Disput

Einheitsfront

Vor 75 Jahren beschloss die Kommunistische Internationale auf ihrem 7. Weltkongress eine neue Strategie im Kampf gegen den Faschismus

Von Ronald Friedmann

Vom 25. Juli bis 20. August 1935 tagte im Moskauer Haus der Gewerkschaften der 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale. Der Komintern, so das bis heute bekannte Kürzel, gehörten zu diesem Zeitpunkt 76 kommunistische Parteien und Organisationen an, 19 von ihnen galten als »sympathisierend«, hatten also nach heutigen Maßstäben Beobachterstatus.

Am Kongress nahmen 513 Delegierte von 63 Parteien und Organisationen teil. Die Kommunistische Partei Deutschlands war offiziell mit 31 Delegierten vertreten. Sie stellte damit - nach der gastgebenden KPdSU - die zweitgrößte Delegation, obwohl sie ihre Rolle als größte Kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion längst eingebüßt hatte. (Mindestens ein weiterer deutscher Kommunist nahm als Delegierter einer ausländischen KP am Weltkongress teil: Gerhart Eisler war unter dem Namen John Gerhart als offizieller Vertreter der KP der USA nach Moskau gereist.)

Der 7. Weltkongress war im Dezember 1933 ursprünglich für den Herbst 1934 einberufen worden. Doch der Beginn des Kongresses wurde immer wieder verschoben, zum Teil so kurzfristig, dass sich beispielsweise die Delegierten aus Lateinamerika bereits auf die lange und beschwerliche Reise in die »Hauptstadt der Weltrevolution« aufgemacht hatten und eine Umkehr nicht mehr sinnvoll war. Man nutzte daher die unerwartete Anwesenheit der lateinamerikanischen Delegierten, um im Oktober 1934 in Moskau eine ursprünglich nicht geplante »Konferenz von Montevideo«, wie der Tarnname lautete, zu Problemen der kommunistischen Bewegung in Süd- und Mittelamerika durchzuführen.

Die mehrfache Verschiebung des Weltkongresses hatte keine organisatorischen Gründe, sie resultierte vielmehr aus der Tatsache, dass die notwendigen strategischen Debatten im Vorfeld dieses »Gipfeltreffens der kommunistischen Weltbewegung« sehr viel mehr Zeit benötigten, als ursprünglich gedacht. Seit dem 6. Weltkongress waren bereits sieben Jahre vergangen, in denen sich überall auf der Welt tiefgreifende politische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen vollzogen hatten. Der Zusammenbruch der New Yorker Börse am 25. Oktober 1929, dem »Schwarzen Freitag«, beendete auf dramatische Weise die »Phase der relativen Stabilisierung des Kapitalismus« und leitete die bis dahin schwerste Krise der Weltwirtschaft ein. Das Heer der Arbeitslosen schwoll weltweit an, Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit machten sich breit.

Vor diesem Hintergrund hatten die Faschisten mit ihren chauvinistischen und sozialdemagogischen Parolen in vielen Ländern einen ungeahnten Zulauf erhalten. In Deutschland waren sie zur stärksten politischen Kraft geworden. Am 30. Januar 1933 hatte Reichspräsident von Hindenburg, gedrängt von einflussreichen Kräften aus Politik und Wirtschaft, die verborgen, aber wirksam im Hintergrund agierten, Hitler schließlich sogar zum Reichskanzler ernannt. Innerhalb weniger Monate zerschlug Hitler - mit den Instrumenten der Weimarer Verfassung - die Reste demokratischer Strukturen und errichtete seine faschistische Diktatur in Deutschland.

Für die deutsche Arbeiterbewegung bedeutete der Triumph des Faschismus die bis dahin schwerste Niederlage ihrer Geschichte. Der unbarmherzige Bruderkrieg zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten - eines der wichtigsten Phänomene der Weimarer Zeit - hatte einen wirksamen Widerstand gegen den Aufstieg Hitlers und seiner Partei verhindert. Die Warnung Clara Zetkins aus dem Jahre 1923 war unbeachtet geblieben: »Das Proletariat hat im Faschismus einen außerordentlich gefährlichen und furchtbaren Feind vor sich. Der Faschismus ist der stärkste, der konzentrierteste, er ist der klassische Ausdruck der Generaloffensive der Weltbourgeoisie in diesem Augenblick.«

Nun galt es für die kommunistische Bewegung - im Angesicht der nahezu vollständigen Niederlage, die von nicht wenigen führenden Kommunisten noch immer nicht erkannt und anerkannt, sondern als »zeitweiliger Rückschlag« verharmlost wurde -, eine kritische und vor allem selbstkritische Bilanz zu ziehen und eine Strategie für die Überwindung des Faschismus zu finden. Dazu gehörte, sich zunächst über das Wesen des Hauptfeindes, also des Faschismus, klar zu werden.

Bereits im Dezember 1933 hatte eine Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale den Faschismus an der Macht als »die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« bezeichnet und auf die Bestrebungen des Faschismus hingewiesen, sich im Kleinbürgertum, aber auch in der Arbeiterklasse eine Massenbasis zu verschaffen. Anderthalb Jahre später griff Georgi Dimitrow diese Thesen in seinem Referat »Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus« auf dem 7. Weltkongress auf und entwickelte sie maßgeblich weiter. (Bis zum heutigen Tag gilt er deshalb fälschlicherweise als Urheber dieser »Dimitrowschen« Faschismusdefinition.)

Allerdings war auch Dimitrow nicht frei von Illusionen, obwohl er schon 1932, als er noch Leiter des Westeuropa-Büros der Komintern in Berlin gewesen war, angesichts der drohenden faschistischen Gefahr weitsichtig eine grundlegende Kurskorrektur der Kommunisten gefordert hatte. So erklärte er in seinem Referat: »Die faschistische Diktatur ist auch deshalb nicht fest, weil der Kontrast zwischen der antikapitalistischen Demagogie und der Politik der räuberischsten Bereicherung der monopolistischen Bourgeoisie die Entlarvung des Klassenwesens des Faschismus erleichtert und zur Erschütterung und Schmälerung der Massenbasis führt. Ferner ruft der Sieg des Faschismus den tiefen Hass und die Empörung der Massen hervor, begünstigt ihre Revolutionierung und gibt der Einheitsfront des Proletariats gegen den Faschismus einen mächtigen Anstoß.«

Das wichtigste Ergebnis des 7. Weltkongresses war die allgemeine und für alle Mitgliedsparteien verbindliche Anerkennung der Tatsache, dass ein Sieg über den Faschismus nur durch eine Einheitsfront, also den gemeinsamen Kampf von Kommunisten und Sozialdemokraten, möglich sein würde. Zwar hatten die Kommunisten auch zuvor bereits die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesucht, aber es sollte sich dabei lediglich um eine »Einheitsfront von unten« handeln, bei der die sozialdemokratischen Parteiführungen, die man unterschiedslos mit dem Etikett »sozialfaschistisch« versehen hatte, ausdrücklich ausgeschlossen bleiben sollten. Von dieser gefährlichen sektiererischen Haltung distanzierte man sich nun, zumal es in Frankreich und Spanien vielversprechende Erfahrungen mit Einheits- und Volksfrontprojekten gab. In der Resolution des 7. Weltkongresses zum Referat von Dimitrow hieß es deshalb: »Angesichts der ungeheuren Gefahr des Faschismus für die Arbeiterklasse und alle ihre Errungenschaften, für alle Werktätigen und ihre elementarsten Rechte, für den Frieden und die Freiheit der Völker erklärt der 7. Kongress der Kommunistischen Internationale, dass die Herstellung der Einheitskampffront der Arbeiterklasse in der gegenwärtigen historischen Etappe die wichtigste, nächstliegende Aufgabe der internationalen Arbeiterbewegung ist. Der erfolgreiche Kampf gegen die Offensive des Kapitals, gegen die reaktionären Maßnahmen der Bourgeoisie, gegen den Faschismus, diesen schlimmsten Feind aller Werktätigen, der sie ohne Unterschied ihrer politischen Gesinnung aller Rechte und Freiheiten beraubt, erheischt gebieterisch die Herstellung der Aktionseinheit aller Teile der Arbeiterklasse, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener Organisation, noch bevor die Mehrheit der Arbeiterklasse sich auf einer gemeinsamen Plattform des Kampfes für den Sturz des Kapitalismus und für den Sieg der proletarischen Revolution vereinigt.«