Disput

Mit dem Herzen

Der Vorsitzende einer großen Basisgruppe in Neubrandenburg: Peter Barthelt (66). Was ihn bewegt, was er bewegt

Gelernter Dachdecker, Busfahrer, Parteifunktionär, Gewerkschaftsvorsitzender bei der Geothermie Neubrandenburg, von 1991 bis 2005 leitender Gesellschafter einer Glas- und Gebäudereinigungsfirma. Stadtverordneter und Mitglied im Stadtvorstand der LINKEN sowie im Aufsichtsrat einer städtischen Wohnungsgesellschaft.

Peter, es geht um nichts Spektakuläres, um keine Kampfkandidatur und keinen Parteitagsantrag, sondern einfach um ein Stück Alltag der Partei, um eine Basisorganisation und ihren Vorsitzenden, und der bist du – seit wann?

Seit 2008. Damals entstand unsere BO Oststadt aus vielen kleinen Basisgruppen – eine hatte ich geleitet –, und ich erhielt von 61 Anwesenden 57 oder 58 Stimmen.

Das hört sich nach einer »Großveranstaltung« an. Wie viele seid ihr in der BO?

121. Damit sind wir die größte von knapp 40 Gruppen in Neubrandenburg.

Was muss der Nicht-Mecklenburger über deine Heimatstadt wissen?

Neubrandenburg ist die »Stadt der vier Tore« und der vier Hügel am Tollensesee mit vielen Sehenswürdigkeiten, eine sehr schöne ist die Konzertkirche. Neubrandenburg war mal eine Stadt der Ackerbürger und hatte sich in den Jahren der DDR sehr stark entwickelt: mit Nahrungsgütermaschinenbau und Reparaturwerk. 65.000 leben hier, 1989 waren es über 90.000.

Die Oststadt, ein sehr großes Wohngebiet, entstand Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahr und ist noch gut sozial gemischt. In meinem Hochhaus wohne ich seit 1982.

DIE LINKE ist in der Stadt ähnlich stark wie die CDU. Bei den Kommunalwahlen 2009 kamen wir auf 29,2 Prozent, die CDU auf 30,6 und die SPD auf 21,4 Prozent.

Wie viele in eurer BO sind Frauen?

Etwa die Hälfte.

Und altersmäßig, wie schaut’s da aus?

Der Jüngste, Steffen, ist 24; der Älteste, Horst, wird 91.

Wenn du den Durchschnitt meinst – sieh mich an, mit 66 liege ich knapp drunter!

Ungefähr ein Drittel der Mitglieder ist wirklich aktiv. Die anderen haben meist schon ernsthafte Gesundheitsprobleme. Wenn du sie aufsuchst, freuen sie sich: Gut, Peter, dass du mal vorbeischaust! Lass uns doch mal über dieses und jenes sprechen!

Natürlich gibt uns die Alters- und Gesundheitsstruktur zu denken, selbst wenn vieles durch das Engagement ausgeglichen wird. Es ist beeindruckend, wie manche trotz Krankheit und müder Knochen zur Versammlung kommen. Sie sind mit dem Herzen dabei. Bei unseren Mitgliederversammlungen sind wir immer etwa 40, 45.

Warum, meinst du, sind sie mit dem Herzen dabei?

Aus Überzeugung – nicht wegen der DDR-Vergangenheit, sondern wegen der Grundhaltung, die sie haben. Das Wichtigste ist ihnen der Frieden, der Kampf für Frieden ist das A und O. Deswegen sind die Genossen sehr aktiv gegen den Krieg in Afghanistan. Wir müssen darüber in der Öffentlichkeit aufklären, denn das erste Opfer des Krieges ist, wie mal jemand gesagt hat, die Wahrheit.

Diese Grundhaltung eint uns.

Wo macht ihr die Versammlungen?

Im Beratungsraum in einem der Hochhäuser. Ein Leitungsmitglied, das dort seine Praxis als Anwalt hat, organisiert das.

Wie oft trefft ihr euch dort?

Normalerweise aller sechs bis acht Wochen, das hängt auch davon ab, ob es eine Gesamtmitgliederversammlung der Stadt gibt.

Diejenigen, die kommen, sind wirklich mit dem Herzen dabei. – Früher, zu SED-Zeiten, habe ich sonst was für Ausreden gehört, warum jemand nicht kommen wollte, da hast du gemerkt, die waren Mitglied, um irgendwo für sich einen Vorteil zu erhaschen. Die Genossen heute, ich hab’s ja schon gesagt, die sind in der Tat mit dem Herzen dabei.

Dass es mal unterschiedliche Meinungen gibt, das gehört dazu. Da gibt es mitunter Entscheidungen, zum Beispiel in der Stadt, wo sie sich persönlich betroffen fühlen. Und ich muss erklären, warum ich in der Stadtvertretung in der Angelegenheit so und nicht anders entschieden habe. Nicht immer verstehen sie das gleich.

Was wird aktuell debattiert?

Zum Beispiel, dass der Oberbürgermeister von der CDU das letzte kommunale Altenpflegeheim privatisieren will, am liebsten schon morgen früh. Das wäre das Letzte, was uns passieren darf. Wenn ein Platz dort mehr als anderthalb Tausend kostet, könnten sich das viele ältere Bürger, die schon heute sehr zu knabbern haben, nicht mehr leisten. Überall wird in den Kommunen »gespart«, bei der Kinder- und Jugendhilfe und, und, und. Zu fragen ist, wohin das Geld denn geht.

Dazu höre ich dann Stimmen wie gestern auf der Treppe: Wir haben Griechenland so stark unterstützt, deswegen müssen sie jetzt das Geld von unseren Leuten wieder reinholen. Und es gibt einige, die Probleme haben mit der Asylbewerberpolitik, die meinen, es gäbe zu viele Migranten. Bei uns in der Oststadt ist ein großes Asylbewerberheim, wo es bis vor Kurzem offenkundig Rauschgiftauseinandersetzungen gab.

Wie reagierst du im Alltag auf Äußerungen in Richtung Fremdenfeindlichkeit?

So weit geht es meistens nicht. Die einen beklagen zwar die Vorkommnisse, gehen aber sachlich ran. Andere zeigen allerdings überhaupt kein Verständnis dafür ... Im Programm haben wir dazu einen klaren Punkt. Dazu stehe ich, das sage ich dann auch.

Fällt das manchmal schwer, weil du vielleicht den einen oder anderen näher kennst?

Da bin ich gleichermaßen konsequent, da kneife ich nicht. Die Wahrheit hilft mehr.

Was beredet ihr bei Mitgliederversammlungen, zum Beispiel bei der vorigen?

Die unmittelbare Vorbereitung der Kreisgebietsreform und den Programmentwurf.

Wie macht ihr das praktisch bei so vielen Leuten?

Drei Genossen hatten sich speziell vorbereitet und trugen zunächst ihre Gedanken vor. Das führte zu regen Diskussionen.

Unter uns gefragt: Haben alle den Entwurf gelesen?

Nein. Aber da mache ich niemandem einen Vorwurf, da geht man diskret darüber hinweg.

Welche Themen standen konkret an?

Demokratie, Friedenskampf und soziale Sicherheit.

Den größten Erfolg haben wir mit Referenten – ob das der Kreisvorsitzende ist oder die Bundestagsabgeordneten Martina Bunge und Heidi Bluhm –, die einige grundsätzliche Ausführungen machen und wo die Genossen ihre Probleme anbringen können. Da fühlen sich die Mitglieder hinterher immer sehr zufrieden.

Zuhören ist leichter ...?

Ja, natürlich. Aber einige warten auch auf diese Informationen, die sie von einem Peter Barthelt sicher nicht immer umfassend kriegen.

Seit zwei Jahren gibt es eure BO. Kennst du bereits alle 121, auch jene, die nicht mehr zu Veranstaltungen kommen können oder nicht mehr wollen?

Zehn oder zwölf kenne ich nicht. Ansonsten alle. Auch weil ich jeden Geburtstag im Terminkalender habe. Nicht bei jedem schaffe ich es, vorbeizugehen. Aber bei den meisten und ab dem 70. Geburtstag zu jedem: wenigstens kurz reingucken, Hallo sagen, Glückwunsch und Alles Gute! Dass sich keiner vergessen fühlt. Damit machst du manchmal mehr als mit drei politischen Anleitungen.

Oder bei der Kassierung. Viele lassen abbuchen. Manche möchten jedoch, dass du für die Kassierung einmal im Monat klingelst und Guten Tag sagst. Das ist für sie oftmals der monatliche Dialog mit der Partei.

Was erwarten deine Genossinnen und Genossen von ihrer Mitgliedschaft?

... dass die Partei ihren Weg konsequent weitergeht. Da kommen wir immer wieder auf die Themen zurück: Frieden, soziale Gerechtigkeit, mehr Demokratie.

Ist es schwer, möglichst viele unter einen Hut zu bekommen?

Das kann ich nicht eindeutig beantworten. Auf jeden Fall haben wir eine gute Leitung. Da ist Jochen, ein aufrechter, ehrlicher Genosse, der sich sowohl um Themen als auch um die materiellen Voraussetzungen für unsere Arbeit kümmert. Zwei Rentner sind mit dabei: Wolfgang, dem ich alles übertragen kann, ob das Einladungen sind oder sonst was, und Gerd, sehr aktiv. Petra, die in Rostock arbeitet, ist ebenfalls mit dem Herzen dabei – und sie ist, wofür sie meine besonderen Sympathien hat, ehrenamtliche Pilzsachverständige.

Neben der BO-Leitung gibt es etliche Mitglieder, die »laufen«, verteilen, bringen Einladungen weg, kassieren Beitrag ... Das ist ein Hauptteil unserer Arbeit.

Bei einigen hilft die moderne Technik: Genossen, die inzwischen aufs Land gezogen sind, aber noch bei uns organisiert bleiben möchten, lade ich per E-Mail an, und sie kommen, wenn sie können.

Versammlungen sind nicht alles ...

Wir versuchen, bei uns im Juri-Gagarin-Ring monatlich einen Infostand zu machen (außer denen, die wir im Stadtzentrum unterstützen), manchmal werden es zwei. Wir verteilen Infoblätter vom Stadtvorstand und der Region. Da spürst du Resonanz, nicht nur von Sympathisanten; ab und an hörst du auch mal ’ne schmutzige Bemerkung.

Monatlich halte ich Sprechstunden in der Oststadt ab, als Stadtverordneter, aber natürlich mache ich das auch als Vorsitzender der BO. Über die mehr als 600 Stimmen für mich bei der Kommunalwahl 2009 war ich sehr überrascht, davon in unserem BO-Bereich 380.

Sind »deine« Genossinnen und Genossen in Verbänden aktiv?

Einige, die es noch können: in der Volkssolidarität, im Mieterverein, im Kleingartenverband, in der Niederdeutschen Bühne. In diese ehrenamtliche Arbeit investieren sie nicht wenig Zeit.

Inwieweit ist DIE LINKE für dich nicht (mehr) die SED?

Früher wurde gemacht, was der Parteisekretär gesagt hat. Das ist heute völlig anders. Jeder kann frei denken und entscheiden, und er kann sich korrigieren, wenn er merkt, dass es bessere Antworten gibt. Sicherlich gehen wir manchmal mit unterschiedlichen Auffassungen auseinander und trotzdem bleiben wir zusammen. Das ist nicht unerheblich.

Verfolgt ihr, was seit Gründung der LINKEN in anderen Landesverbänden passiert?

Ja. Die Gründung der neuen Partei ist ein Erfolg. Einige wollten, dass wir bleiben, wie wir waren. Dann hat sich jedoch immer stärker die Überzeugung durchgesetzt, dass wir wachsen und in der Gesellschaft aktiver wirken wollen.

Wir haben uns sehr gefreut, dass wir bei der letzten Bundestagswahl in allen Bundesländern über fünf Prozent kamen. Einige von uns haben im Wahlkampf geholfen, früher in Flensburg, in Bremen, im Bayrischen Wald, Jochen half im Mai in Nordrhein-Westfalen.

Du hast, wie ich hörte, viele Jahre lang sehr gern Volleyball gespielt. Was war dabei deine Lieblingsposition?

Der Aufschlag – das ist wie beim Tennis: Der Aufschlag ist der halbe Punkt.

Peter, damit könnte unser Gespräch beendet sein, gäbe es da nicht ein Kapitel in deiner Biografie, das so ungewöhnlich ist, dass ich dich bitten möchte, davon zu erzählen.

Ich bin der Sohn sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Baltikum und wurde während ihrer Gefangenschaft in Mecklenburg geboren! Mein Vater war Leutnant der Roten Armee, meine Mutter Krankenschwester. Sie arbeitete als Zwangsarbeiterin bei einem Bauern in Borgfeld, wo ich am 20. April 1944 geboren wurde. Als Kriegsgefangener musste mein Vater Telefonleitungen reparieren. Dabei bekam er Kontakt zu meinem späteren Pflegevater Hermann Barthelt, einem Kommunisten, der 1935 in einem Hochverratsprozess abgeurteilt worden war und zweieinhalb Jahre in Haft gesessen hatte. Zwischen ihnen gab es illegal Kontakte, und unter Vermittlung der Hebamme von Borgfeld kam ich am 17. November 1944 zu meinen Pflegeeltern; die Übergabe erfolgte auf dem Bahnhof in Stavenhagen. Die Pflegeeltern nannten mich Peter, da mein richtiger Name nicht genannt werden durfte. Zu ihnen habe ich immer Vater und Mutter gesagt. Was sie für mich getan haben, war für mich verpflichtend, bis zum heutigen Tage.

Mein leiblicher Vater wurde kurz vor der Befreiung vom Faschismus in der Nähe von Neubrandenburg von Bordfliegern erschossen.

In meinem ersten Personalausweis stand noch mein Geburtsname: Kasimir Stanislaus Stankinwiz. Meine Eltern hatten mir das vorher erklärt; sie wollten, dass ich selbst entscheide, wie ich heißen möchte. Mit 20, am 6. April 1964, nahm ich meinen heutigen Namen an. Das wurde richtig feierlich mit Ansprache und einem Glas Sekt begangen.

Gespräch: Stefan Richter