Disput

Enthaltung

Feuilleton

Von Jens Jansen

Meine Frau Elfriede war außer sich am Abend der Bu-Prä-Wahl: »Wat is denn nu mit die Linken? Den Wulf woll’n se nich, den Gauck schon jar nich und ihre Lukrezia is ausjestiegen. Woll’n se nu Schweinsteiger aus Kapstadt einfliegen? Denn wär det Ding jeloofen!«

Ich sagte mit dem gebotenen Ernst: »Was du ein ›Ding‹ nennst, ist die feierliche Wahl der ehrwürdigen Nummer Eins für Deutschland. Das ist – wie der Parlamentspräsident sagte – eine Sternstunde der Demokratie.«

»Na ick weeß nich«, nörgelte Elfriede, »det sah mir doch mehr nach Zirkus aus. Früher hatten se da immer eenen netten weißhaarigen Onkel jefunden, dem sein Kopp jut uff die Briefmarke passte. Nu schickt die Merkel so´n Jungschen mit 51 vor, der uffem Arbeitsmarkt ooch noch ’ne andere Stelle jefunden hätte. Denn reden se dem ein, dass er schon jewählt is, ehe die Wahl losjeht, weil die Schwarz-Jelben 21 Stimmen mehr haben, als se bräuchten. Aber denn fallen se zweemal uff de Neese, weil Rot-Jrün eenen Joker aussem Ärmel zieht.«

Ich sagte: »Der Gauck war ja nicht als Gegenkandidat von Wulf ins Rennen geschickt, sondern als Gabriels Reißzwecke auf dem Stuhl der Merkel. Die Kanzlerin sollte nach der verpatzten Hochzeit mit Westerwelle und der verpatzten Wahl in Nordrhein-Westfalen nun eine dritte Raketenstufe für den Flug zum Mond unterm Hintern spüren. Das war die Strategie.«

»Is doch schlau!«, pikte Elfriede. »Bloß denn habt ihr det Konzept versaut mit eure Enthaltung! Ick hör den Gabriel noch wettern, dass die Linken eene tolle Chance vertan haben, sich vonne DDR und vonne Stasi loszusagen und mit ’n rot-rot-jrünet Bündnis für die nächste Regierung zu trainieren.«

»Das ist doch Quatsch!«, sagte ich mürrisch. »Wenn die SPD mit den Linken eine Strategie verfolgen will, dann muss sie zumindest mal mit uns darüber reden. Wir hätten bestimmt einen aussichtsreichen gemeinsamen Kandidaten gefunden. Und wenn sich die SPD den Gauck ausguckt, dann muss sie doch wissen, dass der Mann kein Sozi, sondern ein Christdemokrat ist. Dass er kein Friedensengel, sondern ein Befürworter der Auslandseinsätze der Bundeswehr ist. Dass er die Bankenkrise nicht von den Bankern, sondern vom Volk bezahlen lassen will. Dass er mehr von alten Akten als von neuen Gesetzesvorlagen versteht. Dass er unser Land nicht vereint und versöhnt.«

Nun war Elfriede nicht mehr zu bremsen: »Unjeeignet? Die Zeitung schreibt: Det is der ›Präsident der Herzen‹.«

»Kann ja sein«, gab ich zu. »Ich habe ja nur gesagt, was in seinem Kopf los ist.«

»Ick kann dir sagen, wat in eure Köppe los ist: Ihr seid sauer, weil der euch die Stasi-Akten um die Ohren haut!«

»Das täuscht, Elfriede. Die Stasi hatte zuletzt mehr Linke als Rechte im Visier. Und was im Osten alles schief lief, wusste die Stasi besser als das Politbüro. Und dass der Gauck die Akten sortiert hat, das macht ihm keiner zum Vorwurf. Nur, dass er sie öfter auch instrumentalisiert hat, um zur richtigen Zeit den richtigen Mann anzuschießen, das gereicht ihm wirklich nicht zur Ehre.«

Elfriede gab nicht nach: »Und warum finden ihn alle prima?«

Ich sagte: »Weil er gut reden kann, weil er Pastor ist und weil keiner in unserem Land ohne den Heißluftballon der Rhetorik nach oben kommt. Das gehört zur Medien- und Spaßgesellschaft.«

»Du nun wieder!«, knurrte Elfriede. Doch dann raffte sie sich auf und fragte: »Wie jeht det nu weiter? Wollt ihr mitjestalten oder Kontra jeben oder uff Enthaltsamkeit machen?«

Ich sagte: »Alles drei – je nach Lage. Wenn zwei Kandidaten im Prinzip die Gleichen sind, ist das keine Wahl. Und wenn alle am Volk vorbei regieren, muss eine Alternative her. Wir haben ein Fünf-Parteien-System. Und je eher alle lernen, auf Augenhöhe miteinander den Volksinteressen zu dienen, umso eher kommen wir voran.«

Elfriede nickte: »Is doch mein Reden. Und weil det allet mit Hotte Köhler seine Flucht anfing, tät ick mir nich wundern, wenn ihr ooch dem seinen Abtritt verschuldet habt.«

»Klar doch. Der Abtritt von Köhler war die Folge von seinem Fehltritt, weil er öffentlich gesagt hat, dass die Bundeswehr in Afghanistan den deutschen Handel zu sichern hat. Das sagen die Linken doch seit ewig!«

»Na siehste! Nu isser een Opfer von eure These jeworden.«

»Quatsch! Das steht doch genau so in den Richtlinien der Bundeswehr: ›Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt ...‹ Deutlicher geht ’s nicht. Der Endsieg von Wulf ging auch nicht deutlicher – egal ob die Linke dafür oder dagegen gestimmt hätte. Wir haben uns nicht krumm gemacht, aber unübersehbar. Enthaltung ist eben auch eine Haltung!«