Disput

Zur Milch nun auch Hase und Büffel

Ein Workshop zu Cuba Sí-Projekten. Solidarität mit Kuba vor neuen Aufgaben

Von Brigitte Schiffler

Anders als in vielen Ländern dieser Welt muss in Kuba niemand hungern. Doch angesichts globaler Wirtschaftskrise, verheerender Naturkatastrophen und der Wirtschaftsblockade durch die USA steht die sozialistische Gesellschaft vor gewaltigen Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund fand im Dezember 2009 ein Nachhaltigkeits-Workshop in Kuba statt, an dem vier Mitglieder der AG Cuba sí und drei Vertreter der Partei DIE LINKE teilnahmen, um die gegenwärtige Entwicklung der von Cuba sí geförderten Projekte zu analysieren und angesichts der weltweiten Krise neue Ziele für ihr Handeln zu formulieren.

Seit 1993 gibt es die Solidaritätsprojekte »Milch für Kubas Kinder«. Nach dem Zusammenbruch der osteuropäischen Planwirtschaften und den dadurch ausbleibenden Futtermittellieferungen im Einklang mit den begrenzten finanziellen Möglichkeiten des Landes sollen sie die Produktion von Milch auf der Basis ökonomischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ermöglichen. Seitdem ist viel erreicht worden. Heute existieren in vier Provinzen Milchprojekte, die viele Arbeitsplätze mit guten Konditionen geschaffen haben, die in lokale Produktionsstrukturen integriert sind und umweltschonende Technologie und Technik einsetzen. Cuba sí unterstützt im Einzugsbereich der Projekte auch Forschungseinrichtungen zu einheimischen Futtermitteln, Rinderzuchtanlagen, Kantinen- und Schuleinrichtungen, Kulturprojekte und Weiterbildungsmaßnahmen.

Partnerorganisation für die Durchführung der Projekte ist ACPA, die kubanische Vereinigung für Tierproduktion. Sie ist eine nichtstaatliche Organisation mit 35.000 Mitgliedern in ganz Kuba, die mit Teresa Planas Pérez eine Frau zur Präsidentin gewählt hat. Im November 2006 hatte erstmals ein Workshop zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Milchprojekte stattgefunden. Beim zweiten Workshop im März 2008 war die Aufgabe, die Umsetzbarkeit der im ersten Workshop ausgearbeiteten Empfehlungen zu analysieren. Bei diesem dritten Workshop ging es um die Dimensionen der veränderten Bedingungen und um eine entsprechende Neuausrichtung der Projekte. Das Besondere an den Workshops war die breite Teilnahme von Produzenten und Spezialisten aus den Projekten. Gemeinsam mit Vertretern des Landwirtschaftsministeriums und der kubanischen Vereinigung für Milchproduktion wurden die Herausforderungen, Gefahren und Risiken, Alternativen und Lösungen für die zukünftige Zusammenarbeit ausgewertet.

Die Errungenschaften: Die Projekte sind erfolgreich. Überall ist die Milchproduktion gestiegen, neue Futterpflanzen gewährleisten eine hohe Qualität der Milch und damit höhere Preise, die Böden sind verbessert worden, es werden keine Pestizide benutzt, hochwertiges Saatgut wurde zurückgelegt, Informatik und strategische Planung wurden angewandt.

Die wichtigsten Neuerungen: Es wird nicht allein Milch produziert, sondern mit dem Ziel, die Ernährungslage zu verbessern, werden zunehmend Hasen, Büffel und Ziegen gezüchtet. Das Programm zur Diversifizierung der Landwirtschaft enthält auch die Herstellung von organischen Düngemitteln. Nach wie vor werden in erster Linie Genossenschaften und Staatsbetriebe unterstützt, aber auch einzelne Privatbauern erhalten nun zur Erhöhung der Lebensmittelproduktion Fördergelder, was intensiv diskutiert wurde. Fazit: Die Privatbauern bereichern sich nicht, denn sie sind in Kredit- und Dienstleistungskooperativen eingegliedert, müssen eidesstattliche Erklärungen über ihre Einkommen abgeben und sind zur Abgabe eines Teils ihrer Produkte verpflichtet. Alles, was sie verkaufen, wird erfasst. Sie können das ihnen zugeteilte Land weder verkaufen noch vererben.

Als zukünftige Notwendigkeit stellt sich heraus: Der Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten soll intensiviert werden. Die Erfahrungen der einzelnen Projekte müssen durch Aufarbeiten, Systematisieren und Verallgemeinern nutzbar werden, so dass sie als Referenzprojekte wirken können. Gemeinsame Planungsworkshops sollen organisiert und die Mitarbeiter der Projekte systematisch in neuen Lernmethoden und audiovisuellen Medien geschult werden. Und die Projekte sollen längerfristig angelegt werden, um die Planungs- und Genehmigungsprozesse zu erleichtern. Ein Schwerpunkt soll die Förderung von frauenfreundlichen Arbeitsbedingungen sein, angeregt wurde zum Beispiel die Einrichtung von Kindergärten.

Neue Herausforderungen sind: Es gibt zu wenig Möglichkeiten, die notwendigen Materialien für Reparatur und Ausbau in Kuba zu erwerben; zu teure Technik, um neues Weideland zu gewinnen; zu wenig Kenntnisse, wie den Naturkatastrophen zu begegnen ist.

Die Teilnehmer waren hoch motiviert und bedauerten, dass die Zeit so knapp war. Aber schon im Januar sollen neue Vorschläge eingereicht werden, und Cuba sí wird über die großen Herausforderungen beraten.

In den folgenden Tagen konnten wir deutschen Teilnehmer des Workshops mehrere Projekte in drei Provinzen kennenlernen und waren tief beeindruckt, welche Bedeutung unsere solidarische Arbeit für viele Menschen hat. Die umfasst nicht nur die Milchprojekte, sondern beispielsweise auch ein Kulturhaus für etwa 50 Kinder. Spontan luden sie uns zu einer Theaterprobe ein, und schon waren wir mitten auf der Bühne. Dank ACPA nahmen wir an einer Veranstaltung ihres Projektes Palomas – keine Gewalt gegen Frauen – teil. Prämiert wurde unter anderem ein Film über Frauen in Führungspositionen in landwirtschaftlichen Projekten – einige von ihnen lernten wir auf den Cuba-sí-Projekten kennen. Starke Frauen, die mit viel Arbeit die Hurrikanschäden beseitigen: »Jede Nacht bin ich voll Vertrauen. Wenn alles organisiert wird, dann bekommt man wieder Mut. Zu sehen, was wir mit den Händen anpflanzen, das ist Freude.«

Etwa zwanzig Prozent des kubanischen Inlandsprodukts wurden durch die Hurrikane 2008 vernichtet, so Oscar Martinez Cordovés, stellvertretender Leiter der Abteilung internationale Beziehungen der KP Kubas. Der Klimawandel führe zur Versteppung, die Regenzeit habe sich verschoben. Auch die Preisanstiege für Lebensmittel und Öl sowie der Preisverfall für Nickel und die geringeren Einnahmen beim Tourismus hätten dazu geführt, dass das Jahr 2009 das schwierigste Jahr für Kuba war. Dennoch werde Kuba weiterhin 60 Prozent seiner Staatsausgaben für Bildung, Gesundheit, Sport, Kultur und Renten ausgeben und hier keine Einschränkungen vornehmen. Kuba müsse die Ungleichheit in den Lebenslagen angehen, doch die Vereinheitlichung zweier Währungen und die Veränderung der Subventionierung von Lebensbereichen ohne Gegenleistung seien schwierig zu lösende Probleme. Hierzu will die Partei vor dem Parteitag einen Kongress veranstalten und die Bevölkerung breit in den Diskussionsprozess einbeziehen.

Spannend waren die Treffen bei Prensa Latina, der kubanischen Nachrichtenagentur, und Mundo Latino, der kubanischen Institution für Dokumentarfilme. Der Präsident von Prensa Latina gab uns einen guten Einblick in Geschichte und derzeitige Arbeit dieses Bereiches. Die wichtigste Aufgabe sei heute, mittels Fernsehsendungen Informationen über das Alltagsleben in Kuba aktuell weiterzugeben; eine neue Nachrichtensendung startet am 8. Januar. Aber sie stoßen an ihre Grenzen, weil die notwendige Technologie fehlt. Bei Mundo Latino, seit 23 Jahren Filmproduzent über das authentische Leben in Kuba, möchte der Präsident seine Produkte stärker in Deutschland vorstellen und fragte nach Ideen für die Zusammenarbeit.

Im Haus der Freundschaft empfing uns der Vizepräsident des ICAP, der Institution für Völkerfreundschaft, mit der Cuba sí seit seiner Gründung politisch zusammenarbeitet. Das Jahresabschlussfest der Völkerfreundschaft im Parque Lenin, zu dem wir eingeladen wurden, war ein würdiger Abschluss unserer Delegationsreise.

Wer neugierig auf unsere Arbeit geworden ist, findet mehr Informationen auf unserer Webseite www.cuba-si.org, auch über Reisen nach Kuba. Kuba braucht Devisen.

Brigitte Schiffler ist Mitglied bei Cuba sí Hamburg.

www.cuba-si.org