Disput

Ein Drittel ist neu dabei

Wer sie sind und woher sie kommen

Von Claudia Gohde

Über 25.500 neue Mitglieder hat DIE LINKE seit ihrer Gründung dazugewonnen, damit machen die Neuen fast ein Drittel der Gesamtmitgliedschaft aus. Und somit ist ein Drittel der gesamten Mitgliedschaft vorher weder in der PDS noch in der WASG gewesen. Von diesen 25.000 Neuen traten etwa 20.000 im Westen ein und 5.000 im Osten (inklusive Berlin). Da wir bei der Parteigründung ca. 9.000 Mitglieder im Westen hatten, bedeutet das eine Verdreifachung des Mitgliederbestandes im Westen. Berücksichtigt man die Bevölkerungsverteilung in Ost und West (ein Fünftel/vier Fünftel), so ist der Zugewinn übrigens in Ost und West etwa gleich groß. Die in der Bundesgeschäftsstelle vorliegenden Eintrittsdaten geben weiteren Aufschluss über die Zusammensetzung der neuen Mitglieder. Hier ist einzuschränken, dass ca. 60 Prozent aller Eintretenden den ersten Kontakt über die Bundesgeschäftsstelle suchen. Die anderen 40 Prozent wenden sich direkt an ihren Kreis- oder Landesverband. Die folgenden Daten beziehen sich also auf die 60 Prozent Mitglieder, die den Weg über die Bundesgeschäftsstelle gesucht haben.

Die neuen Mitglieder sind werden jünger

Die unter 40-Jährigen sind seit der Parteigründung im Juni 2007 jährlich mehr geworden, besonders stark stieg die Gruppe der 21- bis 30-Jährigen unter den neuen Mitgliedern an. Das Durchschnittsalter der neuen Mitglieder sank von 2007 bis 2009 von 44 auf 37 Jahre im Jahr 2009. Dem entspricht ein zunehmender Anteil der Neumitglieder in Ausbildung (Studium, Schule, Azubi), wobei die Gruppe der Studierenden den höchsten Anteil ausmacht. Wichtige Gründe dafür sind sicher die Aktivitäten des Jugend- und des Studierendenverbandes, zum Beispiel zum Weltwirtschaftsgipfel, in der Klimakampagne und im Bildungsstreik, sowie die größere Präsenz der LINKEN in den sozialen Netzwerken.

Der Anteil der lohnabhängig Beschäftigten an den Neumitglieder sank zwar von 2007 (41,5 Prozent) bis 2009 (36,4 Prozent), sie bilden aber immer noch die größte Gruppe. Die Erwerbslosen stellen aktuell 17,5 Prozent (2007: 20,1, 2008: 16,7). Stark zugenommen haben die neuen Mitglieder in Ausbildung: 2007 bildeten sie noch einen Anteil von 10,4 Prozent, 2008 waren es schon 13,8 Prozent, und 2009 sind es 19,9 Prozent. Der Anteil der neuen Mitglieder im Altersruhestand halbierte sich in der gleichen Zeit von 10,3 auf 5,1 Prozent.

DIE LINKE gewinnt zu wenige Frauen

Da hierzu die Zahlen aus allen Landesverbänden vorliegen, kann verlässlich festgestellt werden, dass die Frauen konstant ca. 26 Prozent der neuen Mitglieder bilden (minimal ansteigend: 2007: 25,3, 2008: 26,3 und 2009: 26,7 Prozent). Alle anderen Bundestagsparteien (außer die FDP) sind leider erfolgreicher. Interessant ist der Unterschied zwischen den Eintritten, die bei der Bundesgeschäftsstelle erfolgten, und der Gesamtzahl der Eintritte: Die Eintritte im Karl-Liebknecht-Haus erfolgen zu über 80 Prozent von Männern (und zu 90 Prozent online). Der Frauenanteil bei den Eintritten in den Kreis- und Landesverbänden ist deutlich höher und liegt bei 32 Prozent. Es darf vermutet werden, dass Frauen eher auf Grund des persönlichen Kontaktes in die Partei eintreten. Bestätigt wird das durch die (allerdings spärliche) Forschung: Frauen treten einer Partei bei, weil sie gefragt wurden, Männer aus eigenem Impuls. Frauen ist die Zughörigkeit ein wichtiges Motiv, Männern der Wille, politische Ziele umzusetzen.

Erfreulich ist der Zusammenhang zwischen Geschlechterverteilung und Alter: Der Zuwachs ist bei den jungen Frauen größer als bei den männlichen Altersgenossen, der Anteil der unter 35jährigen Frauen stieg seit 2007 auf das Doppelte, der Anteil von Männern in der gleichen Altersgruppe stieg um die Hälfte.

Mehr Eintritte in Wahlkampfzeiten

Die Zeit seit der Parteigründung war geprägt durch Wahlkämpfe. Neben dem Europa- und dem Bundestagswahlkampf hatte die junge LINKE in neun von 16 Bundesländern Landtagswahlkämpfe und außerdem etliche Kommunalwahlkämpfe zu bestreiten. Während dieser Wahlkämpfe hat DIE LINKE überproportional mehr neue Mitglieder gewonnen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass nach den Wahlen die Zahl der Eintritte zurückging. So wächst die Partei seit der Bundestagswahl am 27. September 2009 weniger stürmisch. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, dass besonders viele neue Mitglieder kommen, wenn es etwas zu tun gibt und wenn der Zusammenhalt der Partei besonders groß ist.

Schlussfolgerungen:

  1. Wir dürfen stolz sein auf die Entwicklung der ersten drei Jahre, wir sind zahlenmäßig die drittstärkste Partei und die einzige Partei mit Mitgliederzuwachs.
  2. Der Jugend- und der Studierendenverband sind die Unterstützung der Gesamtpartei allemal wert. Auch wenn Geschmäcker und politische Schwerpunktsetzungen zwischen Verband und Partei oft konträr liegen: Linksjugend ['solid] bringt Themen und Anschauungen der jungen Linken in die Partei.
  3. Weder die Zusammensetzung der neuen Mitglieder noch die der Wählerinnen und Wähler der Partei lässt es zu, die Partei auf eine Klientel auszurichten. Die Erwerbstätigen, diejenigen in Ausbildung und die Erwerbslosen bilden so relevante Teile an den neuen Mitgliedern, dass verantwortungsvolle Politik die Interessen aller im Auge behalten muss.
  4. Die Partei muss sich mehr an Frauen wenden. Konkret: Mitglieder der Partei müssen Frauen darauf ansprechen, in die Partei einzutreten. Wenn vor Ort in den Kreis- und Landesverbänden mehr Frauen eintreten als in der Zentrale, dann kann ihr Eindruck an der Basis nicht so viel schlechter sein als das Medienbild. Es lohnt sich also.
  5. Mitglieder, die neu eintreten, wollen in der Partei etwas tun. Was bietet die Partei an, wofür braucht sie die Neuen, wo können diese sich engagieren? Wo diese Fragen beantwortet werden, wird die Mitgliederwerbung Erfolg haben.

Claudia Gohde ist Leiterin des Bereiches Öffentlichkeitsarbeit/Wahlen in der Bundesgeschäftsstelle.