Disput

Auf dem Radweg nach Wien

Mal nur eine Radbreite, mal drei Dörfer von der Donau entfernt

Von Stefan Richter

Plötzlich zeigen gleich zwei Schilder Richtung Ziel. Auf dem nach rechts steht »Für schnelle Fahrer«, auf dem nach links »Für Familien«. In Klosterneuburg, eine gute Walzerlänge vor Wien, aber reichlich 900 Kilometer nach unserem Radtourbeginn, entscheide ich wesentlich flinker, als ich noch zu strampeln in der Lage bin: He, Peter, nach links, nach links!

Achteinhalb Tage vorher hatten wir auf zwei andere Schilder geschaut, das erste verkündet: »Bis zum (Schwarzen) Meere 2.840 Kilometer«, das zweite: »Donauquelle«.

In oder bei Donaueschingen – wo genau, da streiten sich die Lokalgeister – nimmt Europas zweitlängster Fluss seinen Anfang und mit ihm und an seiner Seite der Donauradweg als treuer Begleiter. Am schmalen jungen Fluss (Marke: breiter Bach) ebenso wie am stattlichen erwachsenen Strom. Mal lediglich eine Radbreite neben der Namensgeberin, mal drei Dörfer von ihr entfernt. Meist abseits belebter Straßen, doch fast immer mit eindeutigen Rad-Ratschlägen. Auf Wegweisern heißt es Donau-Radwanderweg. Oder Donauradweg. Wie auch immer, er wird unsere Velo-Hauptstraße. Für 90 bis 120 Kilometer täglich.

Mit dem Finger auf der Landkarte hatten wir einzelne Etappen ins Auge gefasst, mit dem Internet bezahlbare Gasthöfe ermittelt, und mit der Kraft der zwei Beine ist der Rest Improvisation. Auf diesem Wege werden Sigmaringen, Neu-Ulm, Donauwörth, Kelheimwinzer, Bogen, Passau, Abwinden und Spitz unsere Tagesziele.

Verwirrend scheint die Auswahl an derartigen Rad-Fernrouten. Sie tragen verheißungsvolle Namen, (meistens) einheitliche Zeichen und manchmal sogar Sterne, nämlich dann, wenn sie vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) gute Noten erhielten. An die Spitze sprinteten der Main-Radweg (Bayern/Hessen) und »Liebliches Taubertal«. Die Sterne gibt's für Verkehrssicherheit, sinnvolle Strecken, geringe Belastung durch Autoverkehr, gute Angebote an Kost und Logis. Vier-Sterner sind unter anderem »Vom Main zur Rhön« (Bayern), der EmsRadweg (NRW/Niedersachsen) und der - Achtung, Zungenbrecher! - Oderbruchbahnradweg (Brandenburg).

Namentlich begegnet einem die Welt im Kleinen. Der Froschradweg wie der Ochsenweg, der Mönchsweg und der, nun ja, Eider-Treene-Sorge-Radweg, dessen Namen man sich vielleicht bis zum Ende seiner 230 Kilometer einprägen konnte. Beim Donauradweg fällt dem ADFC auf: »... eine der am besten ausgebauten Radstrecken Deutschlands. ... verläuft größtenteils auf separaten, asphaltierten, manchmal auch unbefestigten Radwegen und verkehrsarmen Nebenstraßen.« Na also.

Etliche Radwanderkarten zeichnen detailliert die Streckenführung und beschreiben Sehenswürdigkeiten am Wege. Einige vermerken zudem ziemlich akribisch, welche Kilometerchen über schwach, welche über mäßig befahrene Straßen oder welche über extra Radwege führen und ob es sich um Asphalt, wassergebundene Decke, Schotter oder sonst was handelt. Und dazu diese Pfeile! Dick oder dünn, doppelt oder einfach, künden sie von Steigungen: stark oder schwächer, lang oder kürzer. Solche Pfeile können auf Freizeitradler wie mich bedrohlich wirken. Zu oft zu recht. Doch wie im richtigen Leben sagen die einen so und die anderen so, stöhnt der eine »Schon wieder schieben!«, beschwichtigt der andere: »Wo's hoch geht, geht's auch wieder runter!«

Ich gestehe im Freilauf, dass wir manche sicherlich wundervolle Kleinstadt und manche sicherlich eindrückliche Burg links (oder rechts) liegen lassen und ohne schlechtes Kulturgewissen geradewegs weiterradeln. Mal ist's uns zu sonnenheiß, mal zu landregennass, mal sind wir zu fix unterwegs, mal bin ich zu lahm ... Gleichwohl: Der Blick auf Ulm, das Donau-Panorama von der Walhalla und vom Bogenberg aus, die Stippvisiten in Ingolstadt und Regensburg, die Fahrten durch Lauingen, Dillingen, Neuburg und Dürnstein in der Wachau erweitern den Horizont und bescheren Eindrücke, die erst Tage und wahrscheinlich Wochen nach Tourende gebührend zu verarbeiten sind.

Solisten sind selten. Gruppen machen hier das Rennen. Auf der Strecke nickt man einander kurz zu, muntert sich auf. Hallo, Servus, Grüß Gott! Wohin, woher, wielange? Bekanntschaften schließt man ohne große Worte. Bei der Rast, beim Kartenstudium, beim Warten an der Fähre, beim Halt an einem Infopunkt. Eine Gesellschaft älterer Radler hat auf gelben Regenjacken ihre Gesellschaftstouren Jahr für Jahr protokolliert. 2000: Donau. Irgendwann: Müritz. Danach: Gardasee. 2010: Donau. Für 2011 lesen wir: Oder-Neiße.

Ein Quartett erzählt uns, dass es jedes Jahr drei, vier kleinere Abschnitte entlang der Donau fährt, und ein Liege(!)radfahrer schildert seine Tour aus Frankreich nach Österreich. Als Rätsel bleibt, wie er seine Liege über die »Pfeile« kutschiert hat.

Martin ist ein Engländer, der in Italien arbeitet, jeden Sonnabend eine Ausfahrt unternimmt und nun ab Passau auf der Piste ist. Mit einer Hightech-Maschine, der nur noch ein Fernseher für die Fußball-WM zu fehlen scheint. Martin ist toll in Form, auf der ebenen Strecke tritt er aus unerfindlichen Gründen einen sehr kleinen Gang, als gelte es, den Großglockner zu erklimmen, und er tritt so flott, dass er wohl locker noch viel flotter als mit Tempo 24 flitzen könnte. Bis Linz bilden wir eine Dreiermannschaft.

Zu unseren neuen Bekannten gehört der »Radl-Wirt« in Abwinden, gut einen Kilometer entfernt vom Fluss. Damit beim Abstecher nach Abwinden auch ja niemand auf Abwege gerät, hat Michael Colli jede Menge Hinweise anbringen lassen. Bei ihm gibt’s Garten, Kinderspielplatz, großen Flachbildschirm, Trockenraum und Fahrradgarage sowieso. Das Wetter ist mies, folglich hellt sich Radl-Wirts Mine auf: Wenigstens wir zwei heuern heut bei ihm an. Der Mann ist - völlig ohne Zweirad - rumgekommen in der Welt, war Ordonnanz bei österreichischen UNO-Soldaten, bediente lange auf einem Kreuzfahrtschiff, worauf er dem Alkohol für immer Lebwohl sagte, und wirbelte eine Zeit als Gastronom in Hessen. Inzwischen hat er sich in seiner Heimat niedergelassen: »Auf dem Land ist nun mal was anderes.« Michael bietet Produkte vom Bauern nebenan, garniert mit Geschichten, und spendiert einen wundervollen Schnaps aus den Wallnüssen in seinem Garten. Fürs Grün ist ein älterer Herr mit Weißhaarzopf zuständig: Radl-Wirts englischer Gärtner, als der uns vorgestellt wird. Anfangs vermuten wir einen Ulk, später klingt's doch nicht so unglaublich. Freilich: Am überzeugendsten wirkt er mit seinem überraschenden Torjubel, als Nordkorea gegen Brasilien ins WM-Tor trifft. Da freut sich - aus welchem Grunde auch immer - der »englische Gärtner«, als hätte sich Wimbledon-Rasen nach Donau-Abwinden verirrt.

Der Fahrradtourismus verfasst nicht allein schöne Karten und Sprüche, er ist längst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Für 2006 errechnete eine Studie des Deutschen Tourismusverbandes 153 Millionen Tagestouren mit dem Rad, womit nicht der Weg zur Arbeit, sondern der zur Erholung gemeint ist. Im selben Jahr wurden 22 Millionen Übernachtungen von Radwanderern registriert. Dabei gaben solche wie wir jeden Tag - statistisch - 64,60 Euro aus. Das rechnet sich für viele. Für Rad- und Bekleidungshersteller, für Reiseanbieter und Werkstätten, für Imbisse und Herbergen. Entsprechend einfallsreich wird geworben. »Nudeln schmecken auch Radfahrern«, versichert ein Restaurantschild in Sigmaringen, während ein Gastwirt im Österreichischen am Streckenrand orakelt: »Wenn Sie nicht bei mir speisen, verhungern wir beide«.

»bett & bike« vereint 4.800 Hotels und Herbergen, in denen Biker besonders willkommen sind. Dort kann man das Rad sicher unterstellen, nasse Sachen trocknen, Werkzeug und Tipps erhalten. Zwischen Passau und Wien passieren wir direkt am Radweg kleine Selbsthilfeplätze sowie Info-Pavillons, die mit Karten, Kaffee und Kräfteriegel weiterhelfen.

Was soll bei so vielen Hilfe-Angeboten schief gehen auf geradem Weg nach Wien? Nichts. Wirklich nichts. Und wem dieser Erholungs- und Entdeckungsweg zu weit sein sollte: Insgesamt durchqueren mehr als 200 Radfernwege Deutschland. Von den übrigen ein andres Mal. Vielleicht.