Disput

Nicht länger allein »Frauensache«

Die Vier-in-Einem-Perspektive. Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist

Von Sabine Zürn

Wir werden in der nächsten Zeit viel inhaltlich arbeiten, am Programm für die Landtagswahl in Baden-Württemberg oder am Bundesprogramm unserer Partei. Viele Frauen und einige Männer in der Partei sind der Überzeugung, dass wir dabei Ernst machen müssen mit unserem feministischen Anspruch beziehungsweise klären müssen, was wir darunter verstehen und wie wir handeln wollen.

Ich erinnere an eine Erklärung des Parteivorstandes zur Frauen- und Gleichstellungspolitik: »DIE LINKE versteht sich als eine Partei mit einem feministischen Anspruch. Auch in Zukunft sollen diese Inhalte in unserer Partei eine wichtige Rolle spielen – ob in unserer alltäglichen Politik oder im neuen Programmentwurf.« (25. Februar 2008)

Glücklicherweise gibt es in linken Bewegungen, von hier vor Ort bis international, viel Erneuerungs- und Aufbruchwillen, neue Ideen und Politikformen. So können wir heute die Debatte sozusagen auf einem neuen linksfeministischen Erkenntnisstand führen. In drei Schritten möchte ich euch für diese Aufgabe gewinnen. Zuerst gehe ich kurz auf einige gesellschaftliche Nöte und Notwendigkeiten ein, die einer feministischen Diskussion in der LINKEN im Weg standen.

In einem zweiten Schritt stelle ich das einfache und ermutigende Modell der »Vier-in-Einem-Perspektive« vor. Drittens werde ich einige Wege oder Schritte benennen, wie wir in Zukunft an und mit dieser gemeinsamen Utopie radikal und real sozusagen von heute an Politik machen können. Ich glaube, dass viele in unserer Partei nach solchen Wegen suchen und für diese Schritte offen sind.

Zu Beginn die etwas traurige Bestandsaufnahme linker Erklärungs- und Politiknot, wenn es um »frauenpolitische« Themen geht. Ein Versuch, linke und feministische Denk- und Politikansätze zusammenzuführen, scheiterte bekanntlich in den 80er Jahren. Er hinterließ entmutigte und genervte Frauen und Männer sowie Strategien der Ignoranz, des Rückzugs, der Frontenbildung oder des Festhaltens an lieb gewordenen »Wahrheiten«. Linke Theorie, Politik und ihre Vertreter/innen blieben weitgehend »unfeministisch«.

Angesichts der Wirklichkeit eine Katastrophe: DIE LINKE benennt nicht wirklich die Ungerechtigkeit, dass Frauen durchschnittlich ein Drittel schlechter bezahlt werden als Männer; nicht die Tatsache, dass Frauen einen Großteil der im Privaten geleisteten Arbeit an Erziehung, Versorgung und Pflege völlig unbezahlt leisten und dieses oft mit einer Hartz-IV-Perspektive sowie Altersarmut bezahlen. Die Forderung nach besserer Kinderbetreuung ist als Antwort auf patriarchale Herrschaft ganz und gar unzureichend.

Der Versuch mancher Männer und Frauen in der LINKEN, die Situation mit Hilfe einer »nichtfeministischen Mehrheit« zu beschönigen oder zu ignorieren, verstärkt das Dilemma. Es hilft auch nicht weiter, wenn sich Genossinnen und Genossen gegenseitig an antifeministischem Witz überbieten, sobald irgendwo feministische Töne zu hören sind.

Wenn DIE LINKE die Menschen für den Widerstand gegen Ungerechtigkeit und für eine herrschaftsfreie Gesellschaft gewinnen will, muss sie deutlich machen, dass sie Ungerechtigkeit gegen Frauen an keiner Stelle für »normal« oder »natürlich« hält. Andernfalls bedient sie die herrschende Ideologie und hält mit ihr gemeinsam sozusagen das Einfallstor offen für Ausgrenzung, Benachteiligung und Gewalt aller Art – nicht nur gegen Frauen. Sondern zum Beispiel gegen Schwule oder Lesben, »Fremde«, Arbeitslose, Behinderte, Alte oder Kranke ... Immer mehr Menschen finden sich heute in der Ausgrenzung wieder. Letztendlich sind Kapitalismus und Patriarchat für fast alle unbekömmlich: Viele Erwachsene und Kinder, vor allem auch Jungen, sind heute von Kindesbeinen an krank, einsam oder lebensmüde. Auch die Umweltzerstörung trifft viele und letztlich alle.

Das ganze Feld der patriarchalen »Normalität« und ihrer Folgen für Mensch und Natur ist kaum oder nur sehr zaghaft Thema der LINKEN.

Wir linken Feministinnen sind der Auffassung, dass die gesellschaftlichen Bereiche politisch nicht getrennt voneinander betrachtet und nicht in Über- und Unterordnungsverhältnisse gebracht werden dürfen. Mit Rosa Luxemburg sagen wir, dass die Eingrenzung des politischen Blicks auf nur einen gesellschaftlichen Bereich – zum Beispiel nur den der Lohnarbeit oder nur den der Bildung – in reaktionäre Forderungen mündet, selbst wenn die Forderungen im Einzelnen durchaus sinnvoll sein mögen.

Damit komme ich zu Punkt zwei, dem der Vier-in-Einem-Perspektive. Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug hat diese politische Utopie aus jahrzehntelanger marxistischer und feministischer kollektiver Erkenntnis und Politik heraus entwickelt. Zwischenfrage: Wozu brauchen wir eigentlich eine Utopie in diesen Krisenzeiten, wo uns noch nicht einmal Schadensbegrenzung gelingt? Antwort: DIE LINKE wird politisch wegrutschen, in die Sozialdemokratie oder politische Nischen, wenn sie keine Zukunftsvision hat, kein gemeinsames Ziel, an dem sie ihre Inhalte und politischen Schritte prüft. Und diese Utopie muss zugleich radikal und erreichbar sein, damit wir auf sie zuarbeiten können.

Fragen wir »ganz einfach«, was notwendig ist, damit Menschen ihr Zusammenleben optimal, also »zukunftsfähig«, also herrschaftsfrei gestalten können. Die Vier-in-Einem-Perspektive nimmt, wie der Name schon sagt, vier Bereiche unter die Lupe:

Erstens den Bereich der Erwerbsarbeit, der Produktion, einem traditionellen Politikfeld der LINKEN. Die Zukunftsperspektive in diesem Bereich muss doch sein, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, im Produktionsprozess mitzuwirken. Der Stand der Produktivkräfte macht allerdings heute keinen Acht-, noch nicht einmal mehr einen Sechs-Stundentag nötig, damit die zum Überleben erforderlichen Mittel hergestellt werden können. Klar ist, dass unter kapitalistischen Bedingungen eine bedürfnisorientierte und sinnvolle Produktion mit Beteiligung möglichst vieler nicht denkbar ist. Weshalb die Produktionsbedingungen grundsätzlich andere werden müssen.

Der zweite Bereich ist derjenige der »Reproduktion« oder »Sorgearbeit« (hier suchen wir noch nach einem Begriff, der auf alles passt). Dazu gehören Liebe, Sorge, Gesundheit, Kindermachen, Kinderkriegen, Pflege und das Miteinander von Generationen und Freundeskreisen. Jeder Mensch sollte in seinem Leben die Möglichkeit und die Aufgabe haben, für Kinder, Nachbarn, Partner/in da zu sein. Unter den heutigen Bedingungen, also ins Private abgeschoben und ideologisch verzerrt, lässt sich aber auch in diesem Bereich nicht wirklich leben – ihn müssen wir also verändern.

Für jeden Menschen ist die individuelle Entwicklung lebenswichtig, das Lernen also, Bildung und Selbstentfaltung. Dies stellt den dritten Bereich dar. Auch hier herrscht zur Zeit vor allem eine verheerende Schieflage: Während die einen auf Bildungsreisen um die Welt fliegen, können andere nicht lesen und schreiben. Bildung für alle ist eine – aus heutiger Sicht utopische – unabdingbare Grundvoraussetzung für eine andere Gesellschaft.

Viertens: Jeder Mann und jede Frau soll die politische Führung übernehmen! Sprich, das Gemeinwesen gestalten, im eigenen Umfeld und global. Dies muss Möglichkeit für jedes individuelle Leben sein, da es dem menschlichen Bedürfnis entspricht. Wie ist das heute? Berufspolitiker entscheiden über die Zukunft halber Kontinente, während die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt keine Einflussmöglichkeit darauf hat, dass ihre Lebensgrundlagen zerstört werden. Eine zukunftsweisende Politik muss ganz anders sein.

Wie sieht nun eine Utopie aus, in der menschliche Bedürfnisse und Möglichkeiten im Mittelpunkt stehen? Frigga Haug schlägt vor, dass wir uns einen 16-Stunden-Tag ausmalen: vier Stunden für Erwerbsarbeit, vier Stunden für Kinder, Kochen und Beziehungsknatsch, vier Stunden für Lesen, Trommeln und Kino und vier Stunden, um mit anderen über die Gestaltung der Kommune, des Landes und der Welt zu streiten, sprich für Partizipation, für Politik.

Es versteht sich von selbst, dass so eine Gesellschaft auf ihrem Weg zur Emanzipation Herrschaft in jeder Form überwinden muss und dass jede und jeder an dieser Arbeit beteiligt sein wird.

Wir sind von diesem Gesellschaftsentwurf heute unendlich weit entfernt – und gleichzeitig bekommen wir in »revolutionären Momenten« vielleicht eine Ahnung davon. Es ist wichtig, politische Schritte in die Richtung einer umfassenden Veränderung zu tun, auch in die Veränderung von uns selbst, damit wir etwas besser sind als die Verhältnisse, in denen wir leben.

Damit komme ich zu meinem letzten Punkt, also zur Realität und zur weiteren inhaltlichen Debatte. Ich benenne fünf »feministische Entwicklungschancen« für DIE LINKE:

1. Wir von der LAG Frauen wollen, dass linke feministische Politik nicht länger »Frauensache« bleibt. Es kann nicht sein, dass Beschäftigungspolitik, also »Daimler in Sindelfingen«, das Thema der »normalen LINKEN« ist, Frauenhäuser Sache der Frauen, Abbau von Homophobie die Angelegenheit von Lesben und Schwulen und Integration und Barrierefreiheit politischer Schwerpunkt von Menschen mit Behinderung. An einem Punkt ist das den LINKEN auch ziemlich klar: Niemand fordert von Migrantinnen und Migranten, mit dem Rassismus im Land selbst fertig zu werden. Also sage ich in Abwandlung eines Slogans gegen Ausländerfeindlichkeit: »Lasst uns mit diesen Patriarchen nicht allein!« – auch wenn dazu immer mal wieder der eigene Schweinehund zu überwinden ist.

2. Fangen wir an, die Vier-in-Einem-Perspektive in unsere Debatten einzubeziehen und Männer und Frauen für sie zu gewinnen! Diskutiert in euren Kreisen, macht Veranstaltungen, ladet die LAG Frauen ein, wir kommen gern!

3. Vor einigen Wochen ist eine Sammlung von etwa 50 linksfeministischen Aufsätzen zur Programmdiskussion unserer Partei erschienen. Angebote zur politischen Bildung müssen folgen.

4. Prüft die Strukturen der LINKEN, in denen ihr aktiv seid, darauf hin, ob sie andere zur politischen Eigenaktivität befähigen und ermuntern. Quotierung ist eine wichtige Strategie, eine Sprache, die Frauen sichtbar macht – auch wenn sie nicht Erzieherinnen sind!

DIE LINKE gewinnt nicht genug, wenn sie »Wählerinnen« gewinnt – sie muss Frauen und sie muss perspektivisch alle benachteiligten Menschen der Gesellschaft dafür gewinnen, in der LINKEN ihre Politik zu machen!

5. Lasst uns weiter Bündnisse schließen mit anderen Initiativen, und zwar verstärkt auch zu Frauenkämpfen. Der internationale Frauentag am 8. März ist so ein Anlass. Der 8. März ist historisch und aktuell ein wichtiger linker, feministischer und internationaler Frauen-Kampftag. Und hier ist Solidarität dringend notwendig. In der Türkei zum Beispiel gehen jedes Jahr Zehntausende Frauen und solidarische Genossen auf die Straße. Die Polizei prügelt die Demonstrationen regelmäßig nieder, zahlreiche Frauen wurden letztes Jahr inhaftiert und befinden sich noch heute im Knast! Ein Protest der LINKEN auf allen Ebenen am 8. März wäre ein gutes Signal.

Sabine Zürn ist aktiv in der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und im Landesvorstand der LINKEN Baden-Württemberg.