lothar Bisky: Ich stimme da vollkommen überein mit Oskar. Wenn wir in den Landtag des bevölkerungsreichsten Bundeslandes rein kämen, wäre das sehr gut – auch aus internationaler Sicht. Es spielt eine große Rolle, dass die deutsche LINKE Erfolg hat, dass sie auch im Westen Fuß fassen konnte. Das ist das Entscheidende. Da ist viel Oskar zu verdanken, ohne ihn wäre es nicht gegangen, das wissen wir alle.
Dass wir im Westen Fuß gefasst haben, gibt international der europäischen Linken Hoffnung. Ich erlebe das täglich: Sie schauen sehr genau hin, was in Deutschland vor sich geht. Sie haben dadurch Hoffnung, dass sie vielleicht auch so eine ähnliche Entwicklung nehmen können.

Ich gehe davon aus, ihr werdet im Wahlkampf aktiv sein... ?

Oskar Lafontaine: Ja, das erwartet man von Parteivorsitzenden. Wir wollen unseren Beitrag leisten, dass DIE LINKE in den nordrhein-westfälischen Landtag einzieht.

Der Einzug ist das Ziel, und nicht irgendeine Prozentzahl?

Oskar Lafontaine: Der Einzug ist das Ziel. Bei der Prozentzahl sind wir nach oben völlig offen.

Nachdem ihr auf dem Rostocker Parteitag den Staffelstab der Parteiführung weitergeben werdet, bleibt ihr selbstverständlich parteipolitisch aktiv, und euer Rat wird bundespolitisch gefragt sein. Also konkret: Vor welchen Aufgaben steht die Partei in den nächsten, sagen wir, zwei, drei Jahren?

Lothar Bisky: Mitglieder gewinnen, neue Strukturen festigen, das Programm diskutieren, aneignen, präzisieren. Es werden programmatische Jahre werden.

Oskar Lafontaine: Zusätzlich: unser Profil weiter schärfen. Ich halte es nicht für vermessen zu sagen, wenn wir den bisherigen Weg fortsetzen, können wir bei der nächsten Bundestagswahl in der Nähe von 15 Prozent landen.

Vor Kurzem habt ihr, nach intensiven Vorarbeiten, den Entwurf für ein Parteiprogramm für die öffentliche Debatte sozusagen freigegeben. Was kann die gründliche Diskussion für die Entwicklung der Partei leisten?

Lothar Bisky: Ich verspreche mir davon, dass der Identität stiftende Kern der Partei gestärkt wird. Das ist viel; nicht alles, aber viel.

Oskar Lafontaine: Uneingeschränkte Zustimmung. DIE LINKE wird – nur so sind ihre Wahlerfolge zu erklären – als eine Partei wahrgenommen, die anders ist als CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Wir sind durch die jüngste Entwicklung bestätigt. Die jetzige Wirtschaftsordnung hat sich als nicht tragfähig erwiesen, sie löst weder die soziale noch die ökologische Frage. Von daher ist unser Anliegen, eine andere Wirtschaftsordnung zu entwickeln, hoch aktuell.

Ihr kennt eure möglichen Nachfolger – Gesine Lötzsch und Klaus Ernst – gut. Was bringen sie mit für die Verantwortung für den gemeinsamen Parteivorsitz?

Oskar Lafontaine: Sag du was zu Klaus, und ich sag was zu Gesine.

Lothar Bisky: Er hat DIE LINKE mit gegründet. Manchmal waren wir beide in den Verhandlungsnächten sehr alleine. Aber wir waren davon überzeugt, dass wir das Richtige tun. Eine linke Partei – sicher mit Widersprüchen und Problemen – muss her, das war unsere feste Überzeugung. Wir wollten beide nicht bei 4,9 Prozent landen. Und Oskar hatte gesagt, er würde dann kandidieren. Das war für uns sehr wichtig. Und wir haben uns durchgerungen.
Der Klaus Ernst ist ein Bayer, das ist natürlich nicht zu »verzeihen«. Er ist ein unerhört zuverlässiger Mensch. Mit dem kann man linke Politik aufbauen. Er hat das Herz am richtigen Fleck. Ich glaube, er ist auch schlau und klug genug und hat genug Erfahrung in der Gewerkschaft und in der Politik gesammelt. Und wenn man ihn nicht einfach nur auf das Schild hebt und stehen lässt, sondern auch unterstützt, wird er das besser machen, als ich es kann.

Oskar Lafontaine: Gesine Lötzsch ist eine erfahrene Politikerin. Sie hat in der Partei und im Parlament gezeigt, dass sie das politische Handwerk beherrscht. Gesine hat deutlich gemacht, dass sie die Probleme des Ostens – die sowieso –, aber auch die des Westens sieht und daher will, dass DIE LINKE eine gesamtdeutsche Partei ist. Sie ist eine Frau, die beides sieht – und das ist mir wirklich wichtig.

Was war in den vergangenen fünf Jahren für euch das Spannendste, das Überraschendste?

Lothar Bisky: So ein Vorsitzendenamt ist ja nicht nur lustbetont. Aber rückblickend gesagt, Oskar: Wir haben uns immer noch nicht richtig gefetzt, das steht noch aus; wir müssen irgendwann einen Streit austragen. Ich hatte immer den Eindruck, wir ziehen gemeinsam am gleichen Strang. Und auch wenn man hier oder da – das ist normal – den einen oder anderen Akzent etwas anders setzt, wir waren uns klar darüber, wir dürfen keinen Streit haben. Das war eine wichtige Frage für die Entwicklung der Partei. Wir haben gezeigt, es geht. Das macht es mir auch für die Zukunft leichter. Ich werd’ ja keine Lehren mehr geben wollen, ich werd’ nicht der Opa sein, der am Rande sagt: Ihr müsst oder sollt ...!
Wir können sagen, wir haben vorgelebt, dass man mit unterschiedlichen Biografien im Interesse der LINKEN gemeinsam Politik gestalten kann. Ohne diese Querelen, die so häufig bei Linken dabei sind; die kann man sich einfach schenken. Das macht mich auch froh über die fünf Jahre, und deshalb werde ich in den nächsten Wochen auch keinen Streit mehr anfangen.

Oskar Lafontaine: Wenn man mir vor fünf Jahren gesagt hätte, ihr werdet im Jahre 2010 mit fast zwölf Prozent im Bundestag sein und in sechs westdeutschen Landtagen sitzen, hätte ich das nicht geglaubt. Es war für mich das Überraschende, dass wir trotz vorhandener Schwierigkeiten, die da oder dort notwendigerweise beim Aufbau einer neuen Partei entstehen, so weit gekommen sind. Ich kann Lothar nur beipflichten, das war ein Gemeinschaftswerk, an dem viele beteiligt waren und das auch nur dann eine Zukunft hat, wenn sich weiterhin viele Frauen und Männer bereit finden, diese Arbeit fortzusetzen, die ja für die Menschen schon etwas bewirkt hat.
Noch einmal: Dass jetzt über Korrekturen des Sozialabbaus diskutiert wird, ist für mich der erste Erfolg der LINKEN. Und dass die anderen Parteien ein immer schlechteres Gewissen haben, zum Beispiel hinsichtlich der Kriegsbeteiligung in Afghanistan, ist nicht zuletzt auf unseren beharrlichen Einsatz zurückzuführen.

Lothar Bisky: Eins will ich noch erwähnen: Entgegen allen Voraussagen von Journalisten haben wir – und hier will ich unbedingt Gregor Gysi mit einbeziehen – die Jahre überbrückt, ohne dass eingetreten ist, was sie erwartet hatten: dass es irgendwann zum großen Krach kommt. Alle hatten mir gesagt: Sind Sie denn ..., mit zwei solchen politischen Alphatieren?! Das kann doch nicht gut gehen! Und es ist gut gegangen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Es ist schon ein Abenteuer, Ost und West zusammenzubringen.

Wer hat dich »gewarnt«, Oskar?

Oskar Lafontaine: Auch mich haben einige gewarnt, aber ich habe ja diese Herausforderung selbst gesucht, insofern kann ich mich nicht beklagen. Es ist so, wie Lothar sagt, Ost und West sind eben noch verschieden, weil verschiedene Kulturen zusammenfinden. Das aber ist kein Ost-West-Problem, denn auch bei Bayern und Norddeutschen treffen unterschiedliche Kulturen zusammen.

Noch eine persönliche Frage: Wenn künftig doch die eine oder andere Stunde Freizeit mehr zur Verfügung steht – wie würdet ihr sie nutzen wollen, worauf freut ihr euch vor allem?

Lothar Bisky: Ich habe ungefähr 150 DVD liegen, 150 Filme, die ich noch nicht kenne. Und es gibt auch noch so 100 Bücher, die ich lesen muss.

Auf welche Filme bist du besonders gespannt?

Lothar Bisky: Das kann ich so nicht sagen. Ich seh doch nicht nur Fassbinder, ich sehe auch Konrad-Wolf-Filme und sowjetische Filme ... Es ist eigentlich traurig: Die sowjetischen Filme wurden auf dem (West-)Berliner Filmfestival instrumentalisiert, und kaum war die Sowjetunion weg, hat man die ganze Filmgeschichte vergessen.
Wenn ich einen einzelnen Film nennen müsste, würde ich immer den nächsten Film von Andreas Dresen nennen, das ist der beste Regisseur.

Oskar Lafontaine: Bei mir ist es die Literatur, ohne Literatur kann ich nicht leben. Ich habe jetzt mehr Zeit auch fürs Theater. Das letzte Stück, das ich gesehen habe, war ein Stück von Hebbel (»Maria Magdalena«), das endet mit dem Satz: »Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Das Theater ist für mich immer eine Herausforderung – und die Natur. Ich glaube, auch in den Phasen intensivster zeitlicher Beanspruchung durch die Politik sollte man sich das bewahren, damit man einen Ausgleich hat und Felder, die mit dem Politischen nicht direkt in Verbindung stehen.

Interview: Stefan Richter