Disput

Goliath gegen David

Wie Aldi seinen Ruf ruiniert: Ein Lehrstück in Sachen Konsum und Protest

Von André Hagel

Wenn ein bedeutendes Unternehmen wegen menschenunwürdiger Zustände in seinen Zulieferbetrieben öffentlich kritisiert wird, hat es zwei Möglichkeiten: Es kann das klärende Gespräch suchen, die erhobenen Vorwürfe gewissenhaft prüfen und nachgewiesene Missstände angehen. Es kann aber auch einen juristischen Apparat in Bewegung setzen und versuchen, die Kritiker mundtot zu machen. Das erste Vorgehen ist klug, auch dem Ruf des Unternehmens dienend. Das zweite ist je nach Umständen dreist, arrogant, töricht – in jedem Fall dumm. Weil ein solcher Schuss immer auch nach hinten losgehen kann.

Der Discounter-Riese Aldi, genauer gesagt der in Essen ansässige Unternehmenszweig Aldi Nord, hat sich in einem aktuellen Streit für die zweite Variante entschieden. Er hat gegen die Christliche Initiative Romero (CIR) juristische Geschütze auffahren lassen, um die in Münster ansässige, kleine entwicklungspolitische Organisation zum Schweigen zu bringen. Dieser Schuss ist allerdings für Aldi Nord, wie zu erwarten war, schnell nach hinten losgegangen.

Der Anlass: Aldi lockt Konsumenten mit Billigstangeboten – verschweigt dabei aber, dass seine aggressive Preispolitik auf den Plantagen und in den Fabriken, die für den Discounter liefern, zu ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen führt. Die Christliche Initiative Romero kritisiert dies in einer Aldi-Prospektpersiflage, die seit Ende September deutschlandweit in Umlauf ist und inzwischen eine Gesamtauflage von 70.000 Exemplaren erreicht hat. Mit ihrer Prospektpersiflage weist die CIR auf Hungerlöhne hin, auf gesundheitsschädigende Produktionsbedingungen und darauf, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in Ländern des Südens den Preis für Schnäppchen in Deutschland zahlen.

Die Hintergründe: Die in dem Prospekt gegen Aldi erhobenen Vorwürfe basieren auf eigenen Recherchen von CIR und von Partnerorganisationen in Produktionsländern sowie auf Studien.

Exemplarisch sind die im Prospekt angeführten Galia-Melonen aus Honduras zum Stückpreis von 99 Cents. Anfang dieses Jahres stießen CIR-Rechercheure in Filialen von Aldi Nord auf diese Früchte. Auf der Kartonage fanden sich detaillierte Angaben zum Lieferanten in Honduras, der Plantage Agropecuaria Montelibano, San Lorenzo, Valle, Letzteres eine Region der Niedriglohnstufe. Eine honduranische Partnerorganisation der CIR stieg in die Recherche ein. Ergebnis: Die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Plantage schuften für monatlich umgerechnet 98 Euro brutto. Für einen Lohn, der auch nach honduranischen Maßstäben für ein Leben in Würde nicht reicht.

 

Der Vorstoß: Aldi Nord fühlte sich durch die in Umlauf gebrachte Prospektpersiflage herausgefordert – und ging mit harten Bandagen gegen die Christliche Initiative Romero vor. Eine Unterlassungserklärung sollte die CIR unterzeichnen, eine Einstweilige Verfügung wurde angedroht. Bemerkenswert: In einem ersten anwaltlichen Schreiben hob Aldi Nord hauptsächlich auf markenrechtliche Aspekte ab, witterte gar Fotoklau – zu den Vorwürfen in Sachen Arbeitsbedingungen ließ sich das Unternehmen unter »ferner liefen« lediglich in einem Satz aus und sprach hierbei von »unzutreffenden und daher rechtswidrigen Behauptungen«.

Die Folgen: Natürlich hat sich die CIR im Vorfeld juristisch abgesichert. Sie hatte also keinen Grund, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen – und ging mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Eine viel beachtete Berichterstattung unter anderem auf Spiegel online, in der taz, im Neuen Deutschland, in der ZEIT und im WDR war die Folge. Darüber hinaus forderte die CIR Aldi Nord zu einem Gespräch auf.

Aldi Nord ließ am 5. Oktober – zwei Tage vor dem Welttag für menschenwürdige Arbeit – in Medienstatements und in einem Fax an die CIR unvermittelt verlauten, es habe »nicht die Absicht, gerichtlich gegen die Christliche Initiative Romero e.V. vorzugehen«. Ein neuerliches anwaltliches Schreiben durch Aldi Nord spricht allerdings eine andere Sprache. Dort heißt es, man wolle der CIR die »Gelegenheit zur kritischen Prüfung« ihres »Standpunktes« geben – und abschließend, dass man sich »die Geltendmachung aller Rechte vorbehält, sollte es in den kommenden Tagen zu einer Verletzung von Rechtspositionen unserer Mandantin kommen«.

An dem geforderten Gespräch, ließ man übrigens per Fax wissen, habe man kein Interesse.

Und weiter? Aldi Nord hat seine Drohmaschinerie, wie es scheint, auf Leerlauf gestellt. An der Startlinie steht sie dennoch. Denn natürlich vertreibt die Christliche Initiative Romero ihre Aldi-Prospektpersiflage weiter. Die Nachfrage ist ungebremst, durch die Berichterstattung sogar noch gestiegen. Und die Geschäftspolitik des Discounter-Riesen bietet allen Anlass, weiterhin öffentlich Kritik zu üben.

Wie sich die Angelegenheit weiter entwickeln wird, bleibt vorerst offen. Fest steht lediglich eines: Aldi hat sich mit seinem brachialen Vorstoß abermals in öffentlichen Misskredit gebracht.

André Hagel ist Pressesprecher der Christlichen Initiative Romero, einer entwicklungspolitischen Organisation.

Infos zum Fall und eine Aldi-Protestaktion gibt es auf www.ci-romero.de.