Disput

... verständig die Ziele hinstellen

Aus der Rede zur Begründung des marxistischen Erfurter Programms 1891

Von Wilhelm Liebknecht

Und nun will ich auf die Hauptgrundsätze des Programms eingehen. (...) Der Gedanke, der uns leitete, der in allen dem Kongress unterbreiteten Programmentwürfen gleichmäßig zutage tritt, ist der, die Ursachen scharf zu bezeichnen, aus denen die heutigen gesellschaftlichen Missstände hervorgegangen sind – den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess darzustellen, welcher die kapitalistische Welt, die heutige Gesellschaft, in zwei feindliche Lager teilt, die Notwendigkeit des Klassenkampfes in der kapitalistischen Gesellschaft klarzulegen – klarzulegen, wie mit Naturnotwendigkeit, solange die bürgerliche Gesellschaft besteht, auch das System der Ausbeutung und Unterdrückung bestehen muss. Als die Ursache der Trennung der Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager musste hingestellt werden: dass die Produktionsmittel, das heißt der Grund und Boden, die Rohstoffe, die Werkzeuge, die Maschinen, die Bergwerke, die Verkehrsmittel aus dem Besitz der Allgemeinheit, der gesamten Gesellschaft, übergegangen sind in den Privatbesitz einzelner. (...) Von dem Moment an, wo das Privateigentum an den Produktionsmitteln entsteht, beginnt auch die Ausbeutung und die Spaltung der Gesellschaft in zwei durch Interessen einander feindlich entgegenstehende Klassen. Dieser Prozess vollzieht sich nicht plötzlich, er geht aber unaufhörlich vor sich, er ist zurück durch das Mittelalter bis ins graueste Altertum zu verfolgen. In der bürgerlichen Gesellschaft, mit der wir uns zu beschäftigen haben und mit der das Programm sich beschäftigt, vollzieht er sich nun mit zunehmender Schnelligkeit und Wucht: je nach dem Maß, in welchem die Arbeitsmittel konzentriert und Monopol oder Eigentum einer kleinen Minorität werden, und je nach der größeren Produktivität der Produktionsmittel, die stets vollendeter werden. Die einfachen Werkzeuge werden zu Maschinen, die Maschinen selbst vervollkommnen sich immer mehr, die Kapitalien und mit ihnen die Intensität der Produktion wachsen fortwährend, aus dem Kleinbetrieb entwickelt sich der Großbetrieb, aus diesem, wie wir ihn im Anfang der großkapitalistischen Produktion hatten, der moderne Riesenbetrieb, und auch dieser selbst genügt nicht mehr – die Riesenbetriebe koalieren sich in Trusts, in Kartellen, in Verbänden usw. Und mit dieser Konzentration der Kapitalien, der Produktionsmittel nimmt auch in gleichem Maße zu einerseits die größere Intensität der Produktion, die ins Unendliche gesteigert wird, und andererseits die Intensität der Ausbeutung, die Aufsaugung der Mittelschichten, die Unsicherheit der Existenz des Proletariats, der Grad des Elends, des Druckes, der Knechtung.

Dieser historische Entwicklungsprozess der Gesellschaft und die Gesetze, nach denen er sich vollzieht, mussten in dem Programm dargelegt werden, es musste gezeigt werden, wie in dieser Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln die heutigen Zustände ihren Ursprung haben, wie mit der größeren Konzentrierung der Produktionsmittel die Ausbeutung gewachsen ist und wachsen muss, wie gerade in der Tatsache, dass die Produktionsmittel Privateigentum werden, die Wurzel des Übels liegt, wie aus dieser Tatsache mit Naturnotwendigkeit sich die Ausbeutung ergibt. Denn derjenige, der die Arbeitskraft hat, aber nicht die Mittel, vermöge deren er sie betätigen, verwerten, in »das wirtschaftliche Spiel der Kräfte« hineinbringen kann, der kann nicht leben; er ist untrennbar von seiner Arbeitskraft, und will er nicht verhungern, so muss er sich in den Dienst eines anderen begeben, der ein Privateigentum an Produktionsmitteln hat. Und hieraus entsteht und entwickelt sich die ökonomische Abhängigkeit, die ökonomische Ausbeutung und aus dieser die politische Abhängigkeit und Knechtung in jeder Form – ein Prozess, der, wie gesagt, mit steigender Rapidität vor sich geht. Die Spaltung der Gesellschaft wird immer tiefer und vollständiger (...)

Ich führte vorhin aus, dass die bürgerliche Gesellschaft eine Gesellschaft der Expropriation, dass der Kapitalismus die Expropriation in Permanenz ist.

Die Besitzer der Arbeits- und Produktionsinstrumente expropriieren diejenigen, welche keine besitzen, und dieser Prozess der Expropriierung, das heißt der Eigentumsberaubung, dauert fort, solange diese gesellschaftliche Ordnung besteht. Sie nennt sich allerdings die Gesellschaft des Eigentums, des persönlichen Eigentums, aber in Wirklichkeit ist sie gerade die Gesellschaftsform, welche das persönliche Eigentum zerstört. Und das Ende dieses Expropriationsprozesses kann nur sein, was Marx ausgesprochen hat in seinem granitenen Wort: die Expropriation der Expropriateure! Das Eigentum, soweit es berechtigt und möglich ist, das heißt das gleiche Anrecht eines jeden auf den Genuss der Güter, welche durch die gemeinschaftliche, organisierte Arbeit aller erzeugt werden, kann sich erst dann verwirklichen, wenn diese Gesellschaft in Trümmer zerfallen ist.

Wir sind jetzt im Begriff, uns ein neues Programm zu geben. Das alte (das Gothaer Programm – d. Red.) hat uns treffliche Dienste getan. Ehrfurchtsvoll werden wir, werden unsere Nachkommen es zu allen Zeiten betrachten – was mangelhaft daran war, ist ergänzt und verbessert worden durch die steigende Bildung und Intelligenz der Genossen. In die mangelhafte Form haben sie den richtigen Inhalt hineingegossen. Das schönste Programm nützt uns nichts, wenn nicht der echte, lebendige Geist hineingelegt wird. Und darum bitte ich Sie, kleben Sie nicht an dem Wort! Bedenken Sie, ein vollkommenes Programm gibt es nicht. Das Programm, welches nach der einstimmigen Meinung von uns allen im Augenblicke das beste ist, wird schon in der nächsten Stunde einen Kritiker gefunden haben, der in der einen oder anderen Formel, in dem einen oder anderen Satz eine Verbesserung anbringen wird. Wir wollen – wie schon 1875 gesagt ward –, wir wollen uns im Programm keinen Papst schaffen. Das Programm hat nur das eine zu erfüllen: klar und verständig die Ziele unserer Partei hinzustellen, den Entwicklungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen und die Naturnotwendigkeit, mit welcher sie sich selbst tötet und in welchem sie selber den Moment herbeiführt, wo die kapitalistische Produktion im Interesse der menschlichen Gemeinschaft ersetzt werden muss durch die sozialistische Produktionsweise. Diesen Entwicklungsprozess mit aller Macht zu beschleunigen und alle Kraft daranzusetzen, dass dieser Moment möglichst bald eintrete, das ist unsere heilige Pflicht. (...)

Wilhelm Liebknecht, der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, wurde 1826 in Gießen geboren und verstarb vor 110 Jahren, am 7. August 1900, in Berlin. Rund 150.000 Menschen säumten seinen letzten Weg zur heutigen Gedenkstätte der Sozialisten.

DISPUT dokumentiert in Auszügen Wilhelm Liebknechts Parteitagsrede zur Begründung des berühmten Erfurter Programms 1891. (zitiert nach: Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften. Reclam Leipzig, 1976)