Disput

Balanceakt mit Absturzgefahr

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beginnt am Arbeitsplatz

Von Klaus Ernst

Auch 99 Jahre nach dem ersten Weltfrauentag klaffen die Einkommen von Frauen und Männern deutlich auseinander. Immer noch beträgt der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern 23 Prozent, in Ostdeutschland etwa 13 Prozent. Daran hat sich in Westdeutschland in den letzten 50 Jahren wenig geändert. Der Aufholprozess ist in den vergangenen Jahren sogar ins Stocken geraten. In Ostdeutschland geht die Einkommensschere wieder auseinander. Die Ursachen sind vielfältig: Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt gravierend benachteiligt. Sie haben weitaus öfter als Männer eine unsichere und nicht existenzsichernde Arbeit, arbeiten häufiger in befristeten Jobs, Teilzeit oder in Mini-Jobs. Sie sind stärker von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen und profitieren nicht im gleichen Maße wie Männer von arbeitsmarktpolitischen Instrumenten. Die Hartz-IV-Reformen haben insbesondere die Arbeitsbedingungen von Frauen massiv unter Druck gesetzt und verschlechtert: Nur 3,18 Euro Stundenlohn für eine Friseurin in Thüringen, 6,50 Euro für die Verkäuferin bei Schlecker, 4,58 Euro für eine Floristin in Brandenburg – das sind die harten Zahlen. Vor allem Frauen in Dienstleistungsjobs werden schlecht bezahlt – und es gibt immer mehr davon.

Gleichzeitig fehlt es insbesondere in Westdeutschland an ausreichenden Kinderbetreuungsplätzen und Ganztagsschulen. Und: Es fehlt vor allem an der Bereitschaft von Politik und Wirtschaft, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Ursache für die Diskriminierung von Frauen bei der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist aus meiner Sicht neben der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt auch die traditionelle geschlechtstypische Rollenaufteilung: Oft wird immer noch der Mann als Hauptverdiener und Ernährer der Familie und die Frau als Mutter und Zuverdienerin gesehen. Das steigende Qualifikationsniveau von Frauen und ihre höhere Erwerbsbeteiligung ändern leider nichts daran, dass dieses Leitbild ihnen bei einer Entscheidung für Kinder immer auch eine Entscheidung über den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit abfordert. Gegen dieses Rollenbild gilt es genauso vorzugehen wie gegen den Mangel an Kinderbetreuungsplätzen und gegen Arbeitsverhältnisse, die mit der Familie unvereinbar sind.

Für Familien mit Kindern, besonders für Alleinerziehende, ist der Alltag ein Balanceakt mit zunehmender Absturzgefahr. Aufgrund der Kindererziehung sind Alleinerziehende räumlich und zeitlich weniger flexibel. So ist jede sechste Alleinerziehende arbeitslos. Beinahe jede zweite Alleinerziehende ist mit ihren Kindern auf Hartz IV angewiesen. Das sind 660.000 Alleinerziehende und fast eine Million Kinder; Köln und Frankfurt am Main zusammen haben nicht so viele Einwohnerinnen und Einwohner. Die fehlende Kinderbetreuung ist der Hauptgrund dafür, keiner Erwerbsarbeit nachgehen zu können. Der Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen zwingt Alleinerziehende also, entweder Teilzeit oder gar nicht zu arbeiten. Rund ein Fünftel der arbeitslos gemeldeten Alleinerziehenden ist ausschließlich wegen fehlender Kinderbetreuung erwerbslos. Und das Angebot an Teilzeitstellen ist sehr niedrig, und häufig sind sie schlecht bezahlt – einer der zentralen Ursachen für das hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden. Sie akzeptieren deshalb eher schlecht bezahlte Arbeit. Einen Rechtsanspruch auf gebührenfreie Ganztagskinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr, wie DIE LINKE ihn fordert, sowie die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes von zehn Euro sind unverzichtbar.

Kindererziehung und Beruf zu vereinbaren, ist aber nicht allein ein Problem von Alleinerziehenden. Generell gilt: In der Verantwortung stehen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. Denn im Alltag sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Kindern mit vielen Problemen konfrontiert. Die Zunahme von Nacht- und Schichtarbeit, die Anforderung nach Arbeit auf Abruf, Arbeit am Wochenende und auch oft noch am Sonntag stellen viele Eltern vor die Frage, ob sie die Erziehung und Betreuung ihrer Kinder und Berufstätigkeit vereinbaren können.

Flexible Arbeitszeiten verstehen viele Unternehmen eben nicht als Möglichkeit von Eltern, ihre Arbeitszeit an die Anforderung als Eltern anpassen zu können. Flexible Arbeitszeiten, das bedeutet in der betrieblichen Realität die Anpassung des Menschen an Auftragsschwankungen, wobei Arbeitnehmerinteressen unberücksichtigt bleiben. Oft ist es Eltern nicht möglich, zumindest bis zu einem bestimmten Lebensalter ihrer Kinder, ohne Nachteile aus einem Dreischicht-Betrieb in Normalschicht zu wechseln, ohne Nachteile Überstunden abzulehnen, geschweige denn einen Teilzeitjob anzunehmen, aus dem sie wieder in Vollzeit wechseln können.

Nur eine Minderheit der Betriebe hat familienfreundliche Arbeitsbedingungen bisher zum Thema gemacht oder verlässliche Rahmenbedingungen in einer Betriebsvereinbarung festgehalten. Anders als der Wirtschaft geht es uns als LINKE aber nicht darum, die Familien für die Anforderungen eines globalen, flexiblen Arbeitsmarktes »fit zu machen« – also 24 Stunden mobil zu sein, ohne Rücksicht auf Familie. Freiwillige Vereinbarungen zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft, wie sie etwa die damalige rot-grüne Bundesregierung mit der Wirtschaft 2001 geschlossen hatte, laufen ins Leere. Ohne gesetzliche Regelungen von Rechten für Eltern, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, wird sich an der momentanen Situation nichts ändern. Egal, wer derzeit wegen der Kinder zu Hause bleibt, es ist immer ein Karriereknick.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedarf gesamtgesellschaftlicher Antworten. DIE LINKE stellt sich dieser Herausforderung. Sie will Arbeitgeber stärker als bisher in die Pflicht nehmen, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Eltern müssen das Recht bekommen, ohne Nachteile Überstunden und Schichtarbeit abzulehnen. Väter und Mütter mit Kindern bis zu sieben Jahren müssen das Recht erhalten, ohne Nachteile von Nacht- oder Wechselschicht in Normalschicht wechseln zu können. Eltern in Schichtarbeit müssen einen Anspruch auf Kinderbetreuung auf Kosten des Unternehmens erhalten.

Eltern mit Kindern unter sieben Jahren sollen einen besonderen Kündigungsschutz erhalten, der jetzt bereits während der Elternzeit für maximal drei Jahre gilt. Vor allem junge Frauen müssen mit dem Risiko leben, dass ihnen nach einer Elternzeit der Wiedereinstieg in den Beruf erschwert oder verwehrt wird. Wer also nach einer Elternzeit wieder in den Beruf einsteigt, muss Anspruch auf den gleichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz haben. Um den Anschluss an den Betrieb nicht zu verlieren, sollen Arbeitgeber Kontaktprogramme, betriebliche Weiterbildung und die Möglichkeit der Übernahme kurzfristiger Vertretungen anbieten. Und wer Teilzeit arbeitet, muss außerdem den Anspruch erhalten, auf Vollzeit oder eine höhere Wochenarbeitszeit zurückzukehren.

Die Mitbestimmungsrechte von Betriebs- und Personalräten sind bei allen Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der LINKEN eine Selbstverständlichkeit. Deswegen braucht es neben starken Gewerkschaften auch starke Betriebs- und Personalräte, die diese Fragen in Betriebsvereinbarungen und Tarifverträgen regeln können. Eben jetzt – von März bis Mai – werden Millionen Beschäftigte ihre neuen Betriebs- und Personalräte wählen. Sie brauchen unsere parlamentarische und außerparlamentarische Unterstützung, damit Familie und Beruf besser miteinander vereinbart werden und die Krise nicht auf dem Rücken der Beschäftigten abgeladen wird.

Klaus Ernst ist stellvertretender Parteivorsitzender. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion und als Leiter des Arbeitskreises »Arbeit und soziale Sicherung« unter anderem für Familienpolitik zuständig.