Disput

Gerechtigkeit ist ihr Ziel

Die Frauenärztin und Provinzrätin Habibe Erfan aus Kundus kämpft für Gerechtigkeit für die Opfer der Kundus-Bombardierung

Von Christine Buchholz

Die Trauer und Verzweiflung der Hinterbliebenen von Kundus lassen sie seit über einem Jahr nicht mehr los. Sie solle etwas tun, baten die Väter und Mütter, Großväter und Onkel derer, die auf Befehl der Bundeswehr am 4. September 2009 getötet wurden.

Habibe Erfan zögerte keinen Augenblick und zog los. Sie besuchte die frischen Gräber, sprach mit Angehörigen. Schnell wurde ihr deutlich, dass es nicht sein konnte, wie die Regierung Karsai und der Provinzgouverneur behaupteten: dass hauptsächlich Taliban getötet wurden.

Sie hatte schnell gemerkt, dass internationale Organisationen, an die sie sich wandte, kein großes Interesse an den Opfern zeigten. Sie stellte ein sechsköpfiges Team zusammen, zog sich selbst ihre Burka über und ging in den betroffenen Orten von Haus zu Haus, um die Zahl der zivilen Opfer zu ermitteln.

Seitdem ist Habibe Erfan überzeugt: Mindestens 113 Zivilisten starben, davon 25 Kinder zwischen fünf und sechszehn Jahren. Sie identifizierte die Opfer anhand der Wahlausweise und anderer Ausweisdokumente. Taliban haben keine Wahlausweise, denn sie boykottierten die Wahl. Zudem ging sie in Schulen und befragte die Schulleiter, welche Kinder sie vermissten.

Nachdem Erfans Team seine Recherchen vorgelegt hatte, gab die afghanische Regierung die Möglichkeit ziviler Opfer zu.

Über den Verein »Afghan Women and Gender Rights Protection Organisation« nahm die Ärztin Kontakt zu dem deutsch-afghanischen Anwalt Karim Popal auf, der seitdem ihren Kampf für Gerechtigkeit unterstützt.

Die Hinterbliebenen haben nicht nur ihre Liebsten verloren, in vielen Fällen ist der Familienernährer tot. Die Bomben haben 91 Frauen zu Witwen gemacht. Sie und ihre Kinder haben keine Chance auf einen eigenständigen Broterwerb, sie leben von den Gaben ihrer Verwandten oder der Gemeinschaft.

Selbst die Bundeswehr setzt sich mit Habibe Erfans Untersuchungen auseinander. Sie nimmt die erstellten Listen zur Grundlage für die Winterhilfe und verteilt Decken, Gaskocher, Reis und Öl an die betroffenen Familien. Für Habibe Erfan ist das eine wichtige, wenn auch inoffizielle Anerkennung ihrer Arbeit.

Denn: Forderungen nach Entschädigungen stoßen bei der deutschen Regierung auf taube Ohren.

Habibe Erfan versteht das nicht. Die Deutschen hätten – anders als die Amerikaner – einen so guten Ruf. Die Menschen in Kundus seien sehr enttäuscht. »Wir Afghanen sind doch nicht weniger wert als andere Menschen«, sagt sie nachdrücklich.

Da der Druck nicht nachließ, kündigte die Bundesregierung im Sommer eine freiwillige Zahlung von 5.000 Dollar (3.900 Euro) pro Familie an. Das ist keine Entschädigung, denn damit wäre ein Eingeständnis von Schuld verbunden. Zudem zahlt die Bundesregierung viel zu wenig Geld. In vergleichbaren Fällen gab sie 28.000 Euro.

Vor allem kommt das Geld nicht an, weiß Habibe Erfan. Einige Frauen durften das Geld bei den offiziellen Stellen nicht abholen und wurden wieder weggeschickt. Manchmal wurde daraufhin ein männlicher Verwandter mit der Abholung beauftragt. Das haben wenige Frauen erfahren und deswegen auch kein Geld gesehen. Zudem ist die Summe auch in Afghanistan nicht ausreichend, um das Auskommen einer Familie dauerhaft sichern zu können. Familien, die mehrere Angehörige verloren haben, bekommen auch lediglich 3.900 Euro.

Habibe Erfan fordert, dass es Projekte für die Familien und speziell für die Frauen und Kinder geben soll, damit ihre Zukunft gesichert wird.

Habibe Erfan hat sich mit ihrem Engagement nicht nur Freunde gemacht. Sie geriet in das Visier der korrupten Kräfte um den – inzwischen ermordeten – Gouverneur von Kundus und von Taliban.

Sie erhält regelmäßig Todesdrohungen und lebt ein Nomadenleben, übernachtet an wechselnden Orten. Ihre sieben Kinder machen sich große Sorgen um ihre Mutter. Oft bitten die Kinder sie, aufzuhören mit ihrem Engagement. Aber Habibe Erfan hat sich den Hinterbliebenen, den Witwen und Waisen von Kundus verpflichtet. »Ich kämpfe nicht nur für meine Kinder, sondern für die Kinder Afghanistans.«

Deswegen zögerte sie auch keinen Augenblick, als der Kundus-Untersuchungsausschuss des Bundestages sie als Zeugin lud. Und so sitzt sie am 28. Oktober 2010 in Berlin und steht den Abgeordneten dieses Ausschusses Rede und Antwort, als erste Zeugin, die dort die Perspektive der Opfer vertritt.

Müde ist sie, denn die deutsche Botschaft in Kabul hielt sie lange hin, bis sie ihr Visum erhielt. Kurz vor ihrem Abflug musste sie nach Kundus zurück, um Heiratsurkunde und Geburtsurkunden ihrer Kinder zu holen. Ein belastendes Unterfangen mit Burka im Auto, durch unsichere Gebiete.

Nach ihrer Zeugenaussage reist sie auf Einladung der LINKEN durch sechs deutsche Städte und berichtet von ihrer Arbeit. Das Interesse ist groß, worüber sich Habibe Erfan sehr freut.

Aber teilweise wundern sie die Fragen der Besucher. So fragen viele Leute sie nach den Taliban. »Ich weiß nichts von den Taliban – sie sind meine Feinde«, sagt Habibe Erfan. Auch die Menschen in den Dörfern um Kundus wollen mit den Taliban nichts zu tun haben.

Und so sitzt sie auf zahlreichen Podien und Pressekonferenzen von Berlin bis Stuttgart und berichtet leise und konzentriert von ihrer Arbeit. Sie ist freundlich, zurückhaltend und zugleich furchtlos und zielgerichtet. Geduldig beantwortet sie alle Fragen – kurz, knapp, präzise, sympathisch.

Habibe Erfan macht deutlich: Der Kampf um Gerechtigkeit wird weitergehen, noch im November 2010 wollen die Hinterbliebenen Klage gegen die Bundesregierung einreichen, um doch noch Entschädigungen zu erhalten.

Mit ihrem Anliegen bekommt sie in Deutschland viel Solidarität. 400 Interessierte nehmen an den sechs Veranstaltungen teil. Viele Besucher bedanken sich bei Habibe Erfan und spenden großzügig für die Einreichung der Klage der Geschädigten, mehr als 1.100 Euro werden allein auf den Veranstaltungen gesammelt.

Was sie sich von den Deutschen wünsche, fragt eine Besucherin. »Dass sie den Kampf der Kundus-Opfer um Gerechtigkeit bis zum Ende unterstützen.«

DIE LINKE hat sie dabei fest an ihrer Seite.

Christine Buchholz ist Mitglied des Geschäftsführenden Parteivorstandes und Bundestagsabgeordnete.