Disput

Eine neue Perspektive

Erlebnisse und Erfahrungen einer Amerikanerin mit der Partei DIE LINKE

Von Alison Nordin

Es war Zufall, dass ich im Januar 2010 ein Praktikum in der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN im Bereich Internationale Politik aufgenommen habe. Während meines knapp einjährigen Aufenthalts in Deutschland wollte ich ein Praktikum machen und mehr weltpolitische Erfahrungen in Berlin sammeln, da ich Internationale Beziehungen und Deutsch als Hauptfächer studiere. Durch die Kontakte meiner Austauschorganisation bin ich zu den LINKEN gekommen, was mich sofort interessiert hat, weil ich schon einige politische Erfahrungen in meiner Universität in Washington DC, nur wenige Minuten vom Weißen Haus, gemacht habe und ich im Ausland verschiedene politische Systeme kennenlernen wollte.

DIE LINKE war eine besondere Möglichkeit für mich, die ich nicht verpassen konnte: eine Partei, die man – wegen des Zweiparteiensystems und der politischen Geschlossenheit – nicht in den Vereinigten Staaten finden würde. Es gibt eine kleine linke »Partei« in den USA, die leider nicht kräftig genug ist, an den Kongressen und der nationalen Politik teilzunehmen. Sozialismus ist in den politischen Feldern in Amerika fast ein Schimpfwort. Mich interessierte vor allem, wie so eine Partei überhaupt in der Regierung sein könnte. Obwohl sich das böse anhört, fand ich es toll, dass Deutschland mit seinem Fünfparteiensystem versucht, eine demokratische Repräsentierung der Bevölkerung zu schaffen.

Im Karl-Liebknecht-Haus lernte ich die »Programmatischen Eckpunkte« der Partei besser kennen und wurde fasziniert von dem Engagement und der Motivation aller Genossen. Ich habe viele internationale Gäste gesehen und oft Pressemitteilungen und Reden für den englischen Teil der Webseite übersetzt. Dadurch habe ich mich den Meinungen der LINKEN genähert. Außerdem nahm ich an dem Aufmarsch gegen die Nazis am 13. Februar 2010 in Dresden teil, war beim Neujahrsempfang im Bundestag anwesend, habe den Rückzug von Oskar Lafontaine vom Parteivorsitz und das Zusammenkommen eines neuen Parteivorstandes erlebt. Einige dieser Erfahrungen waren kritische Ereignisse innerhalb der Partei.

Nach meinem achtwöchigen Praktikum wollte ich weiterhin für DIE LINKE aktiv sein. Als ich hörte, dass Halina Wawzyniak studentische Hilfskräfte in ihrem Bundestagsbüro brauchte, habe ich mich sofort beworben.

Die Arbeit bei Halina war extrem spannend. Ich habe mich größtenteils mit Besuchergruppen und Hartz-IV-Recherchen beschäftigt, hatte aber auch die Chance, andere politische Bereiche und Beschäftigungen kennenzulernen.

Dass DIE LINKE eine Partei ist, welche wirklich eng für die Bürger und mit den Bürgern arbeitet, war für mich die erste Begegnung mit einer ganz neuen Art der politischen Strategie. Für eine Studentin an der George Washington University in Washington DC ist der politische Rummel ein täglicher Teil des Studentenlebens. Gerechtfertigte und auffällige Kritik an der Regierung findet dort aber nicht wie in Deutschland statt.

Natürlich habe ich oft zwischen dem amerikanischen und dem deutschen System verglichen. Meine Zeit in dieser neuen deutschen Kultur hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich auch im Ausland arbeiten könnte und dass DIE LINKE ein Beispiel für andere Länder sein könnte, welche glauben, dass linke Politik nicht in der Nationalregierung wahrgenommen werden könnte.

Viele meiner amerikanischen Freunde zuhause haben mich gefragt, ob ich verrückt bin, dass ich einen Job in der Partei DIE LINKE angenommen habe. Es ist genau diese Beschränktheit, welche die Menschen in anderen Ländern bzw. in den USA und auch meine Freunde an einem globaleren und gleichberechtigteren politischen Denken hindert. Sie denken sofort an die deutsche Geschichte (wahrscheinlich das einzige, was sie über Deutschland überhaupt wissen) und verstehen nicht, was DIE LINKE heute macht. Deshalb war es für mich und hoffentlich auch für andere Praktikanten und ausländische Mitarbeiter sehr spannend und informativ, bei dieser Partei zu arbeiten. Meine Arbeit förderte auch das Verständnis zwischen internationalen Parteien, und ich hoffe, dass so etwas weiter gemacht wird, damit DIE LINKE außerhalb Deutschlands richtig verstanden und unterstützt werden kann.

Es stimmt immer traurig, wenn man so ein Leben hinter sich lassen muss. Ich bin am 19. Juli wieder nach Washington DC geflogen und nahm viele wertvolle politische Erfahrungen mit zurück. Diese Erfahrungen, die ich in meiner Zeit in Deutschland in den letzten elf Monaten gewonnen habe, werde ich nie vergessen. Dass ich das einzigartige Erlebnis als studentische Praktikantin und Hilfskraft bei der LINKEN gehabt habe, wird mich in der Zukunft weiterbringen. Die Weiterbildung, die ich sowohl für mich als auch politisch und akademisch erhalten habe, war ein wichtiger Schritt. Meine Arbeit bei Halina und im Karl-Liebknecht-Haus gab mir eine total neue Perspektive des deutschen politischen Systems und wird meine weitere Laufbahn auf jeden Fall beeinflussen. Der Bereich Internationale Politik im Karl-Liebknecht-Haus sowie Halina und das Team ihres Bundestagsbüros haben mir geholfen, breitere und umfangreichere Meinungen über die deutsche Politik und DIE LINKE zu verstehen. Sie haben mir beigebracht, wie man in Deutschland einfache, bürgernahe Politik betreibt, und haben mir gezeigt, wie erfolgreich solche politischen Strategien in den Ländern sein können, die Demokratie und Gerechtigkeit herstellen wollen. Ich habe mich täglich gefreut, zur Arbeit zu kommen, weil ich wusste, dass ich immer etwas Neues lernen würde. In den USA werde ich versuchen, die wertvollen Erkenntnisse aus Deutschland zu nutzen und weiterzuerzählen.