Disput

Erbe und Tradition

Bericht über den Versuch einer historisch-kritischen Standortbestimmung

Von Wladislaw Hedeler

Über mangelndes Publikumsinteresse konnten sich die Veranstalter der Rosa-Luxemburg-Konferenz am 19. und 20. Februar 2010 in Leipzig nicht beklagen. Schon während der Podiumsdiskussion in der Moritzbastei, an der auch den Parteien DIE LINKE und SPD nahestehende Historiker teilnahmen, trat die Brisanz der angestrebten Standortbestimmung deutlich hervor.(1) Einige der Diskutanten, die zuvor im breiten Spektrum des rot-rot-grünen Lagers in Ost- bzw. Westdeutschland als Politiker agierten oder im Wissenschaftsbetrieb tätig waren, hatten ihre Auffassungen in den zur Konferenz vorgelegten gleichnamigen Bänden der Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«(2) publiziert.

»Es ist an der Zeit«, wiederholte Lothar Bisky in der Moritzbastei einen Gedanken aus seinem Vorwort zu diesen Bänden, »das historische Selbstverständnis der Partei DIE LINKE zu hinterfragen. Entstanden aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG, wurzelt DIE LINKE in verschiedenen Traditionszusammenhängen und steht in einem reichen und fruchtbaren wie auch tragischen und schuldvollen Erbe. Dieses Erbe zu benennen und seinen zu tradierenden Teil herauszuarbeiten, ist für die Findung der Identität der Linkspartei unerlässlich. … Das betrifft die frühe deutsche Arbeiterbewegung ebenso wie die Sozialdemokratie, den Linkssozialismus sowie die demokratischen Strömungen im deutschen Kommunismus.«

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hatte Dietmar Bartsch auf der von der Hellen Panke e.V. und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen organisierten Konferenz im Berliner Abgeordnetenhaus darauf hingewiesen, dass es DIE LINKE als politische Kraft immer noch gibt, weil sie an die unerfüllten Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung, an Sozialstaatlichkeit und Demokratie anknüpft. »Zwar sind wir eine neue Partei, aber wir sind keine geschichtslose Partei. Unsere Geschichte beginnt nicht 1990, nicht 1949 oder 1919 mit der Gründung der KPD oder 1917 mit der Oktoberrevolution. Unsere Geschichte geht zurück auf die Deklaration der Menschenrechte und die französische Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – nicht nur formal, sondern materiell, nicht nur für den Bürgerstand und besitzende Steuerzahler, sondern auch für die Arbeiterklasse und die Besitzlosen. Unsere Tradition ist die Tradition des Kampfes um die volle soziale und demokratische Emanzipation. Mit diesem Maßstab blicken wir zurück in die Geschichte und fragen: Was hat sich verbessert am Leben der Arbeitenden und Besitzlosen, der einfachen Leute? Welche Rechte haben sie erreicht, nicht nur auf dem Papier, sondern in der gesellschaftlichen Realität? Von diesem Standpunkt aus lässt sich über Geschichte reden, über 1918, 1949, über vierzig Jahre DDR und auch vierzig Jahre BRD, über 1989, und dabei lässt sich immer eine glaubwürdige Linie ziehen zum Programm und aktuellen Handeln der LINKEN. Dass diese Traditionsbildung gelingt, innerhalb und außerhalb der Partei gelebt wird, braucht es die Arbeit von Historikerinnen und Historikern, braucht es Tagungen wie diese.«

Wie aktuell diese Aufgabe war und geblieben ist, zeigten die Turbulenzen, die die Veränderungen in der Führung der LINKEN Anfang des Jahres begleiteten. Wenn zusammenwachsen soll, was zusammengehört, steht der Partei über die Programmdebatte hinaus noch viel Arbeit bevor. Die Leipziger Tagung ist die erste eines Zyklus, der die Programmdebatte begleiten soll.

Auf die Streit-, Diskussions- und Debattenkultur sowohl in der einstigen PDS als auch in der WASG nahmen wohl deshalb einige Konferenzteilnehmer Bezug. Tatsache ist auch, dass längst nicht alle von der Historischen Kommission beim Parteivorstand der PDS erarbeiteten Positionen bei der Mitgliedschaft angekommen sind, von ihr verstanden, geteilt und mitgetragen werden. Hier bleibt noch viel zu tun, brachten Jürgen Hofmann und Helmut Bock unter Hinweis auf den Gründungskonsens der PDS vor. Der Bruch mit dem Stalinismus als System erschöpft sich nicht in einer Kritik am Personenkult. Es geht um die Wiederbelebung der demokratischen Tradition in der Arbeiterbewegung.

Es sei ihm unverständlich, ergänzte Lothar Bisky, wie Genossen einer Partei, die den Pluralismus auf ihre Fahnen geschrieben hat und sich nicht als Weltanschauungspartei definiert, anderen »Abweichung von der Linie« vorwerfen können. Er würde gerne wissen, führte er unter Beifall aus, wie diese eigentlich aussieht. Die Zeit, da Strömungen versuchten, die Partei zu dominieren, sei ein für allemal vorbei. Das müssten deren Aktivisten endlich begreifen.

Die Konferenz erinnerte auch an den wieder in Gang gekommenen parteiübergreifenden Selbstfindungsprozess unter jungen Linken aus dem rot-rot-grünen Politspektrum.

Die Suche nach tragfähigen Alternativen war ein Leitmotiv der Tagung. Sie wurde in Auffassungen und Konzepten eines demokratischen Sozialismus, die im Umfeld des Linkssozialismus von dessen Vertretern diskutiert wurden, gesucht und gefunden. Wolfgang Abendroth und Paul Levi gerieten wohl schon deshalb immer wieder in den Blick, weil sie gegen die Vereinnahmung durch die zunehmend erstarrenden sozialdemokratischen und kommunistischen Apparate ankämpften und dabei ihre reichen Organisationserfahrungen einbrachten. Mit dem Linkssozialismus kam die Demokratie in die Arbeiterbewegung zurück. DIE LINKE, lautete eine Empfehlung der Tagungsteilnehmer, sollte im Programm am Begriff des demokratischen Sozialismus, den sie einst im Namen führte, festhalten.

Wenn einige der jungen Parteimitglieder meinen, sich bei der Neuauflage des Cross-over-Projektes im Interesse der Zukunft von den Auseinandersetzungen der Großvätergeneration verabschieden zu müssen (»die Kämpfe der Alten interessieren uns nicht«), sitzen sie einem Irrtum auf. »Ohne zu wissen, woher man kommt«, lautete eine in Leipzig immer wieder vorgebrachte Argumentation, wird man seinen Weg kaum finden. Die Nachfragen zu den Beiträgen – hier sei nur auf den nächsten Band von Wolfgang Schröder in der Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus« hingewiesen: »Von der Arbeiterverbrüderung zur Sozialdemokratie« – belegten auf eindrucksvolle Weise, was zwischen Eisenach und Godesberg, das tradierte Geschichtsbild konterkarierend, noch alles zu entdecken ist.

Vom Verzicht wie auch von der Unterdrückung der Debatte profitieren nur jene, die alte Vorurteile kultivieren und die Grabenkämpfe der Vergangenheit weiterführen wollen. In der Moritzbastei werde ihm immer wieder klar, was eigentlich möglich ist, merkte Lothar Bisky, sich an seine Zeit als Hochschullehrer in der DDR erinnernd, an. Damals wurden hier verbotene Filme gezeigt, heute lange tabuisierte Fragen diskutiert. Das Leipziger Gewölbe sei ein Hort frischen Denkens geblieben.

Auch die Tatsache, dass viele der Tagungsteilnehmer ihr Leben lang einer politischen und sich wandelnden Partei die Treue gehalten hatten, bot Stoff zur Diskussion. »Aus der SPD tritt man nicht aus, man wird ausgeschlossen«, brachte Helga Grebing vor, was Edelbert Richter veranlasste, ihr seine Gründe zu erklären. Er war nicht der einzige, andere verließen die Grünen oder distanzierten sich später, klüger geworden, wie Manfred Lauermann, von im SDS verbreiteten Auffassungen. »Der Mensch wird klüger, der Linke nie«, spitzte er zu. Nicht nur für diese Äußerung erntete er Kritik.

Folgetagungen wird es vorbehalten sein, die aus Zeitmangel vertagte Beschäftigung mit der Bürgerbewegung in der DDR, der SED-Opposition oder den K-Gruppen im Westen in Angriff zu nehmen und sich stärker der Kapitalismuskritik zuzuwenden. Gefragt wurde stets nach dem originären Beitrag der jeweiligen Vertreter einer Richtung, was sowohl die Kritik an deren Apologeten als auch das Ausräumen von in Ost und West kultivierten Vereinnahmungen einschloss. Rekonstruktion der tatsächlichen Vita bedeutet oft die Zerstörung von Legenden. Mit Blick auf die deutsche Parteienlandschaft war es oft unmöglich, die Frage »Wem gehörte er/sie eigentlich?« eindeutig zu beantworten. Für politische Wissenschaftler, die Parteien als Operationsbasis verstanden und sich immer für die ihrer Meinung nach beste entschieden, stand diese Frage jedoch nie.

Anmerkungen
(1) Ausführliche Berichte über die Auftaktveranstaltung veröffentlichten Karlen Vesper: Die heilige Dreieinigkeit. In: Neues Deutschland, 22. Februar 2010 und Mechthild Küpper: Mausetoter Kommunismus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Februar 2010
(2)Klaus Kinner (Hrsg.): DIE LINKE. Erbe und Tradition. Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus. Bd. XI: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln; Bd. XII: Wurzeln des Linkssozialismus. Berlin: Karl Dietz Verlag 2010. Edelbert Richter hat die Bände im »Neuen Deutschland« vom 18. Februar 2010 rezensiert.