Disput

Das Afrikanische Jahr

Im Verlaufe des Jahres 1960 wurden 17 Staaten des schwarzen Kontinents unabhängig, doch ihre Zukunft hat noch immer nicht begonnen

Von Ronald Friedmann

Das Jahr 1960 erschien wie ein großes Versprechen auf die Zukunft: Innerhalb von nur zwölf Monaten erhielten 17 afrikanische Staaten ihre staatliche Unabhängigkeit. Überall in der Welt sprach man von diesem Jahr 1960 als dem Afrikanischen Jahr; es wurde auch im Westen als Beginn eines neuen Abschnitts in der Weltgeschichte gesehen.

Den Anfang hatte Kamerun gemacht. Am 31. Dezember 1959, um 23.59 Uhr, war in der Hauptstadt Yaoundé die französische Fahne offiziell eingeholt worden, zwei Minuten später, am 1. Januar 1960, um 0.01 Uhr, war die Fahne der nunmehr unabhängigen Republik Kamerun in einem feierlichen Akt aufgezogen worden. Es folgten weitere ehemals französische Kolonien, unter anderem Tschad (11. August 1960), Gabun (17. August) und Senegal (20. August) sowie das zuvor britische Nigeria (1. Oktober), der einwohnerreichste Staat Afrikas. Das vormalige Belgisch-Kongo erklärte sich am 29. Juni zur Demokratischen Republik. Den Abschluss im Jahr 1960 bildete Mauretanien, das am 28. November von Frankreich seine staatliche Souveränität erhielt.

Der Zerfall des klassischen Kolonialsystems europäischer Mächte in Afrika hatte allerdings schon einige Jahre zuvor begonnen: Am 6. März 1957 hatte Ghana als erster afrikanischer Staat nach dem Zweiten Weltkrieg seine staatliche Unabhängigkeit erlangt und damit allen Staaten des schwarzen Kontinents den Weg gewiesen. Knapp 75 Jahre nach der Berliner Kongokonferenz, auf der im Winter 1884/85 Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die USA und andere Staaten des industrialisierten Nordens die Aufteilung Afrikas in Kolonien ausgehandelt hatten, war nun nicht mehr zu übersehen, dass das Ende der klassischen kolonialen Herrschaft der europäischen Mächte in Afrika unmittelbar bevorstand.

In Moskau, wo 1957 und 1960 internationale Konferenzen der kommunistischen und Arbeiterparteien getagt und die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn des Kalten Krieges veränderte Lage in der Welt analysiert hatten, wurden diese Entwicklungen in Afrika (und anderen Regionen des kolonialen Südens) mit großer Aufmerksamkeit und Begeisterung registriert. Man hoffte auf neue Impulse für den »revolutionären Weltprozess«. Und folgerichtig wurde die »nationale Befreiungsbewegung« zur »dritten Hauptsäule der revolutionären Weltbewegung« erklärt, neben den »sozialistischen Staaten« und der »Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern«.

Doch wie so oft war auch in diesem Fall vor allem der Wunsch der Vater des Gedankens: In Afrika gab es zu keinem Zeitpunkt eine »nationale Befreiungsbewegung«, die tatsächlich den in Moskau »vereinbarten« Kriterien entsprach. Denn in nur sehr wenigen Fällen war die staatliche Unabhängigkeit der »jungen Nationalstaaten«, wie ein anderer Begriff lautete, der in dieser Zeit geprägt wurde, das Ergebnis einer breiten Volksbewegung. Und auch die Vorstellungen über die Richtung der Entwicklung, die nach Erreichung der staatlichen Unabhängigkeit einzuschlagen war, gingen kaum über Althergebrachtes hinaus. Die Wahrheit war viel profaner: Zumeist waren es Angehörige der einheimischen Mittelschichten, die sich von der staatlichen Unabhängigkeit ihrer Heimatländer bessere Aufstiegschancen in Politik und Wirtschaft versprachen, die ihnen für gewöhnlich durch Vertreter des »Mutterlandes« verwehrt waren.

Und in den »Mutterländern« selbst, also in erster Linie Frankreich und Großbritannien, hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die klassische koloniale Ausbeutung der afrikanischen »Überseegebiete« mehr Kosten als Gewinn produzierte, dass es also vom ökonomischen Standpunkt aus sinnvoller war, den Staaten Afrikas die Verantwortung für ihr politisches und soziales Schicksal zu überlassen und die wirtschaftliche Ausbeutung mit neokolonialen Methoden fortzusetzen. Um die »traditionellen Bindungen« zu wahren, fand man neue Wege. Die Mehrzahl der früheren französischen Kolonien zum Beispiel blieb über die Organisation der frankofonen Staaten eng mit dem ehemaligen »Mutterland« verbunden, Großbritannien bediente sich des Commonwealth of Nations und der Tatsache, dass die Queen formell Staatsoberhaupt der Mehrzahl der ehemaligen britischen Kolonien blieb.

Eine Ausnahme unter den europäischen Kolonialmächten bildete Portugal, das seine afrikanischen Kolonien erst nach der »Nelkenrevolution« und dem Sturz des Caetano-Regimes im April 1974 freigab. Und hier waren es tatsächlich Volksbewegungen, die über mehr als ein Jahrzehnt hinweg durch ihren bewaffneten Kampf das portugiesische Kolonialreich erschüttert hatten und so dazu beitrugen, den Boden für den politischen Umsturz im »Mutterland« zu bereiten: Angola, Moçambique und die übrigen portugiesischen Kolonien in Afrika wurden im Verlaufe des Jahres 1975 unabhängig.

Es war wohl unvermeidlich, dass Afrika und die unabhängig gewordenen Staaten des Kontinents von Anfang an ein (Neben-)Schauplatz in der Blockkonfrontation zwischen Ost und West waren. Für die Sowjetunion und ihre Verbündeten verknüpften sich große Hoffnungen vor allem mit jenen Staaten, die sich selbst auf einem »nichtkapitalistischen« Entwicklungsweg sahen. Doch angesichts der eigenen sehr beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten war man kaum in der Lage, wirtschaftliche Entwicklungshilfe in einem solchen Umfang zu leisten, der für eine enge und wirklich stabile Bindung dieser Staaten an den Osten notwendig gewesen wäre.

Mit dem Zusammenbruch des staatlich organisierten Sozialismus in Europa im Herbst 1989 verlor auch der Westen sein Interesse an der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Ländern Afrikas. Die sogenannte Entwicklungshilfe stagniert seither nicht nur auf niedrigem Niveau, sie ging in vielen Fällen sogar noch deutlich zurück. Afrika wird von den reichen Ländern des Nordens mit seinen vielfältigen Problemen, die Ergebnis und Folge der jahrhundertelangen kolonialen Ausbeutung sind, allein gelassen. Dabei hat Afrika – unverschuldet, daran kann kein Zweifel bestehen – wohl keine Chance, den Weg aus der politischen und vor allem ökonomischen Rückständigkeit heraus aus eigener Kraft zu schaffen.

Ein weiteres mit schweren Hypotheken belastetes Erbe der Kolonialzeit, das die jungen Staaten des Kontinents antreten mussten, war und ist die willkürliche Grenzziehung. Sie war von den früheren Kolonialmächten vorgenommen worden, ohne auf die traditionellen Siedlungsgebiete der autochthonen (eingesessenen) Völker und Stämme Rücksicht zu nehmen. Zwar gehörte es zum niemals bestrittenen Konsens auf dem afrikanischen Kontinent, die bestehenden Grenzen unangetastet zu lassen, doch konnte das nicht verhindern, dass viele der neu entstandenen afrikanischen Staaten durch ethnische Konflikte an den Rand der Zerstörung getrieben wurden. Schlimmer noch, dass nicht wenige dieser Konflikte zu Bürgerkrieg und Massenmord führten. Das extremste Beispiel ist wohl Ruanda, wo im Jahre 1994 im Krieg zwischen Tutsi und Hutu etwa eine Million Menschen getötet wurden.

Aids ist zur neuen Geißel Afrikas geworden. Nirgendwo sonst auf der Welt grassiert die Immunschwächekrankheit so ungebremst wie auf dem schwarzen Kontinent. Nach Millionen zählen die Menschen, die bisher an der Krankheit starben: Die letzten offiziellen Zahlen stammen aus dem Jahre 2004, damals waren es 2,4 Millionen Tote. Ein Vielfaches höher ist die Zahl der Infizierten. Sie liegt bei fünf Prozent der Gesamtbevölkerung – in einigen Gegenden des südlichen Afrika sogar bei 30 Prozent – und ist damit etwa zwölf Mal so hoch wie im Weltdurchschnitt. Ganze Generationen von Kindern werden ohne Eltern und ohne jede Perspektive aufwachsen. Es fehlt, wie immer, an Geld, um die notwendigen Kampagnen zur Prävention in dem erforderlichen Ausmaß zu führen, und es fehlt an Menschen, die bereit und in der Lage sind, diese Kampagnen zu tragen.

Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010 findet in Südafrika die Endrunde der Fußballweltmeisterschaft statt. Ohne Frage wird im Vorfeld des größten Sportereignisses des Jahres in vielen Reportagen nicht nur über den Sport in Afrika berichtet werden. Es werden wohl auch, zumindest oberflächlich, die zahllosen Probleme Erwähnung finden, die Afrika beschäftigen. Doch spätestens mit dem Anpfiff zum Auftaktspiel wird sich das Interesse der Weltöffentlichkeit nur noch auf das runde Leder konzentrieren und darauf, ob es Südafrika gelungen ist, optimale Bedingungen für das große Turnier zu schaffen. Dass die Fußballweltmeisterschaft der Entwicklung Afrikas dauerhafte Impulse verleiht, darf und muss schon jetzt bezweifelt werden. Afrika – ein verlorener Kontinent? Es sieht wohl so aus.