Disput

Jeden Tag Frauentag!

Oder besser Menschentag. Gedanken vor dem 8. März

DISPUT wollte von zwei jungen LINKEN wissen, was der Internationale Frauentag ihnen bedeutet

Ehrlich gesagt, war mir der Frauentag bis 2007 kaum ein Begriff. Ich komme aus einer typischen Ruhrgebietsfamilie, meine Mutter hat im Einzelhandel gelernt, mein Vater ist Kranfahrer in einem Stahlwerk. Ich bin in Dortmund geboren und aufgewachsen. 2007 bin ich nach Berlin gegangen, um in einem Abgeordnetenbüro zu arbeiten. Mein erster bewusster Frauentag fand also am 8. März 2007 in der Fraktion statt. Davor spielte dieser Tag in meinem Alltagsbewusstsein keine Rolle.
Die Tage, die einen expliziten Bezug zu Frauen beziehungsweise Männern haben, waren bei uns im Ruhrgebiet andere. Für den Muttertag am zweiten Sonntag im Mai mussten wir im Kindergarten und der Grundschule immer irgendwelche Sachen basteln oder Gedichte schreiben, die man der Mami am besagten Tag dann überreichen konnte. Ich fand den Tag schon immer doof, heute vergesse ich ihn meist und bekomme immer noch den ein oder anderen bösen Blick dafür. Vatertag an Christi Himmelfahrt gab es auch – da brauchte man aber nichts zu schenken. Die Papis ziehen mit einem mit Alkohol beladenen Bollerwagen durch die Gegend. Oder machen einen Ausflug, auf dem man sich mal wieder gemeinsam richtig einen nimmt. Was das soll, erschließt sich mir auch nicht so richtig.
Dann gibt’s ja noch den Valentinstag. Das wurde dann in der Pubertät wichtig. Erster Freund und so. Die Blumenläden machen viel Reklame, und die Freunde kommen mit irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Geschenk an. Ich habe am 14. Februar Geburtstag, was von meinen Freunden immer mit den Worten »Oh wie praktisch, da brauche ich ja nur ein Geschenk zu kaufen« kommentiert wurde.
Als ich in meiner Ausbildung begann, aktiv in der Gewerkschaftsjugend mitzuarbeiten, bekam ich mit, dass die Frauen (also die Frauen, die im Frauenausschuss aktiv waren) da irgendwas an diesem 8. März machten. Aber wir interessierten uns zu diesem Zeitpunkt meist eher dafür, mit welcher Aktion wir am 1. Mai möglichst wieder in die Medien kommen. Also auch hier kein Frauentag in Sicht.
Und trotzdem gab es da einen Bruch in meinem Alltagsbewusstsein, als ich mit meinem Studium fertig war. Bis dahin war ich fest überzeugt, dass wir Mädels auch alles genau so schaffen können. Quoten? Brauchen wir nicht.
Von wegen, die Glasdecke kam mit voller Wucht. Zur Feministin wurde ich durch das Buch »Frauen« von Marilyn French. Und seitdem wünsche ich mir eigentlich mehr und mehr, dass wir jeden Tag Frauentag haben. Oder besser Menschentag. Nicht nur Gleichstellung von Frauen, auch Gleichstellung von Männern ist ein Thema. Irgendwie muss das alles ganz anders laufen, um ein erfülltes Leben zu leben. Wir alle, Frauen und Männer, brauchen Zeit für alle Dinge des Lebens: arbeiten, uns umeinander kümmern, mit- und voneinander Lernen und gemeinsam Politik für alle machen.
Pamela Strutz
Pamela Strutz ist Wirtschaftsjuristin, Mitarbeiterin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag und seit 1999 Gewerkschaftsmitglied.

Ein Strauß Blumen? Damit sollten Sie sich nicht zufrieden geben! Mir jedenfalls reicht das nicht. Das mag zum einen an meiner Nachwendesozialisierung liegen; während meine Mutter noch jedes Jahr konventionell ihren Strauß überreicht bekommt, ist mir diese im Ritual verhaftete Geste fremd. Zum anderen erscheint sie mir schlichtweg als geschickte Einlulltaktik Gewissensbisse geplagter Männer. Als Clara Zetkin 1910 die Begründung eines Internationalen Frauentages forderte, hatte sie mehr als Zierpflanzen im Sinn. Zetkin dachte sich den Internationalen Frauentag nicht als alljährliche Pflichtveranstaltung, der die Tradition den politischen Garaus macht.1 Für sie galt es, die allgemeine Bedeutung des Tages lebendig zu halten und in den aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Warum aber sollen Aufforderungen zu allgemeinem Widerstand gegen Diskriminierung und Patriarchalismus sowie zu Gleichberechtigung und Selbstbestimmung auf einen einzigen Tag im Jahr beschränkt sein? Diese stelle ich mir als tägliches Engagement vor, aber ist dies überhaupt denkbar? Unsere Gesellschaften sind enorm pluralistisch und arbeitsteilig differenziert. Interessen und Erfahrungswerte sind verschieden. Was ist heute das verbindende Element zwischen Frauen? Hier gilt es, im luxemburgschen Sinne zu überzeugen und die Unzulänglichkeiten von in patriarchalischen Systemen entwickelter Flickarbeit aufzudecken. Frauen müssen verstärkt in die Widersprüche ihrer Diskriminierung verstrickt werden. Dies bedeutet zum Beispiel, ungeachtet aller Fortschritte darauf aufmerksam zu machen, dass

  1. Armut verstärkt feminine Züge trägt. Ungleiche Bezahlung, prekäre Beschäftigung, Erwerbslosigkeit und in Partnerabhängigkeit zwingende Sozialsysteme treffen vorwiegend Frauen.
  2. Antiquierte geschlechtsspezifische Rollenverteilungen halten sich auch in der Organisation und Anerkennung gesellschaftlich notwendiger Tätigkeiten hartnäckig. Während Frauen bei der Bewältigung der Dreifachbelastung aus Job, Familie und gesellschaftlichem Engagement vor den Männern rangieren, klammern sich Patriarchen angesichts eines Flüssigwerdens der Arbeitswelt an ihre verblassende Deutungshoheit über den Arbeitsbegriff und an männliche Leistungsparameter.
  3. Es bleibt für einen Großteil der Frauen auch dort schwer, wo längst nicht mehr von einer Männerdomäne die Rede sei kann. Nicht selten fallen dabei offizielle Rolle und tatsächlich mögliche Entscheidungsposition stark auseinander. Die Spielregeln werden auch weiterhin von Männern gemacht.

Männliche Scheinheiligkeit im Endstadium, eindimensional männliches Vorstellungsvermögen und ein erwerbsarbeitszentrierter Tunnelblick sind nicht therapierbar. Daher braucht es im Alltag eine feministische Politik und funktionierende Frauenstrukturen, in denen Pionierinnen Unterstützung garantiert ist. Der Frauentag selbst sollte genutzt werden, um mit kritisch prüfendem Blick auf Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufmerksam zu machen. Damit dies erfahrbar bleibt, stelle ich mir diesen Tag nicht nur als entmutigende Bestandsaufnahme vor, sondern als kulturelles Moment: ein politisches Event, welches nicht mit hedonistischen Elementen geizt – meinetwegen auch mit Blumen. Adeline Otto Adeline Otto studierte Politik, Geschichte und Recht. Sie ist Mitglied im Sprecher/innenkreis der Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen und Mitarbeiterin der Europaabgeordneten Cornelia Ernst.