Disput

Der unterschätzte Sarrazin

Man muss ihn an seiner scheinwissenschaftlichen Beweisführung packen und das Halbwissen entlarven, das seinen Beweisen zugrunde liegt

Von Harald Werner

Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« ist mit Sicherheit das erfolgsreichste politische Buch seit Jahren, und das betrifft nicht nur die erstaunlichen Verkaufsergebnisse, sondern vor allem seine außerordentliche politische Resonanz. Deshalb muss man sich ernsthaft fragen, ob man dem Autor gerecht wird, indem man ihm vor allem rassistische Stereotype, Ausländerfeindlichkeit oder »Tritte nach unten« vorhält wie Daniel Wittmer im »DISPUT« (9/2010). Das alleine garantiert hierzulande keinen Bestseller und erst recht keine sämtliche Medien beherrschende Debatte. Der Vorwurf ist zum Teil auch nicht einmal richtig, denn der Autor hält eine Diskussion über ethnische Unterschiede bei der Begabung für überflüssig (S. 480). Als Anhänger von Darwin und Mendel vertritt er eine wissenschaftlich durchaus gängige Position, die zwar der extremen Rechten in die Hände spielt, aber gänzlich andere Absichten verfolgt. Sarrazin versucht zu beweisen, dass Intelligenz vererbbar und der soziale Status durch den Intelligenzquotienten bestimmt ist (S. 350). Und dieser Sozialbiologismus ist gefährlicher als Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit, weil er mit scheinbar wissenschaftlichen Argumenten den Emanzipationsgedanken relativiert, die Klassenherrschaft rechtfertigt und die soziale Gleichheit ablehnt.

Für Sarrazin ist die gesellschaftliche Ordnung ein Ergebnis unterschiedlicher biologischer Anlagen, die sich politischer Gestaltung entziehen. Investitionen ins Bildungssystem oder Maßnahmen der Armutsbekämpfung werden von ihm abgelehnt, weil sie erstens an der »natürlichen Zuchtwahl« nichts zu verändern vermögen und zweitens wirkungslos bleiben. Und diese Botschaft ist für die bestehende Gesellschaftsordnung wesentlich hilfreicher, für die Linke aber gefährlicher als sämtliche »rassistischen Stereotype« oder »Tritte nach unten«.

Sarrazin ist weder ein Provokateur noch ein Tabubrecher, sondern ein ausgezeichneter Marktbeobachter, der zur richtigen Zeit erkannt hat, dass es in Zeiten knapper Haushaltsmittel eines angeblich wissenschaftlichen Nachweises bedarf, wie die soziale Ungleichheit aus biologischer Ungleichheit entspringt. Wobei er sich nicht einmal scheut, ausgerechnet die DDR als gelungenes Beispiel einer gezielten Förderung biologisch wertvollen Erbguts darzustellen: »Während in den alten Bundesländern die Kinderlosigkeit der Frauen mit Fachschul- oder Hochschulabschluss doppelt so hoch war wie bei an- und ungelernten Frauen, war sie in der DDR bei den gebildeten Frauen unterdurchschnittlich … Das wirkte sich positiv aus auf die durchschnittliche Intelligenz der dort geborenen Kinder« (S. 99). Im Klartext: Staatliche Mittel müssen gezielt den angeblich intelligenteren Schichten zugutekommen, während die Förderung scheinbar Minderbegabter erfolg- und nutzlos ist.

Was Daniel Wittmer zu Recht zur Integration von Migranten vorschlägt, nämlich mehr Geld für Bildung, lehnt Sarrazin nicht mit ethnischen Gründen ab, sondern mit sozialbiologischen.

Die Auseinandersetzung mit Sarrazin verlangt mehr, als seinen Verstoß gegen die Political Correctness zu kritisieren, man muss ihn an seiner scheinwissenschaftlichen Beweisführung packen und das Halbwissen entlarven, das seinen Beweisen zugrunde liegt. Denn das Buch verdankt seine fatale öffentliche Wirkung nicht der provozierenden Begriffswahl, sondern der Flut scheinbar plausibler Tabellen und Zitate. Zahlengläubig wie unsere Zeit nun einmal ist, und auch beeindruckt von den Fortschritten der Genetik, muss die Auseinandersetzung auf dem gleichen Feld geführt werden, das dem Autor die Aura wissenschaftlicher Plausibilität verleiht.

Das erste Problem Sarrazins ist, dass er zwar rechnen kann, aber nicht weiß, was er berechnet. Er setzt Zahlenreihen in Verbindung, die nichts miteinander zu tun haben, wie etwa den Intelligenzquotienten mit der Schichtzugehörigkeit. Das ähnelt dem berühmten Beispiel aus der empirischen Sozialforschung, wo man die Geburtenhäufigkeit einer Region mit zahlreichen Storchennestern mit einer Großstadt korrelierte und natürlich einen hohen statistischen Zusammenhang feststellen konnte. Niemand würde deshalb behaupten, dass die Kinder vom Storch gebracht werden, aber wenn der gleiche Unsinn bei der Gegenüberstellung von Intelligenz und Sozialschicht gemacht wird, findet das interessierte Aufmerksamkeit. Forscher müssen zweifelsohne rechnen können, aber sie müssen zuerst wissen, was sie berechnen. Wobei bereits jeder Psychologiestudent lernt, dass der sogenannte IQ über die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen etwa ebensoviel aussagt wie ein Fieberthermometer über seinen Gesundheitszustand. Das Gleiche gilt für Sarrazins Aussage, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz vererbt würden, wofür es bisher keine wissenschaftlichen Beweise gibt und auch nicht geben kann, weil sich nicht nur der Einfluss der Umwelt schlecht messen lässt, sondern das menschliche Genom nicht nur keine eindeutigen, sondern auch unterschiedliche Anlagen enthält.

Das zweite Problem Sarrazins ist, dass seine humanwissenschaftlichen Grundannahmen beim Darwin des 19. Jahrhunderts stehengeblieben sind. Die moderne Genetik konnte nämlich inzwischen nachweisen, dass Darwin trotz aller Verdienste in einem entscheidenden Punkt irrte.1 Die Natur produziert nämlich nicht aus lauter Zufall verschiedene Erbanlagen, die dann später der Selektion ausgesetzt werden, sondern Gene sind lernfähig und bauen sich unter äußeren Stressbedingungen selbst um. Sarrazins Sozialdarwinismus entspricht deshalb weniger dem aktuellen Forschungsstand als dem aktuellen Bedürfnis nach einer biologischen Deutung gesellschaftlicher Ungleichheit.

Der Erfolg von Sarrazin wurzelt letztlich darin, dass seine Anhänger von der Materie seines Buches meistens ebenso wenig verstehen wie der Autor selbst. Wobei es nicht nur um einen Mangel an Fachwissen geht, sondern um den im Neoliberalismus auf die Spitze getriebenen Unsinn, jeden Tatbestand durch Zahlen, Statistiken und Rankingverfahren beschreiben zu wollen. Das psychische wie das soziale Leben ist viel komplexer und vor allem widersprüchlicher, als es sich der Buchhalterverstand eines Finanzfachmanns vorstellen mag.