Disput

Das Angebot wächst

Von den Interessen der Mitglieder ausgehend – die eigenständige Bildungsarbeit der Partei. Ihr Stellenwert nimmt zu

Von Ulrike Zerhau

 

Die politische Bildung ist für DIE LINKE von zentraler Bedeutung. Ihre Aufgabe ist es, Gesellschaftskritik, Selbstkritik und den Wunsch nach Veränderung zu fördern. Bildungsarbeit muss daher eng mit unserer politischen Alltagspraxis verknüpft sein. Sie sollte für alle FunktionärInnen und Mitglieder genauso selbstverständlich sein wie unsere Öffentlichkeitsarbeit, unser Wahlkampf oder die Organisationspolitik. Sie muss folglich in den Planungen aller Parteigliederungen genauso auftauchen wie unsere politische Schwerpunktsetzung oder die Organisationswahlen. Auch unsere Kampagnen können nur erfolgreich sein, wenn die Aktiven mit Bildungsmaßnahmen unterstützt und begleitet werden.

DIE LINKE muss das Ziel haben, alle Mitglieder mit einem Bildungsangebot zu erreichen. Andere Bildungseinrichtungen, zum Beispiel die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die parteinah aber unabhängig Linke anspricht und allgemeinpolitische oder gezielt kommunalpolitische Qualifizierungsangebote vorhält, sind wichtige Bildungsakteure, auf die wir unsere Mitglieder ausdrücklich aufmerksam machen müssen. Darüber hinaus brauchen wir allerdings eine eigenständige Bildungsarbeit der LINKEN, die ausgehend von den Interessen der Mitglieder und der Partei entwickelt wird und daher nicht von anderen Trägern übernommen werden kann.

Unsere Mitglieder kommen aus unterschiedlichsten sozialen Verhältnissen und kulturellen Milieus. Langjährige Politikerinnen und Politiker treffen auf Hartz IV-Betroffene, Umweltbewegte auf Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Feministinnen auf Sozialistinnen, Sozialisten und Friedensbewegte. Sie alle verstehen sich als LINKE, haben aber ganz verschiedene Beitrittsgründe und oft voneinander abweichende Politikvorstellungen. Das macht die Partei bunt, führt allerdings nicht selten zu Konflikten. Die reale Streitkultur lädt nicht gerade zum Mitdiskutieren ein, sondern schreckt im Gegenteil eher viele vom Mitmachen ab. Oft liegt es schlicht daran, dass Kompetenzen zur Gesprächsleitung fehlen oder Sachhintergründe unbekannt sind. Nicht selten aber sind die Lebenshintergründe so unterschiedlich, dass die Argumente für einen anderen Standpunkt erst gar nicht bekannt sind. Bildungsangebote können hier Diskussionsräume zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Verstehen unterschiedlicher Positionen aufschließen. Sie schaffen Gelegenheiten zum Erlernen und Erproben einer solidarischen innerparteilichen Streitkultur. Letztlich braucht DIE LINKE die gemeinsame politische Arbeit und das gemeinsame Lernen als entscheidende Voraussetzung einer solidarischen, lebendigen Mitgliederpartei, die das Stellvertreterprinzip überwindet, allen Beteiligung anbietet und von unten aufgebaut ist. Daher muss besonders dort, wo die Partei sich noch im Aufbau befindet, ein umfangreiches Bildungsangebot vorhanden sein.

Der Aufbau einer arbeitsfähigen Bildungsstruktur hat erstens zur Voraussetzung, dass es auf allen Ebenen der Partei eine personelle Verantwortlichkeit für die Bildungsarbeit und – wo möglich – entsprechende Kommissionen gibt. Zweitens eine Arbeitsstruktur zur Entwicklung von Bildungsmaterialien und die ständige Qualifizierung und Weiterbildung von Teamerinnen beziehungsweise Teamern. Und drittens muss für die Bildungsarbeit ein angemessener Etat der Bundespartei wie der Landesverbände zur Verfügung stehen.

Der Parteivorstand hat daher auf seiner Sitzung am 14. November der innerparteilichen Bildung einen deutlich höheren Stellenwert eingeräumt. Anfang 2010 wird ein eigenständiger Bereich Bildung eingerichtet werden, mit einem mehr als dreimal so großen Etat für Bildungsarbeit wie bisher und mit zwei zusätzlichen pädagogischen MitarbeiterInnen. Sie sollen so schnell wie möglich gefunden werden, gemeinsam mit dem Bereichsleiter Heinz Hillebrand ein professionelles hauptamtliches Bildungsteam bilden und Hand in Hand mit der Bildungskommission unsere Bildungsstrukturen weiter ausbauen.

Der neue Bereich Bildung wird folgende Aufgaben wahrnehmen:

  • die Entwicklung, Erprobung und Herausgabe von Bildungsmaterialien,
  • die thematische Unterstützung der Programmdebatte in den Gliederungen der Partei,
  • die Qualifizierung und Betreuung von Teamerinnen und Teamern,
  • die Herausgabe eines regelmäßigen Newsletters für die Bildungsarbeit,
  • die Einrichtung und Pflege eines Internetangebots für politische Bildung,
  • die Organisation und Durchführung des zentralen Bildungsangebots der Bundesgeschäftsstelle,
  • die organisatorische Unterstützung der Kommission politische Bildung beim Parteivorstand,
  • die Hilfe beim Aufbau von Landes-Bildungsstrukturen,
  • die Kooperation mit den Landesvorständen und ihren Landesstrukturen der politischen Bildung sowie die Unterstützung der Zusammenschlüsse bei ihrer eigenen Bildungsarbeit,
  • die Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Nutzung ihrer Aktivitäten,
  • die Kooperation mit den Bildungsverantwortlichen von ['solid] und SDS.

Der neue Bereich fängt nicht bei Null an. Am Aufbau einer bundesweiten Bildungsstruktur arbeitet inzwischen seit ca. zwei Jahren die Bildungskommission des Parteivorstandes. Sie setzt sich zusammen aus aktiven erfahrenen BildungsarbeiterInnen aus allen Bundesländern und weiteren vom Parteivorstand benannten Bildungsprofis. Sie konnte gleich nach der Gründung der LINKEN erste notwendige Sofortangebote (vor allem für den Aufbau West und die Wahlkämpfe) entwickeln, zum Beispiel mit einem »Erste-Hilfe-Seminar« für neue Mitglieder. Das Konzept für das Neumitgliederseminar ist inzwischen fertig, wurde erprobt, und eine ständig wachsende Zahl von TeamerInnen konnte für diesen Seminartyp qualifiziert werden.

In den östlichen Bundesländern kann die Partei bei einer Tradition von Bildungsarbeit ansetzen, aber auch in den westlichen Bundesländern sind inzwischen Strukturen für Bildung angelegt worden, wenn auch das tatsächliche Seminarangebot im Umfang noch recht unterschiedlich bleibt. Auf der Bundesebene wird das Bildungsangebot 2010 deutlich ausgeweitet werden können. Neben Grundlagenseminaren wird es eine Reihe Angebote zur Weiterqualifizierung geben, wie zur Öffentlichkeitsarbeit, zum Umgang mit Konflikten und zur Mitgliederwerbung. Ein Schwerpunkt in den kommenden Monaten wird die Begleitung der Programmdebatte sein. Im Dezember 2009 wurde zur Vorbereitung dieser Debatte bereits ein erstes Seminar mit frauenpolitischem Schwerpunkt durchgeführt. Im Frühjahr können Teamende sich im Rahmen eines Grundlagenseminars zur Einführung in die Programmdebatte qualifizieren, darüber hinaus werden unterstützende Bildungsmaterialien für die Diskussion zentraler und strittiger Themen der Programme erstellt werden.

Noch ist die Frage nicht beantwortet, mit welchem Bildungsverständnis in der LINKEN gearbeitet wird. Ist es zum Beispiel schon Bildung, wenn im Rahmen einer Mitgliederversammlung ein Referat zu einem aktuellen Thema gehalten wird? Welches Verständnis haben wir von der Rolle der Lernenden im Bildungsprozess? Welche Inhalte sollen mit welchen Methoden erlernt werden? Wollen wir nur Qualifizierung als »training

for the job«, um Mitglieder und Funktionsträger/innen für ihre speziellen Aufgaben fit zu machen, oder soll unsere Bildung eine politische Bildung sein, die ein tieferes Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft schafft, (Selbst-)Kritikfähigkeit fördert und Handlungsperspektiven und alternative Politikkonzepte diskutiert? Die Bildungskommission wird diese Fragen in den nächsten Sitzungen auf die Tagesordnung setzen und für sich klären müssen.

Damit alle Mitglieder Bildungsangebote für sich finden können, müssen vor allem vor Ort Seminare und andere Veranstaltungen organisiert werden. Zentrale Angebote der Bundesebene können sich vorrangig nur an Teamer/innen und weitere MultiplikatorInnen richten. Der Parteivorstand bittet daher die Landesverbände und die nachgeordneten Gebietsvorstände, die Durchsetzung der Grundsätze und Ziele der Bildungsarbeit der Partei wirksam zu unterstützen sowie die personelle und finanzielle Sicherstellung ihrer Bildungsarbeit zu gewährleisten.

Ulrike Zerhau ist stellvertretende Parteivorsitzende.

ulrike.zerhau@die-linke.de