Disput

»Das muss gekippt werden«

Zur Rente erst ab 67 und zum »Spaß« von Betriebsratsarbeit. Interview mit Efstathios Michailidis

Kollege Michailidis, seit wann bist du im Betriebsrat?
Seit 18 Jahren. Ich bin Betriebsratsvorsitzender in der Aqua Römer GmbH, einem Mineralwasserunternehmen in Göppingen (Baden-Württemberg), und Konzernbetriebsratsvorsitzender der Brunnen Union Holding.

Was zog dich einst in den Betriebsrat?
Ich war um meinen Lohn betrogen worden. Die falsche Abrechnung hatte ich mehrmals moniert. Als nach drei Monaten die Ausschlussfrist vorbei war, sagte man mir, ich habe zwar recht, aber die Frist wäre nun mal vorbei und weil ich das nur mündlich beanstandet habe, sei das Thema erledigt. Da nahm ich mir vor: Das passiert nicht nur mir nie wieder, sondern niemandem in dem Unternehmen!

Wie viele Beschäftigte hat euer Mineralwasserunternehmen heute?
Aqua Römer hat ungefähr 200. Und in der Brunnen Union Holding arbeiten um die 250 Beschäftigte, vom Schwarzwald bis Schwäbisch Hall.

Seit 1992 bist du immer wieder gewählt worden. Macht die Arbeit noch Spaß?
Spaß ist relativ. Spaß macht es nur, wenn ich merke, ich konnte was bewegen mit oder gegen den Willen des Arbeitgebers für das Wohl der Belegschaft. Dann kann ich zufrieden sein.

Wie hat sich die Tätigkeit im Laufe der Jahre verändert?
Die Zeiten werden für Betriebsräte immer schwieriger. Man muss viel mehr Fachwissen haben, um überhaupt Betriebsrat sein zu können – nicht so wie damals, als schon der Wille ausreichte, sich für die Rechte der Arbeitnehmer einzusetzen. Die Tätigkeit ist immer anspruchsvoller geworden.
Der Abbau der Arbeitnehmerrechte ist fatal für Deutschland. Als Betriebsrat erlebe ich, dass die Fürsorgepflicht des Unternehmers, wie sie im Betriebsverfassungsgesetz festgehalten ist, so gut wie nicht mehr existiert. Die Unternehmen müssen sich zurückbesinnen auf die Verpflichtungen, die sie gegenüber ihren Beschäftigten haben.

Welches Thema beschäftigt euch besonders?
Der Umgang mit den älteren Kolleginnen und Kollegen. Ich beobachte verstärkt, dass sich mit zunehmendem Alter die Krankenquote erhöht – die Arbeitgeber wollen das nicht verstehen. Stattdessen denken sie immer mehr an eine Ausgliederung von Abteilungen, deren Belegschaft überdurchschnittlich alt ist.

Wie akut ist diese Bedrohung?
Sie ist vorhanden. Aber glücklicherweise können wir bei der Aqua Römer auch die Jungen mobilisieren gegen Pläne, auf Kosten unserer Belegschaft fremde Firmen hier einzusetzen. Wir wollen nicht, dass Bereiche ausgegliedert werden. Dazu hatten wir schon eine Aktion. Doch die größte steht uns noch bevor: im Bereich Logistik.

Wie viele Kollegen wären betroffen?
Ungefähr 70.
Leiharbeit im Betrieb verhindern zu können, verschafft einerseits ein gutes Gefühl. Andererseits: Wenn es in Großbetrieben – ob bei Porsche, BMW oder Daimler – tausende Leiharbeiter gibt, muss ich mich doch fragen, was ich denn erreicht habe, wenn ich drei Leiharbeiter verhindere.

Spaß macht's, hast du vorhin gesagt, wenn man was erreichen konnte. Wann hat es dir Spaß gemacht?
Mit unseren Betriebsratsmitgliedern versuche ich ständig, alle Lücken im Sozialsystem, die von der Bundesregierung verursacht wurden, eventuell in diesem kleinen Kosmos der Aqua Römer zu schließen. Ein Beispiel ist die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Per Haus-Tarif ist das Unternehmen verpflichtet worden, die Differenz zum Nettokrankengeld und zum Nettolohn zu zahlen, bis zu 18 Monate, zu 100 Prozent. Damit werden ein bisschen die finanziellen Einbußen ausgeglichen, die die Kolleginnen und Kollegen ja wegen der Arbeit haben – denn sie arbeiten samstags, machen Überstunden, werden krank und sollen dann auf 35 Prozent vom Lohn verzichten, weil die gesetzlichen Krankenkassen nach sechs Wochen nur 65 Prozent bezahlen ... Das ist eine der Sachen, die wir durchgesetzt haben.

Rente erst ab 67 – wie seht ihr das?
Das ist überhaupt nicht umsetzbar. Wir haben keine Kollegin und keinen Kollegen, die oder der 63 oder älter ist. Wenn ich mir die gesundheitliche Situation der Älteren so ab 55 anschaue, weiß ich, das werde ich auch nicht schaffen, das geht nicht. Als Konsequenzen drohen Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Armut, Leiharbeit, all das, was man um uns herum aufgebaut hat in einem sogenannten Sozialstaat.

Welche besonderen Belastungen gibt es bei euch?
Frauen müssen Kisten lupfen (schleppen) – die leere Glaskiste wiegt acht oder neun Kilo. Da kann man sich vorstellen, für Frauen mit 60 ist der Job Tag für Tag fast unmöglich. Männer werden vor allem beim Verladen oder am Förderband belastet. Ab einem bestimmten Alter kann man nicht mehr jeden Tag insgesamt Tonnen lupfen, das ist schier unmöglich.

Ist die »Rente ab 67« noch zu kippen?
Das kann nicht zugelassen werden, das muss gekippt werden. Sonst würden die Menschen regelrecht in Armut getrieben. Hinzu kommt, dass alle älteren Kolleginnen und Kollegen belogen worden sind: Bei Arbeitsantritt hieß es damals, mit 63 gehst du in die Rente, und die Rentenbescheide sagten, mit 63 bekommst du soundsoviel.
Ich werde nicht aufgeben, gegen diese Regelung zu kämpfen. Mittlerweile glaube ich, dass von den Parteien nur DIE LINKE den Versuch unternimmt, die Rente mit 67 zum Kippen zu bringen. Von den anderen Parteien bin ich total enttäuscht.
Mein Fahrlehrer hat immer zu mir gesagt: Wenn du schneller vorankommen willst, musst du dich links einordnen. Das sehe ich auch so, nach dem Motto: Wir müssen die Forderung der LINKEN unterstützen, damit auch die anderen Fraktionen, die so hochnäsig argumentieren, endlich kapieren, wie hart wir arbeiten müssen und dass man das mit 67 nicht mehr kann.

Efstathios Michailidis, 47, kam als Siebenjähriger nach Göppingen. Vater und Sohn arbeiteten bzw. arbeiten ebenfalls bei der Aqua Römer.

Interview: Stefan Richter