Disput

Mondscheinsonate

Vor 70 Jahren zerstörten deutsche Bomber die mittelenglische Stadt Coventry

Von Ronald Friedmann

Im Herbst 1940 erlitt Hitlerdeutschland die erste strategische Niederlage im Zweiten Weltkrieg, auch wenn das in der deutschen Öffentlichkeit weder so gesehen noch verstanden wurde: Das »Unternehmen Seelöwe« zur Invasion der britischen Inseln musste aufgegeben werden, bevor es überhaupt begonnen hatte. Der deutschen Luftwaffe war es trotz großer Anstrengungen zu keinem Zeitpunkt der sogenannten Luftschlacht um England gelungen, die für eine solches Vorhaben unverzichtbare Luftherrschaft zu erlangen. In seinem monumentalen zwölfbändigen Memoirenwerk »Der Zweite Weltkrieg«, für das er 1953 den Literaturnobelpreis erhielt, beschrieb der damalige britische Premierminister Winston Churchill die entstandene Lage so: »In der Nacht des 3. November (1940) blieben zum erstenmal nach fast zwei Monaten die Alarmsirenen in London stumm. Die Stille kam vielen geradezu seltsam vor. Sie fragten sich, was denn los sei. In der folgenden Nacht verteilten sich die feindlichen Angriffe über die ganze Insel, und das hielt eine Zeitlang an. Es hatte abermals ein Umschwung in der deutschen Angriffstaktik stattgefunden. Obgleich London das Hauptziel blieb, unternahm der Feind jetzt große Anstrengungen, die Industriezentren Englands lahmzulegen. Deutsche Verbände waren mit neuen Navigationsinstrumenten ausgerüstet und geschult worden, um bestimmte Schlüsselindustrien anzugreifen. (...) All das war nur ein Notbehelfs- und Interimsplan. Die Invasion Englands war (...) aufgegeben worden, während der Angriff gegen Russland noch nicht in Szene gesetzt war (...). Die noch verbleibenden Wintermonate sollten somit für die deutsche Luftwaffe eine Zeit des Experimentierens sein – sowohl mit technischen Hilfsmitteln bei Nachtangriffen wie auch mit Angriffen auf den englischen Seehandel, wobei auch der Versuch unternommen wurde, unsere Produktion, (...) lahmzulegen. Die Deutschen hätten viel besser daran getan, sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren und diese bis ans Ende durchzuführen. Doch sie waren bereits in Verwirrung geraten und nun ihrer selbst nicht mehr sicher. Diese neue Bombardierungstaktik begann mit dem Blitzangriff auf Coventry am 14. November (1940).«

Die Operation gegen die mittelenglische Stadt Coventry war von der Luftwaffe mit deutscher Gründlichkeit unter der zynischen Bezeichnung »Unternehmen Mondscheinsonate« vorbereitet worden: Gegen 19.20 Uhr erreichten die ersten deutschen Flugzeuge den Luftraum über Coventry. Es waren sogenannte Pfadfinder, die entlang eines Funkleitstrahls – damals eine bahnbrechende technische Neuheit – in das Zielgebiet geführt worden waren und nun Brandbomben und an Fallschirmen hängende Leuchtbomben abwarfen, um den nachfolgenden schweren Bomberverbänden der ersten Angriffswelle den Weg zu weisen. Etwa zehn Minuten später, gegen 19.30 Uhr, fielen die ersten Sprengbomben auf Coventry. Bis zum nächsten Morgen, etwa gegen 5 Uhr, folgten zahlreiche weitere Angriffswellen. Denn die deutschen Bomberverbände kehrten nach dem Abwurf ihrer tödlichen Last zu ihren Stützpunkten in Nordfrankreich zurück, wurden dort aufgetankt, mit neuen Bomben beladen und flogen dann einen neuen Angriff gegen die Stadt, die inzwischen in hellen Flammen stand und deshalb in der sternklaren Nacht schon aus einer Entfernung von mehr als hundert Kilometern zu erkennen war. Insgesamt wurden innerhalb von nur elf Stunden rund 30.000 Brandbomben, 500 Tonnen Sprengbomben und fünfzig besonders zerstörerische Luftminen über Coventry abgeworfen.

Am Morgen nach der Bombennacht war von Coventry, das vor dem Krieg den Ruf gehabt hatte, eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren Europas zu haben, nur noch ein großes Trümmerfeld übrig. Fast sechshundert Menschen waren gestorben, viele tausend Wohnungen waren zerstört und auch die Industrie war schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die berühmte Kathedrale St. Michael war bereits in den ersten Minuten des Bombenangriffes in Brand geraten, sie konnte trotz des großen Einsatzes der Feuerwehr und zahlloser Helfer nicht gerettet werden.

In Berlin feierte »Reichspropagandaminister« Goebbels den scheinbaren Erfolg im Bombenkrieg und drohte, dass weitere englische Städte »coventriert« würden, wie seine vollmundige Wortschöpfung lautete. Doch das von den deutschen Bomben schwer getroffene Coventry hatte überlebt, innerhalb von einer Woche waren die Wasser-, Gas- und Stromversorgung wieder hergestellt worden, und nur zwölf Tage nach dem deutschen Bombenangriff produzierten wieder alle Betriebe der Stadt.

Militärisch war der deutsche Angriff auf Coventry also bedeutungslos geblieben. Doch im Ergebnis kehrte der Bombenkrieg, den Deutschland entfesselt hatte, nun mit voller Wucht an seinen Ausgangspunkt zurück: Zahlreiche deutsche Städte wurden in den folgenden Jahren das Ziel massiver alliierter Bombenangriffe, bei denen es sowohl darum ging, militärische und industrielle Kapazitäten zu zerstören, als auch die Bevölkerung zu demoralisieren. Am 30. Mai 1942 gab es den ersten sogenannten Flächenangriff auf Köln mit dem Einsatz von mehr als tausend Flugzeugen. Bis zum Frühjahr 1945 wurden Essen, Regensburg, Schweinfurt, Kassel, Braunschweig, Magdeburg, Würzburg, Darmstadt, Pforzheim, Nordhausen, Nürnberg, Hamburg, Berlin und viele andere deutsche Städte zerstört. Traurige Berühmtheit erlangte der Angriff auf Dresden am 13. Februar 1945.

Doch gerade mit Dresden verbindet sich auch ein Zeichen der Verständigung und Versöhnung: Am 13. Februar 1959, nur wenige Jahre nach Kriegsende, vereinbarten die Stadtverwaltungen von Coventry und Dresden eine Städtepartnerschaft. Für die junge DDR, die aufgrund des Alleinvertretungsanspruchs der BRD international noch immer weitgehend isoliert war, war das ein wichtiger Erfolg in ihrem Kampf um weltweite Anerkennung. Bedeutsamer jedoch war und ist die Botschaft des Friedens, die von dieser Städtepartnerschaft ausging und die die Zeiten überdauert hat.