Disput

Weinheim – Potsdam und zurück

Vom Segen des Miteinander

Von Carsten Labudda

Es wird in unserer Partei in den letzten Wochen viel darüber gesprochen, dass sich die Genossinnen und Genossen in Ost und West besser kennenlernen sollten. Bei dem Status einer Volkspartei im Osten und einer (noch) kleinen Oppositionspartei im Westen des Landes ergeben sich fast schon zwangsläufig Unterschiede sowohl beim Spektrum der Aufgaben als auch beim Verständnis davon, wie am besten Politik zu machen sei. In einer pluralen linken Partei muss es uns gelingen, diese Unterschiede nicht gegeneinander auszuspielen, sondern für die Gesamtpartei produktiv nutzbar zu machen. Und genau dazu sollen gegenseitige Partnerschaften von Ost- und Westverbänden beitragen.

Die inzwischen langjährige Partnerschaft zwischen den Genossinnen und Genossen in Potsdam und Weinheim ist ein solches erfolgreiches Verständigungsprojekt. Wie es dazu kam und was es für beide Seiten gebracht hat, möchte ich im Folgenden ausführen. Ich hoffe, dass es andere Gliederungen der LINKEN animiert, solche Partnerschaften einzugehen und mit Leben zu erfüllen.

Wie Weinheim und Potsdam Freunde wurden

Es gibt viele Gelegenheiten, Genossinnen und Genossen aus anderen Teilen Deutschlands kennenzulernen: Parteitage, Bundesarbeitsgemeinschaften, Fortbildungsseminare, große Demonstrationen. Überall dort kommen viele Menschen von überall her zusammen, um gemeinsam Politik zu betreiben oder um etwas Neues zu lernen.

Im Jahr 2005 gründete sich in Weinheim der bundesweit erste Ortsverein der WASG. Von Anfang an haben bei uns der Ortsverein der WASG und die Basisorganisation der PDS den Kontakt gesucht. Dabei wurde schnell deutlich, dass uns viel verbindet, und so konnten wir schon lange vor der Parteifusion durch das Mittel der Doppelmitgliedschaften einen gemeinsamen Vorstand wählen.

Im Frühjahr 2006 tobte in Baden-Württemberg der Landtagswahlkampf. Da ich als Bundessprecher von [’solid] zu Anfang des Jahrzehnts Freundschaft mit den Genossen Stefan Wollenberg und Michael Kahle aus Potsdam geschlossen hatte, baten wir diese um Hilfe. Die kam prompt. Michael Kahle, Stefan Wollenberg und Ronny Besancon kamen zu uns, um uns tatkräftig zu unterstützen. So schafften wir es zum ersten Mal, wirklich flächendeckend in allen Gemeinden des Wahlkreises Weinheim Infostände und Verteilaktionen durchzuführen. Der Lohn war ein Wahlergebnis deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Bei der gemeinsamen Arbeit wurden die zwischenmenschlichen Bande vertieft und die Idee einer Partnerschaft zwischen Potsdam und Weinheim geboren. In gegenseitiger Abstimmung entwickelten wir nach und nach ein Konzept, wie diese Partnerschaft am besten ausgestaltet werden könnte. Das war wichtig, denn die Potsdamer hatten in der Vergangenheit eine schlechte Erfahrung mit einem Westpartner machen müssen. Deren erster Versuch in den 90er Jahren entpuppte sich als Einbahnstraße, die nur aus finanziellen Ansprüchen bestand. Man wollte aber nicht bloß der »reiche Onkel aus dem Osten« sein, sondern war an einem gegenseitigen Austausch interessiert. Genau das wollten wir Weinheimer auch. Wir vereinbarten, uns gegenseitig zu besuchen, um beim Anderen zu sehen, wie bei ihm die politische Arbeit läuft, welche Themen dort wichtig sind, und natürlich um uns gegenseitig besser kennen und verstehen zu lernen. Außerdem wollten wir Weinheimer bis zur Kommunalwahl 2009 stadtratstauglich werden, und dazu gehört für uns kommunalpolitische Bildung. Das alles schrieben wir also in unser Konzept hinein.

Die Weinheim Genossinnen und Genossen beschlossen am 14. Oktober 2006, dass wir dieses Projekt angehen wollen. Am 11. November 2006 wurde es auch durch den Kreisverband Potsdam beschlossen. Von da an waren wir ganz offiziell Partner.

Partnerschaft mit Leben erfüllen

Passend zur Fusion von WASG und Linkspartei.PDS zur neuen Partei DIE LINKE organisierten wir im Juli 2007 in Weinheim ein Straßenfest. Die Potsdamer Genossen halfen uns bei der Herstellung der Ankündigungsplakate. Der damalige Potsdamer Kreisvorsitzende Pete Heuer kam uns mit einer kleinen Delegation besuchen. Es war sein erster Besuch in Weinheim, und so konnte er unsere Stadt und die Menschen, die hier leben, kennenlernen. Offensichtlich hat es den Genossen bei uns gefallen. Weinheim hat eine pittoreske Altstadt, die ihr den Titel »Toskana Deutschlands« eingebracht hat. Und vor allem hat unser Ortsverein es geschafft, dass DIE LINKE inzwischen als Faktor akzeptiert und nur noch sehr selten von Ewiggestrigen angefeindet wird.

Einen Monat später stand der Gegenbesuch an. Mit einer kleinen Delegation um unseren Genossen Jürgen Gulden fuhren wir nach Potsdam, um beim Sommerfest der Potsdamer LINKEN mitzuhelfen und um Weinheim und die Weinheimer LINKE vorzustellen. Es war für uns auch ein bisschen eine Fahrt in ein Eldorado für LINKE: viel mehr Genossen als bei uns, eine echte Geschäftsstelle, professionelle Arbeitsstrukturen – und eine Stadt, in der DIE LINKE ein wichtiger und selbstverständlicher Teil der politischen Landschaft ist. So hat es uns umso mehr Spaß gemacht, bei den Arbeiten mitzuhelfen, bei Besuchen von Sitzungen zuzuhören und zu lernen und natürlich mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle den Potsdamer Genossen Stefan Wollenberg, Michael Kahle, Pete Heuer und Ronny Besancon für die tatkräftige Unterstützung sagen.

Seitdem hat es jedes Jahr einen Besuch in die eine oder andere Richtung gegeben. 2008 halfen wir beim Potsdamer Kommunalwahlkampf mit. 2009 unterstützten die Potsdamer uns bei unserem Wahlkampf. Die Potsdamer LINKE verteidigte 2008 erfolgreich ihre Spitzenposition, und 2009 errangen wir den ersten linken Weinheimer Stadtratssitz seit 50 Jahren. Und wer weiß – vielleicht treffen Potsdamer und Weinheimer Genossen sich ja im Frühjahr 2010 in Nordrhein-Westfalen, um gemeinsam zu einem erfolgreichen Landtagswahlkampf beizutragen.

Carsten Labudda ist Vorsitzender des Ortsverbandes Weinheim und Mitglied des Kreisvorstandes Heidelberg/Rhein-Neckar (Baden-Württemberg). DIE LINKE Weinheim zählt knapp 50 Mitglieder.