Disput

Von Sylt zur Zugspitze

Zu Fuß und per Rad – für Hiroshima und eine Welt ohne Atomwaffen

Von Manfred Sohn

Zugegeben: Mulmig war der kleinen deutschen Delegation bei der großen internationalen Friedensberatung in Hiroshima im August 2008 schon zumute, als sie unter dem Eindruck ähnlicher Initiativen aus Japan, den USA, England, Indien und anderen Ländern sagte, sie wolle ernsthaft prüfen, ob es nicht auch in Deutschland einen durch das ganze Land führenden Friedensmarsch für eine Welt ohne Atomwaffen geben könne.

Diese Beratung damals war geprägt von einer Furcht, die seitdem nicht kleiner, sondern größer geworden ist: Wenn es nicht gelingt, so der Tenor, die Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag im Mai 2010 unter so großen öffentlichen Druck zu setzen, dass endlich ein klarer Terminplan für die Abschaffung aller Atomwaffen beschlossen wird, dann wird die Weiterverbreitung von Atom- und Wasserstoffbomben, die von immer mehr Ländern in ihr Waffenarsenal aufgenommen werden, kaum noch zu stoppen sein.

Eine weltweite Unterschriftensammlung mit einem »Appell für eine Welt ohne Atomwaffen« sollte helfen, diesen öffentlichen Druck zu schaffen. Friedensmärsche im Vorfeld der Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag und des 65. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf Hiroshima sollten die Aktion unterstützen.

Politisch war das Ziel somit klar, eine große Fahne, auf der in Japanisch und Deutsch zu lesen ist »Friedensmarsch zum Gedenken an Hiroshima 1945-2010 – für eine Welt ohne Atomwaffen« war schnell produziert, und die Telefonate quer durch die Republik ergaben: Der Marsch beginnt am 6. August 2009 um 8:15 Uhr am nördlichsten Gebäude der Republik, dem Leuchtturm auf dem Ellenbogen auf Sylt. Zu Fuß oder per Rad wird sie dann bis Ende Juni 2010 nach Süden getragen – bis zum höchsten Punkt der Republik, dem Gipfelkreuz auf der Zugspitze. Anschließend übergeben wir sie zum 65. Jahrestag des Angriffs auf Hiroshima an die japanische Friedensbewegung.

Wir haben das geschafft. »Wir« – das waren über 250 Aktive von der Sylter Friedensinitiative um Helke, Vera und Margot (vielleicht nicht zufällig alles Frauen?) bis zum »Verein zur Förderung von Friedensarbeit im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen«. In Form einer Stafette haben sie die Fahne einmal durch die Republik getragen. Den Löwenanteil vor allem an der Organisation von insgesamt über dreißig Infoständen, Kundgebungen und Abendveranstaltungen hatten örtliche Friedensinitiativen und die Gruppen der DFG/VK (Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) geleistet. Abschnitte übernommen haben auch zum Beispiel die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und die Gruppe ContrAtom aus dem Wendland und die VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten), die in Erinnerung an die »Todesmärsche« am KZ Bergen-Belsen vorbei den Abschnitt zwischen Uelzen und Celle organisiert hat. Mitgeradelt sind streckenweise mit ihrer Parteifahne Mitglieder der Grünen, SPDler haben auf Kundgebungen geredet und uns – in Langenhagen bei Wind und Schneeregen – mit Glühwein begrüßt. Vor allem in Niedersachsen und Bayern – hier vor allem dank des Engagements von Wolfgang Ziller – haben die örtlichen Organisationen der LINKEN zuverlässig das Gerüst der Aktionen gebildet, wenn es keine örtliche Friedensinitiative gab. Zusätzlich zur Hauptstrecke blieb auch noch Luft, die Fahne vor Ostern nach Nordrhein-Westfalen zu bringen, wo sie – Dank vor allem an Bernd Funke von der Ostermarschinitiative Ruhr – zehn Tage auf dem Rad im Rhein-Ruhr-Gebiet flatterte.

Die Aktion hat Wirkung entfaltet. Zugegeben: Alle großen Medien haben sie trotz regelmäßiger Information komplett ignoriert. Aber Lokalmedien (häufig auf Seite 1), lokale Rundfunk- und Fernsehsender haben ausführlich berichtet, wenn der Marsch bei ihnen durchzog – und fast durchweg positiv. Allein die Presseausschnitte füllen über zehn A-3-Seiten. Um bei Zahlen zu bleiben: Auf der Straße, wo wir mit der Fahne vorbeizogen, haben dreitausend Menschen unsere Flugblätter zur Aktion genommen, und nahezu alle fanden unsere Initiative »großartig«. Viertausend haben auf den Veranstaltungen, vor allem aber entlang der Strecke den Appell für eine Welt ohne Atomwaffen unterschrieben. Der Leitz-Ordner mit diesen Listen wurde von Reiner Braun am 3. Mai in New York an den stellvertretenden UNO-Generalsekretär übergeben. Viele dieser Unterschriften sind von Menschen, die vorher jahrelang keinen Kontakt zur Friedensbewegung mehr hatten.

Wir alle haben geholfen, dass Hiroshima nicht in Vergessenheit gerät. Das wird beachtet werden, wenn Ulrike Eifler, eine Gewerkschaftsjugendsekretärin aus Hessen, am 6. August die Fahne und eine große Landkarte mit unserer Route, Bildern und Presseausschnitten in Hiroshima an Vertreter der Hibakushas – der Überlebenden der Atombombeninfernos von Hiroshima und Nagasaki – überreicht.

Um ihretwillen, vor allem aber um unseretwillen und um unserer Kinder und Enkel willen dürfen wir nicht aufgeben, für eine Welt ohne Atomwaffen zu kämpfen. Dieser Gedanke hat diejenigen erfüllt, die diese Fahne durch den heißen Sand von Sylt, durch Regen im Wendland und vor Bergen-Belsen, durch Schneeflocken im Weserbergland und die Schneefelder an der Zugspitze getragen haben: No more Hibakushas!