Disput

Blumen

Feuilleton

Von Jens Jansen

Es gehörte einiges Glück dazu, vor 20 Jahren zwischen Elbe und Oder am Internationalen Frauentag eine Rose im Blumenladen zu ergattern. Auf dem Nachhauseweg mit ein paar Alpenveilchen sagte man sich: Frühblüher brauchen hierzulande Gewächshäuser. Gewächshäuser brauchen Wärme. Wärme braucht Heizöl. Die DDR hatte keine Ölquellen, keine Kraftwerke mit Energieüberschuss, keine Gewächshausflächen für Millionen Stiele solcher Luxusprodukte, keine Transportflugzeuge und Devisen für den Blumenimport aus Südafrika. Was man heute an diesem Tag in den deutschen Blumenläden wegwirft und kompostiert, das hätte damals gereicht, um die Männer und die Frauen der DDR glücklich zu machen. Sie sind also endlich angekommen in der ersehnten Überflussgesellschaft.

Zum Glück hing deren Glück aber nicht nur von den Blumen ab. 90 Prozent aller Frauen waren damals in Ostdeutschland berufstätig. Die meisten waren qualifizierte Facharbeiterinnen oder hatten studiert. Jeder Betrieb hatte einen Frauenförderungsplan. Bei Schwangerschaft gab es Kündigungsschutz. Zur Geburt kamen 1.000 Mark Beihilfe. Es gab die bezahlte Freistellung zur Pflege, den monatlichen Hausarbeitstag, für jedes Kind zwischen drei und sechs Jahren einen Platz im Kindergarten, für 75 Prozent der Kleinkinder einen Krippenplatz. Die Eltern zahlten dafür 22 bis 25 Mark monatlich. Das Mittagessen kostete in der Kita 35 Pfennig. Es standen 85.000 pädagogisch ausgebildete Betreuerinnen und Betreuer zur Verfügung. Junge Ehepaare erhielten zinslose Kredite bis 7.000 Mark, Rückzahlung in elf Jahren oder durch Kinderprämien. Und natürlich war die umfassende Gesundheitsbetreuung für Mutter und Kind kostenfrei. Insofern war auch die DDR eine Überflussgesellschaft.

Aber es war eben ein »Unrechtsstaat« – sagen die Ostforscher. Ob die wohl Zeit haben, ihre eigenen Zeitungen zu lesen? Da kriegen wir heute mitgeteilt, dass jede fünfte Frau ein Opfer häuslicher Gewalt ist. Dass jedes sechste Kind unter der Armutsgrenze lebt. Dass die obersten Richter den Regelsatz für Hartz-IV-Kinder menschenunwürdig finden. Zugleich lesen wir, dass die Bundeswehr mit Panzern durch Afghanistan fährt, weil dort Frauen und Kinder kein gleichberechtigtes Leben führen können. Könnten nicht mit der gleichen Begründung die skandinavischen Länder in Deutschland einmarschieren? Aber nein! Das mit der Armut ist doch immer relativ, sagen die Regierungssprecher. Stimmt. Aber dass die Armen nie aus dem Strudel des sozialen Abstiegs herauskommen, das ist in allen Ländern der Welt des Kapitals sehr ähnlich!

Der Nachholbedarf der Bonner Republik war immer besonders beschämend. Als der Parlamentarische Rat im Bonner Naturkundemuseum das Grundgesetz aus der Taufe hob, da regelten 61 Männer und zwei Frauen aus allen Parteien, dass »Männer und Frauen gleichberechtigt sind«, nicht aber, dass sie für gleiche Arbeit auch gleichen Lohn erhalten müssen. Auch nicht, dass eheliche und uneheliche Kinder eine Gleichbehandlung brauchen. Verheiratete Frauen hatten den Haushalt in eigener Verantwortung zu führen. Sie durften nur mit Zustimmung des Mannes erwerbstätig sein. Bis 1953 zählte der Geschlechtsverkehr zu den Pflichten der Frauen. Die Verweigerung war ein Scheidungsgrund. Abtreibung war nach dem Gesetz von 1871 strafbar. Etwa 10.000 Frauen starben jährlich bei illegalen Abtreibungen. Erst 1976 wurde die soziale Indikation eingeführt. Seit 1995 gilt die Fristenregelung mit Nötigung. Die DDR war seit 1972 weiter.

In den großen Fragen von Staat und Wirtschaft haben die Frauen noch weniger zu sagen, denn die Kanzlerin hängt an den Fäden der Großunternehmen und in den Aufsichtsgremien der 200 größten deutschen Konzerne sind die Chefsessel durch 152 Männer und zwei Frauen besetzt.

Das Frauenrecht, das Ostdeutschland übergestülpt wurde, war ein Rückschritt. Aber dafür gibt es eben Blumen zu jeder Jahreszeit und den Valentinstag und den Muttertag – und den Wahltag und Die LINKE.

Die hat doch tatsächlich mehr Frauen als Männer in ihre Bundestagsfraktion geholt! Die frauenpolitische Sprecherin der LINKEN, Cornelia Möhring aus Schleswig-Holstein, sagt, dass es nicht zuerst um die Positionen, sondern um die Interessen der Frauen geht, deren Leistungen noch immer unterbewertet sind. Der weiblich geprägte Niedriglohnsektor ist eine Schande. Frauenpolitik ist daher keine Petersilie auf der Tagesordnung. Die Gleichstellung der Frauen, die Änderung der konservativen Arbeitsteilung und der neoliberalen Vergütung sind Schlüssel für eine menschlichere Gesellschaft.