Disput

Ein Orden fürs Ehrenamt

Ihr Engagement beeindruckte sogar »ganz oben« – Genossin Karin Denk aus Sachsen-Anhalt erhielt die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens

Von Brigitte Holm

»Erst einmal war ich platt. Später habe ich mich gewundert, dass alle dicht gehalten haben.« So beschreibt Karin Denk ihre Gemütslage, nachdem sie die Einladung der Staatskanzlei zur Überreichung der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Briefkasten hatte. Der Einlader: der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU); der Unterzeichner der Urkunde: der inzwischen ehemalige Bundespräsident Horst Köhler; die Eingeladene: ein Mitglied der Partei DIE LINKE aus der Gemeinde Tröglitz nahe der Stadt Zeitz. (Wobei zu vermuten ist, dass die Ehrung nicht wegen, sondern trotz dieser Mitgliedschaft erfolgt ist.)

Auf der Internetseite der Landesregierung wird in einer Meldung vom 25. Oktober 2010 über die Auszeichnung von vier Bürgerinnen und Bürgern informiert. Über Karin Denk ist vermerkt: »Die 70-Jährige gründete 1993 den Frauenarbeitskreis Zeitz (FAK), den sie über viele Jahre leitet. Darüber hinaus engagiert sich Frau Denk in regionalen Initiativen gegen Rechtsextremismus und für Toleranz sowie im lokalen Netzwerk für Familien des Burgenlandkreises. Für ihr hohes frauen- und familienpolitisches Engagement wurde sie mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.«

Was hier in ein paar Zeilen Platz finden musste, macht das Leben von Karin aus. Gut drei Tage die Woche, so hat sie ausgerechnet, wendet sie für ihre Ehrenämter auf. Schon früher, in der DDR, war die studierte Ingenieur-Ökonomin für das Eisenbahnwesen in einer Elternvertretung und leitete die WPO, die Wohnparteiorganisation, in der vornehmlich Rentnerinnen und Rentner organisiert waren – und Hausfrauen, wie es Karin auch wegen ihrer vier Kinder 17 Jahre lang war. Als sich mit der Wende 1990 die Partei neu strukturierte, ging eine Liste um, wer in welcher Arbeitsgruppe mitmachen möchte. Karin folgte einer Genossin, die sich für die Frauenarbeitsgemeinschaft eingetragen hatte, und von da an nahm alles seinen Lauf. Über die Frauenarbeitsgemeinschaft Lisa kam sie mit anderen Frauengruppen in Kontakt; der Frauenarbeitskreis, der sich bildete, wiederum mit anderen Netzwerken … Dazu kommt der Hang, wie sie ohne Zögern zugibt, schlecht Nein sagen zu können. Trotzdem ist sie kein Hansdampf in allen Gassen. Wenn sie etwas in Angriff nimmt, hat sie einen ziemlich langen Atem.

Das wurde auch in ihrer kleinen Rede deutlich, die sie nach der Übergabe des Ordens halten konnte. Sie nutzte die Gelegenheit, um den »Landesvater« auf die schwierigen Bedingungen hinzuweisen, unter denen ehrenamtliche Arbeit geleistet wird.

Karin Denk sagte unter anderem: »Ich arbeite nicht in Vereinen, nur in Interessengruppen, und da ist keine finanzielle Basis da. Also heißt es immer wieder, auf Sponsorensuche zu gehen. Das ist oft ein beschwerlicher Weg, aber immer auch ein besonderes Erlebnis, wenn es gelingt. Ein besonderes Anliegen war für lange Zeit die Unterstützung einer Mutter mit einem schwerbehinderten Jungen, dem die Krankenkasse eine dringend nötige Therapie in Ungarn nicht mehr finanzierte. Drei Jahre gelang es, die Behandlung fortzuführen, unter anderem mit Unterstützung der Landtagsfraktion meiner Partei. Welch ein Glücksmoment, als Stefan nach einer Therapie zu mir kam und die Treppenstufen bewältigte – er, der früher wegen spastischer Lähmung nur auf Knien rutschen konnte. Da waren alle Mühen vergessen. (…)

Die zurückliegenden Tage waren wieder sehr intensiv mit Arbeit angefüllt und auch mit Zweifeln, ob wir unsere Idee realisieren können. Wir wollten eine Angehörige des Zeitzer Arztes Dr. Gustav Flörsheim, der samt Frau und Tochter von den Nazis umgebracht wurde, zu uns einladen. Die Verwandte kommt aus Norwegen, und das hieß, wieder auf Sponsorensuche zu gehen. Und wir wurden fündig. Die Bundestagsfraktion der LINKEN zum Beispiel spendete den Betrag, der für die Flugkosten aufgebracht werden muss. Nun können wir uns freuen, dass Frau Flörsheim am 9. November zur Gedenkveranstaltung aus Anlass der Reichspogromnacht über die Geschichte ihrer Familie berichtet. Für die Familie von Dr. Flörsheim wurden in Zeitz bereits 2007 drei Stolpersteine verlegt. Er war ein sehr bekannter Arzt, der – wenn nötig – auch unentgeltlich behandelte. Froh sind wir auch über weitere Sponsoren, die diesen Besuch möglich machen, wie die Stadtwerke Zeitz oder ein Pfarrer, der über die Ökumene für die Übernachtung sorgt, sowie die jüdische Gemeinde Halle.

Ehrenamtliche Arbeit ist ein wertvoller Beitrag für das Zusammenleben, aber nicht allen ist es möglich, sich einzubringen. Ehrenamtliche Arbeit muss man sich leisten können. Es tut weh, wenn mir eine aktive Frau sagt, ›Ich kann nicht mehr kommen, mir fehlt das Geld für den Bus.‹ Ich würde mir sehr wünschen, dass den Ehrenämtlern mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es wäre schon hilfreich, besonders Aktiven im Nahverkehr Freifahrten zu Veranstaltungen zu gewähren. Das ginge vielleicht über Tickets, die die Verkehrsgesellschaften ausgeben könnten. Wenn ich heute hier stehe und diese Auszeichnung erhalte, so nehme ich diese stellvertretend für alle entgegen, die mich und meine Aktivitäten unterstützen und zum Erfolg beitragen. Allein bin ich machtlos, aber zusammen sind wir mächtig.

Es ist immer ein Geben und Nehmen und ich sage nochmals Danke!«

DISPUT schließt sich den vielen Gratulantinnen und Gratulanten an, die sich über die Ehrung von Karin Denk gefreut haben.