Disput

Durstig nach Frieden und Freiheit

Christine Buchholz war in Afghanistan und sprach dort mit den Opfern des Luftangriffs von Kundus, Soldaten und oppositionellen Afghaninnen und Afghanen

Spätestens beim Abflug aus Masar-i-Scharif ist klar: Wir sind im Kriegsgebiet. Im steilen Zick-Zack steigt die Transall auf, um Raketen kein leichtes Ziel zu bieten. Genau so steil geht es in Kundus beim Landeanflug runter. Dort am Flughafen: schwerbewaffnete Bundeswehrsoldaten, die unseren Konvoi ins PRT-Lager begleiten.

PRT steht für Provincial Reconstruction Team. Das soll nach Wiederaufbau klingen, ist aber ein Militärlager mit stark befestigter hoher Mauer. Hier ist ein Teil des Bundeswehr-Kontingents in Afghanistan stationiert. Der gepanzerte Konvoi fährt mit hoher Geschwindigkeit. Auf dem Weg sehe ich kurz ein Schild: Dyncorp, ein US-amerikanisches Sicherheitsunternehmen, das hier Polizisten ausbildet.

Mein Kollege Jan van Aken und ich sind nach Afghanistan gekommen, um uns selbst ein Bild zu machen. Ein Bild von der allgemeinen Situation im Land am Hindukusch. Aber vor allem ein Bild von den Folgen der blutigsten von Deutschen befohlenen Militäraktion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Am 4. September vergangenen Jahres wurden gegen zwei Uhr Ortszeit zwei von Taliban gestohlene Tanklastwagen bombardiert. Tatort: eine Sandbank etwa fünfzehn Kilometer südlich der Stadt Kundus im Norden Afghanistans. Erst hieß es, die Bundeswehr habe einen »erfolgreichen Einsatz« durchgeführt und zahlreiche Taliban getötet. Später wurden auch zivile Opfer eingestanden. Mittlerweile ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Opfer Zivilisten waren – eine Annahme, die sich auch mit unserer Recherche vor Ort deckt.

Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss zur Kundus-Bombardierung eingerichtet, dem Jan van Aken und ich als Abgeordnete der LINKEN angehören. Es geht dort um minutiöse Details, um die militärische Verantwortlichkeit und um politische Verantwortlichkeit. Wir wollten dazu eine Perspektive einholen, die in der Debatte sonst überhaupt nicht im Zentrum steht: die Perspektive der Opfer. Wir wollen ihnen ein Gesicht und eine Stimme geben.

Unsere Recherche führt uns zu zwei Frauen: Dr. Habibe Erfan und Korshid Zaka, beide Mitglied im örtlichen Provinzrat. Als ihnen bei der Trauerfeier für die Opfer der Bombardierung das Ausmaß der Katastrophe klar geworden war, begannen sie eine Untersuchung. Rund um die Sandbank, auf der die Tanklastzüge feststeckten, liegen sechs Dörfer. Die Frauen zogen von Haus zu Haus, um herauszufinden, wer Angehörige verloren hat und wer verletzt wurde. Ihr Ergebnis: 143 Menschen sind bei dem Angriff umgekommen, davon 26 Kinder im Alter von zehn bis 16 Jahren. 91 Witwen hat der Angriff hinterlassen. Die Untersuchung ist seriös – die Bundeswehr hat die Opferliste von Erfan und Zaka als Grundlage für ihre Soforthilfe genommen.

Hinter jedem Toten steht ein Schicksal. Laila zum Beispiel hat zwei Söhne bei dem Angriff verloren. Sie war schon vorher Witwe. Die beiden Söhne gingen noch zur Schule. Der eine kümmerte sich zudem um das Feld, der andere um die Kuh der Familie. Nun bleibt dies alles an Laila hängen – außerdem muss sie ihre kleinen Töchter versorgen. Hilfe hat sie nur von ihren Brüdern, die ihr manchmal Öl und Reis vorbeibringen.

Erschüttert haben mich auch die Gespräche mit Eltern, die ein oder mehrere Kinder bei dem Angriff verloren haben. Wir bekommen die Schulzeugnisse der gestorbenen Kinder gezeigt. Es schnürt einem die Kehle zu.

Was haben diese Leute nachts um zwei auf einer Sandbank zu suchen? So und ähnlich wurde nach dem Angriff Misstrauen geschürt. Wer außer Taliban-Kämpfern sollte sich bei den Tanklastzügen aufhalten?

Bei unseren Gesprächen erhalten wir plausible Antworten auf diese Fragen. Die Nacht des Angriffs war im Ramadan, die Dorfgemeinschaften kamen gerade aus der Moschee, die Frauen bereiteten das gemeinsame Mahl, das vor Tagesbeginn eingenommen werden sollte. Da machte das Gerücht die Runde, dass unten in der Furt ein Tanklaster festsitzt, dass es Benzin gibt! Die ersten machten sich mit Schalen und Kanistern auf den Weg, andere folgten, auch aus Neugier.

So versammelten sich schließlich rund 200 Personen auf der Sandbank. Sie fühlten sich sicher, seit Stunden schon kreiste ein Aufklärungsflugzeug über der Stelle und nichts war passiert. Niemand rechnete mit dem Angriff. Dann fielen die Bomben. Die Tanklastzüge explodierten, der Feuerball war noch Kilometer weiter zu sehen.

Die Schicksale der Opfer zeigen auch, wie sehr die Armut und systematische Unterentwicklung des Landes mit dem Krieg verschränkt sind. Drei von Bulbuls Enkelkindern starben am 4. September. Sie klagt: »Wär’ ich nicht arm, hätten wir kein Benzin gebraucht«.

Nicht einmal mehr das Verteidigungsministerium behauptet, alle Opfer seien Taliban gewesen. Zu Recht: Angehörige zeigen uns Dokumente, unter anderem Wahlausweise der Toten – die Taliban hatten zum Wahlboykott aufgerufen.

Überhaupt ist der Sammelbegriff »Taliban« wenig hilfreich. Viele Menschen leisten den westlichen Truppen Widerstand aus unterschiedlichsten Motiven, nicht immer aus religiösen. Wahrscheinlich sind durch das Massaker von Kundus viele weitere dazugekommen, das Ansehen der Bundeswehr hat jedenfalls schwer gelitten.

Natürlich sprechen wir während unser Zeit in Kundus auch mit vielen Bundeswehr-Angehörigen, mit Kommandeuren ebenso wie mit einfachen Soldaten. Es gibt durchaus einige unter ihnen, die den Anspruch haben, zu helfen und die Sympathien der Afghanen zu gewinnen. Doch die Realität ihres Einsatzes ist: Sie sind in eine Festung einbunkert, die sie nur in schwer gepanzerten Konvois verlassen. Und sie bekämpfen einen Widerstand, der Unterstützung von bedeutenden Teilen der Bevölkerung erhält. Ein aussichtsloses Unterfangen. Vielleicht ist das der Grund, warum einige mir sagten, sie wären froh, wenn ihre Einsatzzeit endlich vorbei ist.

Die Afghanen, mit denen ich reden kann, wollen den Wiederaufbau des Landes und sind dankbar für jede Hilfe. Doch momentan wird die Situation so sehr durch die militärische Konfrontation bestimmt, dass ein wirklicher Wiederaufbau unmöglich ist. Verteidigungsminister zu Guttenberg behauptet: Ohne Militär kein Aufbau, die Taliban machen gleich alles wieder kaputt. Vor Ort stellt sich das aber anders dar. Die Bundeswehr setzt auf die »zivil-militärische Zusammenarbeit«. Das heißt, dass Einheiten der Bundeswehr mit zivilen Helfern ausrücken – eine Maßnahme, die die Armee beliebter machen soll. Doch oftmals macht gerade die Verknüpfung des Aufbaus mit dem Militär die Einheimischen misstrauisch und unkooperativ. Woher sollen sie wissen, ob nicht die Erkenntnisse der »Helfer« militärisch verwendet werden? Ob auf Brunnenbohrer Bomber folgen?

Wir haben auch die Gelegenheit, mit einigen oppositionellen Afghaninnen und Afghanen zu sprechen.

Mit Ramazan Bashardost treffen wir uns in seinem kleinen Abgeordnetenbüro. Bashardost war der drittplatzierte Präsidentschaftskandidat. Er konnte elf Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Als Angehöriger der traditionell diskriminierten Volksgruppe der Hazara hat er quer durch die Bevölkerung eine starke Unterstützung. Sie liegt in allen Provinzen zwischen fünf und 20 Prozent. Bashardost ist das Gegenbild zu dem korrupten, elitären pro-westlichen Politikertypus, der in Afghanistan das Sagen hat. Er fährt mit seinem kleinen Auto durchs Land, wohnt im Zelt und lehnt es ab, Bodyguards zu haben. Gleich zu Beginn unseres Gespräches stellt er klar: Dass Rangin Spanta mit deutscher Unterstützung zum Außenminister gemacht wurde, hält er für eine große Schädigung. Spanta, der Mitglied der Grünen ist und lange Zeit in Aachen gewohnt hat, sei zunächst hundertprozentig gegen den Krieg aufgetreten und hätte dann, in Amt und Würden, den Krieg befürwortet.

Bashardost kritisiert, dass der Wiederaufbau nicht vorangeht. In der Provinz Tahar gibt es eine Brücke, die überschwemmt wurde und die seit Jahren nicht aufgebaut wurde. Nur 20 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes würden bebaut. 85 Prozent der Bevölkerung seien Bauern, aber 70 Prozent von ihnen hätten keine Arbeit. Man bräuchte zwei, drei große Staudämme, aber keiner würde gebaut.

Er kritisiert scharf die ausländischen Nichtregierungsorganisationen (NGO). Sie würden einen Löwenanteil des Geldes, das deutsche und andere Steuerzahler für den Wiederaufbau zahlen, einstreichen und für sich und ihre Mitarbeiter ausgeben. Ob wir auch 80.000 US-Dollar teure Autos fahren würden, möchte er von uns wissen. Wir schütteln den Kopf, denn wir fahren alle nur Fahrrad.

Bashardost hält die Regierung Karsai für korrupt und kriminell. Er fragt uns, ob wir in Afghanistan seien, um Verbrecher zu unterstützen oder um zu helfen.

Was die Lösung sei? Barshardost zögert nicht lang. »Wenn man Krebs hat und es heißt dann, es ist nur die Grippe, ist das höchst gefährlich.« Die Gründe, die Merkel, Karsai und andere für den Krieg geben, sind falsch. Sie haben die früheren Mörder an die Macht gebracht. »Der erste Schritt in Richtung Frieden ist, dass diese Mörder wegkommen«, sagt Bashardost. Er fordert, dass alle, die an den Kriegen der vergangenen 30 Jahre beteiligt waren, nicht mehr in die Politik dürfen. »Wenn die Mudjahedin an der Regierung sind, kämpfen die Taliban in den Bergen und umgekehrt.« Er setzt große Hoffnungen auf die junge, heranwachsende Generation.

Basharost ist sich sicher, dass die Menschen in Afghanistan Minister haben wollen, die helfen. »Wir sind durstig nach Frieden und Freiheit«, sagt er. »Gebt das Geld den Menschen und nicht für Militär. Dann braucht ihr kein Militär mehr.«

Im Parlamentsgebäude treffen wir mit Amanullah Paiman, Vizepräsident der Wolesi Jirga, dem Unterhaus, zusammen. Er ist offensichtlich unzufrieden darüber, dass Karsai und die internationale Gemeinschaft kein Vertrauen in das Parlament setzen. So hat Karsai sein Vorgehen bei der Londoner Afghanistankonferenz vom 28. Januar 2010 nicht mit dem Parlament vorher diskutiert.

Unzufrieden ist er auch mit der Bilanz des Wiederaufbaus, acht Jahre nach Beginn des Krieges. Er stellt fest: »Da, wo die PRTs sind, ist weniger für den Aufbau getan worden« Sein Kollege Al Satar Khawasi betont die Kluft zwischen den ausländischen Truppen und den Afghanen. So gibt die US-Armee 60.000 Dollar im Jahr für Mineralwasser für die Soldaten aus. »Wir trinken das dreckige Wasser.« Auch könne man für das Geld, das ein US-Soldat kostet, 100 Afghanen bezahlen.

Grundsätzlich stimmt Paiman mit den Beschlüssen der Londoner Afghanistankonferenz überein. Aber er meint auch: Mit mehr Soldaten wird der Westen nicht als Gewinner dastehen. Er sagt: »Mehr Soldaten – mehr Probleme.«

Uns gelingt es, ein Treffen mit Malalai Joya zu vereinbaren. Malalai hatte das Parlament öffentlich kritisiert und war deswegen suspendiert worden. Sie geht hart mit der Regierung Karsai und der NATO ins Gericht.

Wir sind erstaunt, wie bekannt Malalai in Afghanistan ist. Unser afghanischer Fahrer von der deutschen Botschaft kennt Malalai. Auch die Frau, die am Eingang des Hotels, in dem wir uns mit Malalai treffen, die Personenkontrolle macht, kennt die kleine Person mit der Burka. »Sind Sie nicht Malalai Joya. Ich wusste gar nicht, dass Sie in Kabul sind. Passen Sie auf sich auf!«, sagt sie.

Wadir Safi rundet unser Bild ab. Er ist Professor für Völkerrecht an der Universität Kabul. Er berichtet, dass es eine Menschenrechtskommission gegeben hat, die 2002 bis 2004 gearbeitet und die 2005 ihre Ergebnisse vorgestellt hat. Darin heißt es, dass 96 Prozent der Afghanen Opfer derjenigen sind, die jetzt an der Macht sind. 46 Prozent davon hätten sich dafür ausgesprochen, dass die Täter nicht bestraft werden, aber von der Macht entfernt werden müssen.

Ohne Gerechtigkeit wird es keinen Frieden geben, bekräftigt Safi. No Justice, No Peace.

Der größte Beitrag zur Unterstützung dieser afghanischen Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger wie Malalai Joya oder Ramazan Barshardost ist es, für eine Beendigung des Krieges zu kämpfen.

Christine Buchholz ist Mitglied des Geschäftsführenden Parteivorstandes und Bundestages.