Disput

Träume sind Triebkräfte, auch Utopien

Interview mit Gina Pietsch, Sängerin, Schauspielerin, Brecht-Interpretin, Kunstpädagogin

Auch dich hat der Optimismus verlassen, sieht man sich die Titel deiner CD-Erscheinungen an, die noch 1991 »Alles wandelt sich« lautet, 2001 schon »Jesus macht nicht mehr mit«, und 2009 landest du bei Hacks »Was träumt der Teufel«. Die politischen Künstlerinnen und Künstler werden auch nicht mehr, und ihre Wirkungsräume werden zunehmend eingegrenzt. Ist das die Situation?
Ja. Aber das muss man genauer sagen. »Alles wandelt sich« war ein Versuch, sich mit Brecht zur Wende zu äußern. Die Titelgeschichte meiner Weihnachts-CD »Jesus macht nicht mehr mit« von Wolfgang Borchert hat viel Aktives. Da ist einer, der aufbegehrt, der sagt: bis hierher und nicht weiter, und das beim Thema Krieg. Beeindruckend. Und: »Was träumt der Teufel« – Ja, bissel wenig für uns Ungläubige. Aber, mein Gott, warum nicht? Der Teufel hier träumt von Engeln, weil er sie real nicht kriegen kann. Auf heute bezogen vielleicht etwas weit hergeholt. Aber Träume sind Triebkräfte, auch Utopien. Und politisch verstanden – wie es Hacks sicher meint – kann man sich die doch nicht so einfach nehmen lassen.
Was den Optimismus anbetrifft – ja, ich bin an vielen Tagen deprimiert. Ich bin aber bisher immer wieder in der Lage gewesen, entweder mich selber hochzuholen oder mich hochholen zu lassen von Freunden, meinem Publikum oder durch meine Schüler, die mich fordern, an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und anderswo.

Wenn ich an Auftritte zum Festival des Politischen Liedes in der DDR oder an deine vielen Auslandsauftritte mit »Jahrgang 49« denke, dann bist du doch mit der Wende vom großen Auditorium mit bis Zehntausenden Zuschauern in die Hinterstube gesperrt worden. Was hat dich nicht Versicherungsvertreterin oder GEMA-Repräsentantin werden lassen?
Ja, was wohl? Denn viele meiner KollegInnen sind das ja geworden. Und die Hinterstube stimmt auch. Ich hab es irgendwie geschafft, über diese 20 Jahre von meiner Kunst leben zu können, auf der Bühne oder als Kunstpädagogin. Allerdings: Ich bin in meinem Leben noch nie so fleißig gewesen wie jetzt. Ich habe, nachdem die Mauer gefallen ist, 31 Solo-Abende produziert. 29 davon aus der eigenen Tasche. Zwei sind staatlich gestützt worden. Nicht viel, aber auf der Strecke, irgendwo abzuzocken, bin ich sowieso schlecht. Ich habe mich noch nie gut verkaufen können. Ich habe nie ausgelernt, was die Bühne betrifft, aber das Verkaufen lerne ich nicht mehr, übrigens auch im übertragenen Sinne. Ich weiß, dass der Mainstream mit mir nichts anfangen kann, aber es ist mir wurscht – auch eine Art von Freiheit! Letzteres betreffend, hat sich für mich übrigens gar nicht so viel »gewandelt«. Ich bin in den letzten Jahren der DDR mit keinem meiner Soloprojekte ins Fernsehen gekommen und so auch für die Medien nach dem Fall der Mauer nicht interessant gewesen. Nun bin ich kein besonderes Opfer der Medien, nein, das, was ich mache, mein Genre, gibt es dort einfach nicht mehr. Das war auch im Westfernsehen vor der Existenz der Privatsender anders. Heute nun schielen halt auch die Öffentlich-Rechtlichen mehr nach der Quote. Wir sind die Übriggebliebenen, die noch was wollen über den Spaß hinaus.

Beim weltgrößten Festival des Politischen Liedes gab es ja sehr intensive Begegnungen, freundschaftliche Kontakte mit Agit-Prop aus Finnland, Daniell Viglietti aus Uruguay, Dean Reed, Hannes Wader, Mikis Theodorakis, Mercedes, Sylvia Rodriges, Pete Seeger, Hermann van Veen, Inti-Illimani, Ute Lemper, IG Blech usw. Sind da Kontakte geblieben, Freundschaften mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern, oder hat euch der Markt sozusagen alle auseinandergetrieben?
Ich habe eine – den Namen hast du nicht genannt – über viele Jahre gehende recht enge Freundschaft zu Franz Josef Degenhardt. Wir haben uns 1974 beim UZ–Pressefest in Essen kennengelernt. Ich gehörte zu den Künstlern, die zwar nicht privat, aber arbeitsmäßig reisen konnten, vornehmlich mit »Jahrgang 49«. Degenhardt hatte gerade das schöne Lied »Ja, dieses Deutschland meine ich« geschrieben, eine Laudatio auf die DDR. Und so lernten wir uns recht schnell kennen. Er war dann oft hier, es wurde eine Freundschaft, die erst mit der Wende einen kleinen Schnitt bekam. Natürlich gehörte ich, wie viele Menschen in der DDR, am Ende der 80er Jahre zu den »Gorbi-Fans«. Durchsichtigkeit von Politik, das fanden wir für unser Land sehr wichtig, und das hätten wir auch gern gehabt. Degenhardt war klüger, er hatte ihn von Anfang an für einen Sozialdemokraten gehalten. Du trägst wohl auch so ein Gorbi-Hemd? Da war ich sauer. Später sind wir uns wieder näher gekommen. Ich habe von 1992 an mit einem Hamburger Komponisten zusammengearbeitet und mit ihm meinen ersten Heinrich-Heine-Abend gespielt. Da stand Degenhardt plötzlich im Saal, mit seinem Sohn Kai.
Von den anderen, die du genannt hast – mein ideell engster Kontakt ist der zu Theodorakis. Beim Festival des politischen Liedes habe ich ihn kennengelernt und war sehr stolz, dass ich aus seinem Gefängnistagebuch lesen durfte. Vor fünf Jahren habe ich zu seinem 80. Geburtstag einen großen »Theodorakis-Abend« gemacht, in dem ich seine Lieder singe und sein Leben erzähle. Am 22. April werde ich diesen Abend wieder mal in Berlin spielen, vorher zusammen mit Konstantin Wecker und anderen singen bei der Theodorakis-Hommage in der Volksbühne am 28. Februar, anlässlich des Festivals »Musik und Politik«.

Der sogenannte freie Markt hat auch dir einiges abverlangt. Du hast dir wahrscheinlich mehrere Standbeine gelegt. Und Experimente, Projekte waren notwendig mit unterschiedlichem Erfolg, Lehrgeld war zu zahlen. Ich spiele jetzt an auf die Geschichte, wo du sagst, der »Spiegel« hat dich nicht richtig wiedergegeben, wo du ins politische Kabarett eingestiegen bist. Vielleicht kannst du dazu was sagen. Wo hast du Lehrgeld gezahlt? Was hast du ausprobiert, und wovon hast du dich wieder verabschiedet?
Das war ein Stück von André Brie, für das Hallenser Kabarett »Die Kiebitzensteiner« geschrieben, ein Zwei-Frauen-Programm, das ich 1990 zusammen mit Nuri Feldmann 95mal gespielt habe. Deshalb so oft, weil alle anderen Programme von einem auf den anderen Tag unaktuell waren. Da hat sich der »Spiegel« dann reingehängt. Ich bin mit einer Journalistin zusammen eine ganze Woche durch Berlin gezogen, von einer Frauenaktion zur anderen. Das lesbare Ergebnis war: Jeder meiner DDR-kritischen Sätze wurde um ungefähr 200 Prozent verstärkt, so dass ich fast als »Widerstandskämpferin« dastand. Nun hab ich mich nie als solche gefühlt, und ehrlich gesagt, ich kann alle nicht ausstehen, die das im Nachhinein gewesen sein wollen, furchtbar unterdrückt waren und damit hausieren gehen. Alles in allem, was ich bei Brecht gelernt hatte, »Gelobt sei der Zweifel«, betraf nun auch mein Verhältnis zum »Spiegel«. Lehrgeld, ja, und nicht ohne Schmerzen.
Gelernt habe ich – zu unterrichten. Ich bin seit 1992 Dozentin an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Ich habe an der Filmhochschule in Babelsberg unterrichtet und an mehreren anderen privaten Schauspielschulen – meist Gesang, aber auch Schauspiel und Verslehre. Da musste ich auch lernen, mich wieder mehr mit dem Klavier beschäftigen, mit PC und Technik und, und. Das mache ich immer noch gerne und nicht unbedingt mit pekuniärem, aber doch mit wirklichem Gewinn für mich. Denn wenn der Lehrende nicht lernt beim Lehren, soll er's lassen, denke ich.

War deine CD »Sich besser konzentrieren«, Strategien im Berufsalltag, der Versuch, in Pädagogik, Coaching oder Managementbereiche einzusteigen? Oder nur so ein Nebenprodukt?
»Sich besser konzentrieren« ist mein erstes Hörbuch gewesen, das ich im Studio von Dietrich Petzold – einem meiner Musikerkollegen – gemacht habe. Das ist in der Rubrik Fachbücher untergebracht. Davon weiß keiner was. Ich habe mittlerweile mehrere andere und mich wesentlich mehr interessierende Hörbücher gemacht. Meine letzte Arbeit, die habe ich mir wirklich selber ausgesucht: das Hörbuch der Biografie von Hartmut Reiber »Das Leben der Margarete Steffin«, das im Eulenspiegel Verlag 2006 rausgekommen ist. Ich habe es einlesen dürfen, was mich sehr glücklich gemacht hat – bei dem kleinen deutsch-italienischen Verlag »Libroletto«. Ein wunderbares Buch. Es behandelt auf exzellente Weise ein Thema, das seit dieser furchtbaren Biografie von John Fuegi, gesponsert von den rechtesten amerikanischen Konzernen, in der Welt ist – geschrieben wurde es mit dem Ziel, einen großen linken Dichter über die Privatsphäre fertigzumachen, weil man es über seine Dichtung nicht schafft. So wurde das zum Lieblingsthema aller Brecht-Gegner – Brecht und die Frauen. Hartmut Reiber gibt es anhand der Biografie der wichtigsten Brecht-Mitarbeiterin und Geliebten, Margarete Steffin, hochwissenschaftlich, genauestens recherchiert und trotzdem sehr schön erzählt. Über die Arbeit mit und die Liebe zu Brecht hinaus erfährt man Erstaunliches und Wichtiges über die Kultur- und Bildungsarbeit der Linken in den zwanziger Jahren, mit nicht wenigen Parallelen zu heute.

Als eine der größten Brecht-Interpretinnen unserer Zeit sagt man dir Fleiß, Sturheit und Echtheit nach. Leute, die dich erstmals gesehen haben, sagen, die ist ein echter Geheimtipp. 20 Jahre Geheimtipp, 35 Jahre Geheimtipp. Du kannst darüber nur lachen, oder gibt es auch Traurigkeit?
Da gibt es schon Traurigkeit. Dieser Satz »Jetzt habe ich es aber satt, 35 Jahre lang ein Geheimtipp zu sein« ist mir schon mal selber rausgerutscht. Ich habe ja schon zu DDR-Zeiten Brecht gemacht. 1982, mit Stefan Körbel zusammen, mein erster Brecht-Abend. Da haben die Medien zwar noch nicht die Hände über den Kopf zusammengeschlagen wie bei meinem ersten Solo – ein feministischer Abend – »Kinobesuch«. Aber ich hab' natürlich versucht, Brecht bei VEB Deutsche Schallplatten unterzukriegen. Da hat man mir gesagt, die nächste Brecht-Platte machen wir mit Gisela May und die übernächste mit Ekkehard Schall. Das war für mich besonders komisch, weil ausgerechnet die beiden meine Lehrer waren. Ich habe bei Gisela May an der Hanns-Eisler-Schule Chanson studiert. Und Ekkehard Schall ist der wichtigste Lehrer meines Lebens. Ich habe das damals verstanden, denn die hatten es auch verdient. Ich fand dann allerdings irgendwann, dass ich es auch verdient habe. Aber das war nicht möglich. So ist halt meine erste Brecht-CD »Alles wandelt sich« erst 1991 heraus gekommen, produziert zusammen mit Hannes Zerbe und Jürgen Kupke, aufgenommen von sehr guten DDR-Tontechnikern im Saal 1 des DDR-Radios in der Berliner Nalepastraße, einem Saal, der zu den europaweit besten Aufnahmesälen überhaupt gehört. Und das hört man auch. In so einen guten Saal bin ich nie wieder gekommen.

Deine Programme, literarische Liedprogramme – sie sind fast alle dabei: Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Volker Braun, Kurt Weill, Erich Fried, Peter Hacks, Mikis Theodorakis. Wie geht es weiter? Wie muss man sich das vorstellen? Du hast einen großen Bücherschrank, da stehen die Autoren, und jetzt gibt es da schon wieder neue Namen, die im Programm umgesetzt werden. Oder bleibst du bei Brecht?
Bei Brecht bleibe ich. Da sitzen wir jetzt an meinem 17. Brecht. Ich staune auch manchmal. Ich habe 350 Nummern von Brecht im Repertoire. Nicht viele Leute, die das von sich sagen können. Den 17. mache ich zusammen mit meiner Kollegin und Freundin Gerlinde Kempendorff. Ich habe ein Buch entwickelt mit einem Thema, das ausging von unser beider Freundschaft, aber natürlich darüber hinausgehen soll, besonders, da der 3. Oktober als Premierentermin angepeilt ist und das Ganze sich nennt: »Ballade von der Freundschaft«. Ich hoffe, es stellt sich darunter keiner Friede, Freude, Eierkuchen im politischen Sinne vor. Bei Brecht kommt das Thema häufig vor. Wohl schon deshalb, weil er selber enger und freundschaftlicher mit vielen Leuten zusammengearbeitet hat, als Brecht-Kritiker das heute gerne sehen.
Ich arbeite bei Brecht gerne thematisch, was sich anbietet, da sich dieser Dichter zu allen wichtigen Themen vielfältig geäußert hat. Ich versuche dann, zumindest seit den letzten Jahren, in die Moderationen Biografisches einfließen zu lassen. Das war bei »Zum Beispiel das Gras«, Untertitel: »der grüne Brecht«, so, oder in meinem Abend zu seinem 50. Todestag »Er hat Vorschläge gemacht«. Bei beiden Abenden hat mich besonders interessiert, wie sich ein Thema von 1916 bis 1956 bei ihm verändert und doch Brecht bleibt. Da ich über die vielen Jahre der Beschäftigung mit diesem Dichter auch mehr über ihn weiß, traue ich mich mittlerweile auch, zu ihm auf der Bühne meine Meinung zu sagen. Diese für mich neue Methode der Herangehensweise an einen Dichter auf der Bühne praktiziere ich nun auch bei anderen Autoren.
Wie geht es weiter, hast du gefragt: Am 5. Februar habe ich erstmalig mit zwei für mich ganz neuen Kollegen, dem Komponisten und Pianisten Bardo Henning und der Fagottistin und Kontrafagottistin Elisabeth Böhm-Christl, gespielt: eine Hommage an den fast vergessenen und glücklicherweise wiederentdeckten Komponisten Erwin Schulhoff, den die Nazis umgebracht haben. Bardo Henning hat Gedichte von Schulhoffs Zeitgenossen komponiert, Jakob von Hoddis, Ringelnatz, Klabund, Gertrude Stein, Tucholsky, die ich gesungen habe. Eine schöne Neuentdeckung für mich.

Es ist ganz offensichtlich: Du mischst dich politisch ein und engagierst dich. Hast du nicht manchmal das Gefühl oder auch die Gewissheit, dass die Politik mehr Kultur braucht bzw. mehr Kulturberatung?
Da habe ich nicht nur das Gefühl, sondern das empfinde ich als unabdingbar. Die Politik derjenigen, die die herrschende Klasse unterstützen, macht das ohnehin. Freilich scheinbar unpolitisch. Was das Fernsehen zumeist bietet oder was man in den meisten Unterhaltungsstätten sehen kann, scheint unpolitisch zu sein, ist es aber nicht. Schon deshalb nicht, weil es von den eigentlichen Dingen, über die wir auch nachdenken könnten oder müssten, ablenkt. Man muss nicht Psychologe sein, um zu wissen, wie politisch sich dieser Trick auswirkt. Und weil sich deutlich politisch artikulierende Kultur scheinbar keinen Spaß macht, kommt sie in den Medien prompt kaum noch vor. Nimm einen wie Gerhard Polt, glasklar, hochpolitisch, urkomisch, aber kaum noch zu sehen. Die Medien denken zu kurz, und sie unterschätzen ihr Publikum. Die Neo-Nazis zum Beispiel sind nicht so blöd, auf kulturelle Einflussmöglichkeiten zu verzichten. Die haben ihre Bands, und die wissen ganz genau um deren Wirkung.
Ich denke, dass wir, die wir das Herz links haben, auf Kunst und Kultur überhaupt nicht verzichten können. Sie zu nutzen, war in den 30er Jahren nicht leichter als heute. Insofern vielleicht nur, dass die Linken damals diese Riesen-Konkurrenz der Medien noch nicht hatten, UFA und Hitlers Radio fingen ja erst an. Und wenn Hanns Eisler und Ernst Busch auf den großen Bühnen standen, kamen die Massen hin, weil eine Massenbewegung dahinterstand. Jetzt kommen die Massen nicht, wenn ich mal schnell mit dem Keyboard auf dem Alex ein paar linke Lieder singe. »Das Fernsehen ist mein größter Feind.« Der Satz ist nicht von mir. Der stammt, glaub ich, von Boto Strauss. Aber ich unterschreibe ihn, wenn auch ungern. Lothar Bisky hat mir in den 70er Jahren mal gesagt: »Wenn du das Fernsehen nicht kriegst, dann kannste dich mit deiner Kunst abstrampeln, bis du schwarz wirst!« Stimmt.
Aber es geht weiter, denn in den Sälen, die freilich kleiner werden, treffe ich immer wieder auf Leute, die sich nicht verblöden lassen wollen. Und für die lohnt sich's.

Interview: Gert Gampe

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