Disput

Von »cum laude« zu Hartz IV

Das neue Deutschland und der Verfall seiner Bildungselite

Von Rabah El-Hajj Moussa und Markus Sziegoleit

Halle an der Saale mitten im schönen Giebichensteinviertel, in einem beliebten Café zur Mittagszeit. Wie jeden Tag sitzen, kommen und gehen etwa sieben, acht Personen, meist Stammgäste. Sie trinken Café, manche auch schon den ersten Wein und lesen, da mal wieder Donnerstag ist, die »Mitteldeutsche Zeitung« des Vortages oder »Die Zeit«. Die meisten jener Stammgäste werden im Viertel sympathisierend Harzis genannt, da sie überwiegend Hartz-IV-Empfänger sind. Sie sind Akademiker oder solche, die es gut hätten werden können, wäre ihnen nicht ein Rückschlag namens Schicksal oder einfach »das Leben« in die Quere gekommen. Manche sind auch noch dabei, Akademiker zu werden, und werden auch noch eine Weile dabei bleiben, es zu werden. Jedenfalls so lange, bis sich eine Tendenz aufzeigt, dass ein abgeschlossenes Studium auch ein Garant für eine Verbesserung der Lebensqualität ist.

So widmen sich die hochgebildeten Harzis nach Sportteil und Dossier den Stellenanzeigen. Unmotiviert, da ohnehin nichts zu erwarten ist, was einem den Traum der funktionierenden Karriere noch einmal reaktiviert, suchen sie zwischen Stellenanzeigen für W2-Professuren für Nanoskalige Multifunktionale Ferroische Materialien, Diplom-Psychologen unter 35 mit 8-jähriger Berufserfahrung und Zeitungszustellern auf 4,50 Euro/Stunde-Basis nach geeigneten Eventualitäten.

Die Giebichenstein-Harzis sind Karikaturen einer stillen, resignierten Bevölkerungsgruppe.

Homo academicus ist heute Hartz-IV-Empfänger, nicht krankenversichert, kellnert oder arbeitet auf der Baustelle, um die Promotion zu finanzieren. Er bekommt keine Kinder, da die Existenzängste Libido und das eigene Sicherheitsgefühl zerstören. Er wohnt mit 38 noch in einer Studi-WG. Für ihn, seit Jahren an eine Nudel-Fertiggericht-Tütensuppen-Fischdosen-Ernährung gewöhnt, bedeutet der Kauf eines 2,49-Euro-Käses oder einer Schale Physalis ein Stück fette Dekadenz.

Hatte man sich das nicht einmal anders vorgestellt? Zwölf von achtzehn Lebensjahren bis zum Abitur, das Auslandsjahr gemacht, die Sprachzertifikate in der Tasche, den Studienplatz erkämpft. Das konnte doch nur gut gehen!?

Schaut man heute in die Hörsäle, so sieht man den wissenschaftlichen Nachwuchs: so jung, gar kindlich, noch voller Eifer und Zuversicht, hier den Grundstein für eine sogenannte Karriere zu legen. Den Stift aus der Schulfedermappe zückend, schreiben sie jedes Wort des Professors für Kulturwissenschaften mit, der schon vor Jahren wohl wissend und warnend verkündete: »Dieser Studiengang führt Sie direkt in die Arbeitslosigkeit …«. Eine wahrlich realistische Einschätzung! Besonders für etliche Geisteswissenschaftler, die sich heute als BA (Bachelor) und MA (Magister) zu Hunderten in dem Hörsälen tummeln. Denn wie viele Kunsthistoriker, Philosophen, Germanisten, Soziologen, Politikwissenschaftler braucht das Land? Und was ist ein akademischer Grad überhaupt noch wert?

Rückblick: Regte sich da nicht im Jahre 2005 ein Professor während seiner Vorlesung mit pulsierender Halsschlagader entsetzlich mit den Worten auf: »Es kann nicht sein, dass ein Hochschulprofessor weniger als 100.000 Euro im Jahr verdient!«, während zur gleichen Zeit zwei Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Dozentenstelle vom Institutshaushalt gestrichen wurden? Eine Situation, die symbolisch für das Chancengefälle im heutigen Deutschland ist. Wer zu wenig Glück hat, um Ansprüche zu stellen, befindet sich in der Realität. Der Realität wie der von Dr. Gesine D. aus Halle (Saale). Die einstige Agrarwissenschaftlerin konnte nach der Wende und zweifacher Mutterschaft keinen Fuß mehr in Industrie und Wissenschaft setzen. Sie machte nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit, gefühlt tausend Bewerbungen und einer Scheidung eine Umschulung zur Physiotherapeutin und arbeitet nun angestellt für etwa 900 Euro netto in diesem Beruf. Ihre Promotionsurkunde ist ein Relikt aus einem alten Leben als Akademikerin.

Der bereits erwähnte »100.000-Euro-Prof« ist auch Erfinder und Editor einer sogenannten Schwarzen Liste über Studenten, die seiner Meinung nach nichts an der Uni verloren haben. Dummerweise hat es bei den Schwarzen Schafen gerade die getroffen, die nicht mit Akademikerelternhäusern, Konrad-Adenauer-Stipendien, teuren Brillengestellen, MacBooks oder Südafrikaauslandssemestern glänzen konnten. Es handelt sich eher um die Fraktion der weniger Privilegierten. Nicht die, von denen schon im siebenten Semester klar sein wird, dass sie die nächste freie Doktorandenstelle besetzen werden, weil sie seit Jahren die ausdauernde studentische Hilfskraft des Professors waren. Die Top 5 der Schwarzen Liste sind solche, die fünf Tage die Woche jobben gehen, da sie kein BaföG bekommen, obwohl die Eltern noch das Haus abbezahlen müssen und sie nicht mehr so viel verdienen wie im für die Berechnung relevanten vorletzten Kalenderjahr. Solche, wo die Mutter an Krebs erkrankt, eine Beziehung in die Brüche und dadurch die Prüfung schief geht. Private und oft schwierige Lebensumstände interessieren heute nun mal niemanden mehr.

Solch Nicht-Gelingen ist unprofessionell, das lernt man früh für das postuniversitäre Leben: Bitte keine persönlichen Schicksale, keine Krankheiten, keine Zeit verschwenden!

Fraglich ist dann nur, warum ein habilitierter Kulturwissenschaftler aus Berlin, mit zig Veröffentlichungen, die im Fach als Standardwerke gelten, exzellentem lückenlosen Lebenslauf, mit jahrelanger Auslandserfahrung und der Bereitschaft, einer festen Anstellung in jede Stadt und jedes Land zu folgen, in den Semesterpausen Arbeitslosengeld beziehen muss. Zwar hat er Lehraufträge, aber zur Professur reicht es nie. Schaut man sich die Anzahl der Ausschreibungen seines Faches an, so dürfte er eigentlich kein Problem haben, eine angemessene Stelle zu finden. Aber die Universitätshaushalte sind erschöpft, nicht mehr flexibel und sparen an allen Ecken. Vielleicht ist das auch ein Grund für den Verlust der universitären Risikofreudigkeit, was Neuanstellungen angeht. Mittlerweile ist in wissenschaftlichen Kreisen bekannt, dass eine Ausschreibung nicht zwangsläufig bedeutet, dass tatsächlich noch jemand gesucht wird. In Wirklichkeit ist es immer wieder so, dass viele Stellen ausgeschrieben werden, obwohl sie bereits haushaltsintern vergeben wurden. Da braucht man dann eben ein wenig Glück, Präsenz und vor allem ein hochgradig gutes Verhältnis zum Institutsdirektor. Dann ist die wissenschaftliche Karriere so sicher, dass nicht einmal nach der Abschlussnote gefragt wird.

Heute bleiben viele doch lieber erstmal »Student«, damit man vom gefühlten sozialen Abstieg wenigstens im Status verschont bleibt. Außerdem gewährleistet einem der Studentenstatus auch die Möglichkeit, ein paar anspruchsvollere und interessante Jobs zu machen, anstatt sich als Absolvent an die ARGE-Schlange zu stellen.

Allerdings liegt der Nicht-Exmatrikulation und dem Nicht-Fertigwerden nicht nur Berechnung zugrunde, sondern ist auch in vielen Fällen das Ergebnis einer unlösbaren Problemspirale.

Gerne wäre der 36-jährige dreifache Vater Michael Z. mit seinem Psychologiestudium fertig geworden, doch da er die Elternzeit nahm, damit seine Freundin ihr Studium zügig beenden konnte, geriet er aus dem Studiumsverkehr und steht heute vor dem Nichts. Die Frau, mittlerweile promovierende Naturwissenschaftlerin, trennt sich, da er erfolglos ist, und will Alimente. Als Mutter bezieht sie verschiedenste Hilfsbezüge, er bekommt nichts und arbeitet die Zeit, in der er studieren müsste, um seine fixen Kosten zu decken. Noch immer kümmert er sich regelmäßig um die Kinder, doch was kann er ihnen bieten? Aus einem leistungsorientierten Medizinerelternhaus kommend, Abitur mit dem Prädikat »sehr gut« und mit bis dato überdurchschnittlichen Studienleistungen, ist er mit 36, zig Semestern für die Kindererziehung und nicht abgeschlossenem Studium weder auf dem Arbeitsmarkt etwas wert, noch an der Uni erwünscht. Die Zeit der Quereinsteiger ist vorbei, also was bleibt ihm?

An dieser Stelle wird man fragen: »Na, was hat er denn dann so viele Kinder?«. In einer Zeit, in der zwar kaum Akademiker/innen Kinder bekommen, sondern eine gepimpte, lückenlose, junge und unabhängige Biografie im Vordergrund steht, sind Lebensläufe wie die Michaels nicht akzeptabel. Genauso unadäquat sind Geschichten wie die von Margit H. Einst war sie eine der wenigen selektierten KunststudentInnen. Sie bekommt früh das erste Kind. Mitten im Studium, im fünften Semester, wird sie erneut schwanger, ein Jahr später stirbt das Kind an plötzlichem Kindstod. Nicht mehr in der Lage, sich auf das Studium zu konzentrieren, pausiert sie ein paar Semester. Ewig blieb sie im Studentenstatus, um sich offen zu lassen, wieder einzusteigen. Heute empfängt sie Hartz IV, verkauft nebenbei ein wenig Kunst, und ihr ebenfalls fast diplomierter Lebensgefährte jobbt auf Baustellen. Wohin mit der persönlichen Realität, die nicht stattfinden darf?

Frederike J. und Franz O. erging es anders, aber nicht besser. Er hat eine abgeschlossene Berufsausbildung und zwei kunstorientierte Fächer erfolgreich studiert. Um sich, nach dieser in Jahren erbrachten intellektuellen und zudem stets selbst finanzierten Leistung, selbst zu verwirklichen, eröffnet er eine kleine Werkstatt für sein Kunsthandwerk. Nebenbei kümmert er sich um die Kinder seiner Lebensgefährtin, die ihr zweites Staatsexamen verpatzte, nun in einem entfernten Ort arbeitet und nur noch drei oder vier Tage die Woche nach Hause kommt. Ein Auto kann sich die Familie nicht leisten, damit die Mutter die Strecke einfacher zurücklegen kann, auch nicht mit dem Hartz IV, das Franz zusätzlich zu seinen Einkünften beziehen muss.

Nun wird man fragen: »Ja was sucht er sich dann nicht eine vernünftige Arbeit, wenn er so hoch qualifiziert ist?«. Vielleicht weil er jahrelang hart gearbeitet und die Leistungen, die unsere Gesellschaft von der Bildungselite erwartet, voll und ganz erbracht hat und nun die Zeit für eine im Grundgesetz verankerte Freiheit auf Entfaltung für ihn gekommen sein müsste? Vielleicht weil er seine Stadt liebt und nicht für einen Job alles aufgeben und umziehen möchte? Vielleicht weil es keine Arbeit für ihn gibt? Vielleicht weil er sich nicht gegen die junge Konkurrenz durchsetzen kann, die mit neuen Idealen an eine Arbeitsstelle herantritt?

Eines dieser Ideale wird in einem Kirchenlied besungen: »Danke für meine Arbeitsstelle«.

Obwohl ich depressiv durch sie bin und mich jeden Tag quäle, unterfordert und schlecht bezahlt bin, die Hierarchien immer härter zu spüren sind, ich jahrelang studiert oder einfach mal kurzzeitig versagt habe und nun eine mir als Individuum unangemessene Arbeit mache, bin ich demütig dankbar, dass ich arbeiten darf?!

Und Hartz IV, für die, die nicht das große Glück einer Arbeitsstelle teilen können, dient dazu, »Menschen schnell wieder in Arbeit zu kriegen« (Bundeskanzlerin Merkel, TV-Duell), ungeachtet dessen, dass sie Individuen sind und in ihnen ein ganz persönliches Potenzial stecken könnte. Traurig für die, die wegen ihrer noch hoffnungsfrohen Immatrikulation keinen Anspruch auf Hartz IV haben und doch bloß auf eine Zukunft, zwar mit Alg-II-Anspruch, aber mit Jahren der befristeten Arbeitsverträge, Projektstellen, Kündigungen, unangebrachten privaten Ereignissen und einer Hungerrente schauen können.

So geht es Millionen Deutschen. Doch irgendwo in der von der Bürokratie abgefertigten Masse lebt mittlerweile auch die immatrikulierte, hochtalentierte, magistrierte, diplomierte, promovierte Bildungselite. Mit genauso wenig Geld, Sicherheit und Perspektiven und noch weniger Kindern als in der Unterschicht. Naja, wen interessiert’s? Hauptsache, die Statistik stimmt und uns bleibt, dass wir studieren dürfen und durften. Die beste Zeit ist die Studienzeit, und die bereitet einen gut vor auf das Leben, in dem die Wohnnebenkostenabrechung einen Nervenzusammenbruch herbeiführt oder der Defekt der Waschmaschine den finanziellen Untergang bedeutet …

Rabah El-Hajj Moussa studierte Ethnologie und Arabistik und arbeitet wie Markus Sziegoleit (Psychologe) im Bibliothekswesen.