Disput

Den Finger in die Wunde legen

Wahlkampfeindrücke zwischen Castrop-Rauxel und Bocholt

Von Stefan Richter

Gabi hat die Lautsprecher vom Dach auf die Sitze des VW-Bulli umgepackt, die Päckchen mit Wahlzeitungen und die Kartons mit den kleinen Werbedingen im Rückraum verstaut, die Weiterfahrt ab Castrop-Rauxel kann beginnen. Es ist der vierte (und letzte) Tag der Frauenwahltour durch NRW-Städte, ihr Motto: Freche Frauen wählen DIE LINKE.

Wie frech Gabi Lenkenhoff ist, ist hier nicht zu beurteilen. Tatendurstig und bester Laune ist die Frau aus Kamen unverkennbar. Bis Ende Mai im Landesverband angestellt, freut sie sich, ihre Vorstellungen von Frauenwahlkampf zu einem guten Teil umsetzen zu können. Obwohl, das spürt Gabi bedauernd: Der Tag ist ja so endlich. Auch dieser Wahlkampf-Donnerstag.

DIE LINKE in Castrop-Rauxel ist gut sichtbar und gut ansprechbar. Außerhalb von Wahlkämpfen steht sie zweimal im Monat in der Fußgängerzone und im Stadtteil Ickern – »Selbst bei schlechtem Wetter!«, wie Siegfried Kulosa, der Ortsvorsitzende, versichert. Dann verteilen sie ihren »Roten Boten« und geben auch sonst Auskunft zu ihren Ansichten über die große und die kleine Welt. Zum Beispiel über ihr Wirken im Stadtrat. Eine der beiden LINKEN-Abgeordneten heißt Angelika Aimene-Wiegold und ist Direktkandidatin für den Landtag. Seit sieben Jahren engagiert sie sich parteipolitisch, zunächst in der PDS; sie rückte 2007 in den Stadtrat nach und wurde zwei Jahre darauf erneut in die Kommunalvertretung gewählt. Mit einigem Stolz erzählt sie die Geschichte vom CAS-Pass. »2005 schlugen wir einen Sozialpass zur Unterstützung von Bedürftigen vor. Damals wurde er abgelehnt, weil die Idee von uns kam. Dann sammelten wir Unterschriften und haben so für Druck gesorgt. Schließlich wurde der Pass 2008 eingeführt, als andere ihn als ihren Vorschlag ausgaben.«

Castrop-Rauxel ist einst mit den Zechen gewachsen, das ist Geschichte. 13 Prozent Arbeitslosigkeit gehören zur Gegenwart. Angelika kämpft dafür, dass die »Zukunft der Jugend nicht verramscht« wird. »Deshalb nerven wir.« Seit 2006 gibt es einen Bildungsfonds für Hartz IV-Beziehende und Geringverdienende, aus dem der Eigenanteil an Schulbuchkosten erstattet wird.

Die Genossinnen und Genossen bieten den Passanten Informationen an und kleine Werbemittel. Manche greifen zu, andere lehnen ab. Einer jungen Frau von Kinderland e.V. reicht Marianne Holtmann ein Flugblatt. Danach berichtet sie mir, dass drei Elterninitiativen in der Stadt Kindereinrichtungen gegründet haben. Einerseits sei das erfreulich, andererseits ein Beleg für den Mangel an solchen Einrichtungen. Besonders Plätze für Kinder unter einem Jahr fehlten, wodurch Mütter förmlich in Hartz IV abgedrängt würden.

Die örtliche LINKE, so der Eindruck, ist an den Problemen dran. Und Siegfried Kulosa freut sich zudem über das verstärkte Wirken nach außen: »Früher waren wir zu zweit oder zu dritt am Infostand, jetzt sind wir meistens sieben, acht Leute.« Im Wahlkampf brachten sie in Castrop-Rauxel 300 Plakate an.

Der Ortsverband zählt 35 Mitglieder, darunter »Zugezogene« und nicht wenige Alt-Bekannte, deren Wege zwischenzeitlich unterschiedlich verliefen. »Den Siggi kenne ich seit der Jugend, politisch dachten wir wahrscheinlich schon immer ähnlich«, erzählt Marianne Holtmann. Ihre ersten politischen Erfahrungen sammelte sie in der Frauenbewegung der frühen siebziger Jahre; sie bildete die Dortmunder Grün-Alternative Liste mit, engagiert sich für amnesty international, in der Kinder- und Jugendarbeit der evangelischen Kirchengemeinde und als Sachkundige Bürgerin für den Jugendhilfeausschuss. Dabei war die 54-Jährige nie in einer Partei – bis Herbst 2009, als sie in DIE LINKE eintrat. Warum jetzt? »Ich wollte mit abstimmen über ihren weiteren Weg.«

Der weitere Weg führt – unter anderem – zur Wahlentscheidung im bevölkerungsstärksten Bundesland und hoffentlich zum Einzug in den Landtag. Siggi Kulosa ist davon überzeugt. Im vorigen Jahr erzielte die Partei in Castrop-Rauxel bei der Kommunalwahl 5,4 und bei der Bundestagswahl 11,5 Prozent: »Bei der Landtagswahl werden wir in unserer Stadt dazwischen liegen. Wir kommen in den Landtag, ganz sicher!« Siggi glaubt an acht Prozent.

Angelika Aimene-Wiegold, übrigens auch als Geschäftsführerin einer Jugendfußballabteilung und als Schiedsrichterin aktiv, wünscht sich mindestens diese berühmten fünf Prozent; dazu will sie ja mit ihrer Kandidatur beitragen helfen. Dennoch äußert sie sich »etwas skeptisch«. Der Boykott der lokalen Medien gegenüber der LINKEN werde vermutlich nicht ohne Folgen bleiben. Am Stand hörte sie früher Sprüche wie »SED-Nachfolgepartei« und »Geh doch rüber!«, noch immer versuche es die CDU mit unterstem Niveau. Inwieweit das verfangen wird?

Gabi greift mal wieder zum Mikrofon: »Bürgerinnen und Bürger von Castrop-Rauxel ...!« Der kurzen Ansprache folgt Musik, das wiederholt sich. Ihren ersten Wahlkampf hat Gabi Lenkenhoff 1990 bestritten, seitdem ein ums andere Mal; ihre Welt ist das Organisieren. Aber nicht allein dies. Sie ist in Kamen Stadtverordnete, zur LINKEN kam sie kurz nach deren Gründung; 2001 war sie aus den Grünen wegen deren Kriegspolitik ausgetreten.

Ein weißhaariger Mann kommt vorbei, nimmt eine Zeitung und versichert, fast wie bestellt: »Ich wähle euch sowieso«, nicht ohne hinzuzufügen: »Ich hoffe nur, ihr setzt das um ...«

Da ist sie, die Frage nach einer zumindest denkbaren Regierungsbeteiligung oder -tolerierung. In dem Punkt rät Marianne Holtmann zur Vorsicht: »Wir sind als Partei im Aufbau, vieles muss noch geklärt werden. Da kann eine Regierungsbeteiligung eher schaden und käme wahrscheinlich zu früh.«

Infostand, Parteischirm und der freche Frauen-Bus befinden sich an einer Straße Richtung Markt. Einen Platz dort hat ihnen der Betreiber nicht zugestanden, und für einen auffälligen Wahlkampf-»Rundgang« übern Markt fehlt dann doch wohl ein bisschen Frechheit. Aber die Genossinnen und Genossen sind alles andere als unzufrieden mit ihrem Donnerstagvormittag-Einsatz. Sie bleiben noch, als der Kleinbus nach gut zwei Stunden den Platz verlässt. Zuvor hatte sich ein Mann mittleren Alters am Stand erkundigt, wann und wo sich DIE LINKE das nächste Mal trifft, er möchte vorbeischauen – Also, auf Wiedersehen!

Gabi hat die Technik abgebaut, die Kartons verstaut und zieht am letzten Tag der Tour eine kleine Bilanz. Das Motto für den Frauenwahlkampf findet sie klasse, es stimme zweifach: Freche Frauen wählen ..., Freche Frauen wählen! Die Kandidatinnen der LINKEN seien schließlich frech. »Für die Planung dieser Tour haben wir über den Frauenverteiler (was für ein Wort!) um Vorschläge gebeten. Wir konnten nicht alle Wünsche berücksichtigen.« Station machten sie vorwiegend in Städten, in denen Frauen direkt kandidieren. In Oberhausen hielten sie vor der ARGE und in Neuss auf dem Markt, in der Fußgängerzone in Herford und in Duisburg und in Bielefeld (in erfolgreicher Konkurrenz zum Grünen Özdemir – »lauter Männer waren dort«), auf Märkten in Herne und in Geldern, wo sich ein paar Punks an der Ska-Fassung von »Bella ciao« begeisterten, an Kondomen ebenso.

Neben Gabi sitzt Bärbel Beuermann, wir fahren durch Herne, wo Bärbel wohnt und in einer Schule mit Förderschwerpunkten unterrichtet. Dass sie Spitzenkandidatin zur Wahl ist, hat sich auf den Fluren rumgesprochen; einer der Schützlinge hat sie unnachahmlich-direkt gefragt: »Eh, Beuermann, werden sie dann Kanzlerin?« Das nicht, aber – wenn vieles gut geht – Abgeordnete im Landtag, was der Schüler trotzdem, wie er meinte, geil fände.

Wahlkampf ist nichts Neues für Bärbel; erstmals war sie vor elf Jahren dabei. 2005, zur vorigen Landtagswahl, standen in Herne ihre PDS und die WASG nebeneinander. »Wir haben miteinander gesprochen und teilweise gemeinsam Plakate aufgezogen. Das Verhältnis war freundschaftlich-distanziert.« Wie haben sich die Zeiten geändert. 2009 folgte in NRW Wahlkampf auf Wahlkampf: kommunal, Europa, Bundestag. Der Einzug der LINKEN ins Landesparlament wäre ein weiterer Erfolg. Nur durch ihn würde definitiv Schwarz-Gelb verhindert, mit Fernwirkung Richtung Bundesrat. Leicht wird’s nicht. Bärbel, von der Schule zunächst freigestellt (ohne Bezüge), meistert ein Mammutprogramm, zieht von Stand zu Stand, von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Interview zu Interview. In Castrop-Rauxel hatte sie kaum Zeit für die Genossinnen und Genossen (was Gabi nicht so toll fand) – überregionale Zeitungen und ein Online-Magazin wollten Antworten und »schnell« noch ein Foto mit ihr vor einem Förderturm. Um den angereisten Medien zusätzlich Futter zu geben, schaute sie sogar ins CDU-Stadtbüro rein: Dort, wo Diffamierung und mitunter regelrechte Hetze herkommen, gab sie ein paar sachliche Informationen ab.

Der Weg nach Bocholt führt an die niederländische Grenze, das westliche Münsterland gilt wahrlich nicht als rote Hochburg. Selbst bei der Bundestagswahl erhielt die neue Partei vergleichsweise bescheidene fünf Prozent, bei der Kommunalwahl drei Prozent und einen Sitz im Stadtrat.

Schichtwechsel vor dem historischen Rathaus: Der Wochenmarkt packt ein, der donnerstägliche Abendmarkt packt aus – und DIE LINKE packt nebenan im wahrsten Sinne zu: Rainer Sauer, der Direktkandidat, und einige andere schwärmen sogleich aus auf Markt und Fußgängerzone. Und ohne jede Übertreibung, das soll umgehend hervorgehoben werden: Eine solche kollektive Freundlichkeit hab ich selten erlebt auf Wahlkampfplätzen: Die eine wirbt direkt mit Informationen, die nächste indirekt mit »Schokolade« (an der Informationen hängen), die dritte geht gleich mit einem kleinen Karton auf die Passanten zu, eine weitere auf wiederum eigene Weise – alle gemeinsam sind unglaublich gut drauf.

Wer sind Bocholts freundliche Optimisten? Da ist Anita Lohberg, 24 Jahre hat sie im Pflegebereich gearbeitet und kennt deshalb eine Menge Leute, was sie gelassen kommentieren lässt: »Persönlichen Kontakt zu anderen herzustellen, fällt vielen schwer. Mir nicht.«

Und Monika Laumann: Zwei Jobs muss sie ausüben; nach der Frühschicht eilte sie zur Wahlaktion, von der geht’s nach Hause, um die Kinder zu versorgen, und anschließend zum Putzen als Abendarbeit.

Und Heidi, deren Familiennamen ich leider zu notieren vergaß: Geärgert hatte sie sich über die unsoziale Politik, über Egoismus, Fraktionszwang, Phrasen und und und – auch über sich, weil sie sich lange Zeit eben nur geärgert hat und nicht selbst aktiv wurde. Im Internet verglich sie Wahlprogramme, stellte eine große Zustimmung zu dem der LINKEN fest und fand auf der Seite der Bocholter LINKEN vieles, was ihr gefiel. Das war erst vor wenigen Wochen, und jetzt, im Landtagswahlkampf, trägt die Parteilose das Freche-Frauen-T-Shirt der Partei und fühlt sich gut damit, etwas zu tun.

Und da ist Bärbel Sauer. Die Ratsfrau sorgt für frischen Wind im Stadtrat: »Wir hatten den Wählerinnen und Wählern versprochen, für Transparenz zu sorgen – jetzt sprechen die anderen Parteien von einem ›Anfragenwahn‹ der LINKEN. Also, sie nehmen uns mittlerweile ernst.« Im Kommunalwahlkampf lautete das Versprechen: »Damit man draußen sieht, was drinnen passiert.« DIE LINKE hält Wort.

»So konservativ wie die Stadt ist, so freundlich sind unsere Genossinnen und Genossen. Sie haben das Herz an der richtigen Stelle. Sie könntest du nachts wecken und wären voll da«, lobt Rainer Sauer; 40 Mitglieder sind sie insgesamt. Er schnappt sich das Mikro und macht, wie angekündigt, Frauenwahlkampf: »Kaum eine andere Bewegung übt so lange und laut Kritik wie die Frauenbewegung ...«, ruft er den Bocholterinnen und Bocholtern zu. Und: »Wenn Sie eine andere Politik wollen, müssten Sie eigentlich DIE LINKE wählen ... Sagen sie bloß nicht, Sie gehen nicht wählen, weil es nichts nutzt ...«

In Bocholt zählt das Persönliche sehr. Die junge Partei ist wirklich zu einem Teil der Stadt geworden. »Lange hat uns der Chefredakteur der Lokalzeitung verteufelt, das Bild hat sich geändert – auch durch die Ratsarbeit. Sie sehen uns als ehrliche Leute, das ist nicht wenig.«

Vor zwei Jahren hatte »DISPUT« Rainer Sauer interviewt, der Anlass war sehr ernst: Wieder und wieder hatten Nazis den Antifaschisten und seine Familie attackiert. An einem Märztag 2009 versuchten drei Nazis gar, die Sauers zusammenzuschlagen – wegen schwerer Körperverletzung ist am 9. Juni 2010 endlich die Gerichtsverhandlung. »Es gab Zeiten«, gesteht Rainer, »wo ich mir überlegte, wie weit man das aushält. Aber es gibt zu viele, die weggucken. Irgendwie hat man doch so eine Vorbildfunktion ...« Er fährt zu jeder Demo, mitunter sehr weite Wege, wenn es gilt, Neonazis den Weg zu versperren.

Fast drei Jahrzehnte war Rainer Sauer in der SPD, bis 2005, bis die WASG sich anschickte, als Partei eine Wahlalternative für soziale Gerechtigkeit zu werden. Den Finger immer in die Wunde zu legen, habe viel mit Idealismus zu tun; wenn man keine Erfolge sehen würde, wäre es wesentlich schwieriger.

Jetzt hoffen er wie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in Bocholt und überall in NRW auf einen energischen Schlussspurt im Wahlkampf: »Wichtig ist, dass wir reinkommen in den Landtag.«