Disput

Festtagsreden

Feuilleton

Von Jens Jansen

Deutschland ist ein glückliches Land! Es hatte Glück bei der Papstwahl, beim Schlagerwettbewerb, beim Frauenfußball, beim Autoexport, beim Krisenmanagement, bei der Osterweiterung – nur bei Verstand und Moral seiner Herrscher hapert es oft.

Der aus Gießen nach Leipzig gewechselte Prof. Elmar Brähler, Leiter an der Uni-Klinik, hatte Psychologen und Soziologen auf eine Studie zur Befindlichkeit der Deutschen nach zwanzig Jahren Einheit angesetzt. Da ist nun auf 300 Seiten nachzulesen, was 2.512 Befragte zwischen 14 und 94 Jahren, davon 77 Prozent im Westen und 23 Prozent im Osten, heutzutage fühlen und denken.

Freude über die Vereinigung bestätigen nur 40 Prozent der älteren Bürger in Ost und West, aber 64 Prozent der 14- bis 24-Jährigen. Obwohl 76 Prozent der jungen Ossis klagen, dass sie sich als »Menschen zweiter Klasse« behandelt fühlen.

Es wurde nachgefragt: War die DDR ein Unrechtsstaat? 72 Prozent der Westdeutschen bejahen das – im Lichte der Schlagzeilen. Aber nur 40,8 Prozent der Ostdeutschen bestätigen das – darunter die über 75-Jährigen, die das am besten beurteilen können, nur zu 26,9 Prozent! Sie sehen in dieser Phrase eine Abwertung ihrer Lebensgeschichte.

Zu dem Satz »Der Sozialismus ist im Grunde eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt wurde« sagen 49 Prozent der Ostdeutschen »Ja«. Auch 30 Prozent der Westdeutschen fiden die Ideen des Sozialismus nicht übel.

Fortschritte in der Demokratie sehen nur 25 Prozent der ostdeutschen Grauköpfe.

Auf die Frage »Wie lange wird es noch bis zur inneren Einheit dauern?« sagten frühere Umfragen 1990: 5 Jahre! 1995: 20 Jahre! Und 2009: Noch mal 20 Jahre! Wobei ein Drittel meint: Das kommt nie!

Die Medien erklären den Missmut im Osten gerne mit dem »Ossi-Neid«. Die Forscher um Prof. Brähler haben auch das hinterfragt und entdeckt: Neid wächst auf beiden Seiten, aber aus unterschiedlichen Motiven! Ossi-Neid ist überwiegend Empörung über Ungerechtigkeiten, getragen von einer Ideologie der Gleichheit aller Menschen. Wessi-Neid ist mehr Ehrgeiz im Ringen um Status, Karriere und Besitz, getrieben von der Konkurrenz jeder gegen jeden.

Die Studie gibt zu bedenken: Wenn 70 Prozent der Ostdeutschen nach der Wende mindestens ein Mal arbeitslos waren, viele trotz hoher Qualifikation, daneben jahrelang traktiert mit Bewerbungen und Ablehnungen und krassen Umstellungen in allen Lebensbereichen, dann ist die Verbitterung kein Wunder. Aber auch das Klischee vom »Jammer-Ossi« erscheint in einem anderen Licht, wenn man weiß, dass die meisten Ostdeutschen viel offener und ehrlicher über ihre Sorgen und Nöte sprechen als jene Landsleute im Westen, die gelernt haben, sich besser zu »vermarkten«, indem sie jung, dynamisch, flexibel, teamfähig, verschwiegen und voll belastbar für jeden Posten erscheinen.

Da wären also hinter den »Schwachpunkten« der Ossis manche Stärken zu entdecken, wenn man die Brille der BILD-Zeitung ablegt und andere Werte gelten lässt. Umgekehrt stecken hinter manchen Vorwürfen gegen die »Besser-Wessis« auch ehrbare Tugenden und Erfahrungen, die im Existenzkampf auf dem harten Pflaster des Kapitalismus mühsam erworben wurden. Wissen wir noch immer zu wenig voneinander?

Der »Sozialreport der ›Volkssolidarität‹« hat zum 20. Jahrestag der Einheit ermittelt: Die Ostdeutschen sind zufrieden – mit der Wohnung, mit dem Lebenspartner und mit den Freizeitangeboten. (Aber ist das nicht die »private Nische«, die als Fluchtort unter der Diktatur angeprangert wurde?)

Die Unzufriedenheit resultiert bei 70 bis 88 Prozent der Befragten aus der fehlenden sozialen Sicherheit, dem familiären Existenzkampf im Wettlauf von Einkommen und Preisen, der Verteuerung des Gesundheitswesens, der mangelnden Gerechtigkeit und fehlenden Mitbestimmung. Nur jeder vierte Ostdeutsche fühlt sich als Bundesbürger. 75 Prozent glauben, dass es dem Westen besser geht. 52 Prozent der Westdeutschen sehen das umgekehrt. Und jeder hat Beweise.

Diese Zweieinigkeit ist mit dem Soli-Beitrag, den beide Seiten zahlen, nicht aufzufüllen, denn es ist nicht allein die Kluft zwischen Ost und West, sondern zwischen Arm und Reich, die quer durch Deutschland geht. Hartz IV und Kinderarmut schmeckt auf beiden Seiten bitter, und im Osten trifft es doppelt so viele. Das wäre mit sieben Milliarden zu beheben. Mit fünf Euro nicht! Aber 147 Milliarden verschenkt diese Regierung durch Verzicht auf fünf Prozent Millionärssteuer, gerechte Erbschaftssteuer und 0,05 Prozent Abgabe auf den Aktienhandel. Und wenn das ausgehandelt wird, sitzen alle Bosse im Kanzleramt am Tisch. Wann wird der Arbeitslosenverband eingeladen? Die bringen ihre Pommes mit!