Disput

Hummer und Sichel

Auf Helgoland steht die LINKE-Kandidatin Felicitas Weck in der Stichwahl ums Bürgermeisteramt. Impressionen aus dem Wahlkampf

Von Konstanze Kriese

Vergnügt ruft Bodo Ramelow »Hummer und Sichel« und kann sich nicht mehr halten vor Lachen. Es ist Sonntag um 3 auf Helgoland, eine Woche vor der Bürgermeisterwahl am 5. September. Offenbar wurde hier gerade ein inoffizielles Wahlkampfmotto geboren. Und es geht auch gar nicht um einen Bürgermeister, sondern um eine Bürgermeisterin.

Ein ums andere Mal wird das Underground-Motto des Wahlkampfs der Helgoländer LINKEN durch den peitschenden Regen gejagt. Wir stehen fröstelnd, durchnässt und Kuchen schlemmend auf dem Sommerfest der Partei und strahlen übers ganze Gesicht. Wir sind nicht die einzigen und auch nicht die einzigen Berliner, die Felicitas Weck im Wahlkampf unterstützen wollen.

Auf gänzlich LINKE-designfreien Wahlplakaten strahlt unsere Kandidatin auf gelbem Grund und erregt die Gemüter der wachen Helgoländerinnen und Helgoländer. Zwar hat sie an diesem Regensommerfesttag nicht diese blütenweiße Bluse vom Plakat angezogen, sondern steht winddicht eingemummelt unter den großen Schirmen, doch das angriffs- und lebenslustige Strahlen im Gesicht ist dasselbe. Trotz Regens strömen Wählerinnen und Wähler herbei und examinieren die Bürgermeisterkandidatin geradezu. Es ist noch eine Woche bis zur Wahl, die hernach den Helgoländern eine Stichwahl am 26. September bescheren soll. Doch an diesem Sonntag, bei diesem Regen steht solch ein Ergebnis noch in den Sternen.

So will der Taxiunternehmer erst einmal mehr über das ÖPNV-Gesetz wissen. Es gilt nicht auf Helgoland. Das Eiland liegt nun mal über 50 Kilometer vom Festland entfernt und fällt damit aufgrund seiner natürlichen Lage aus jedem sozialen Mobilitätsstandard, den wir Landratten so selbstverständlich nutzen oder auch zu Recht verteidigen. Hier muss etwas geschehen, und unsere Kandidatin sieht hier eines der Projekte, die mit ihrer Hartnäckigkeit, ihrem Durchsetzungsvermögen und ihrer Kompetenz dem Lande Schleswig-Holstein eingehämmert werden müssten. Ein Fährbetrieb, der den Bewohnern und nicht nur den Touristen angemessen ist, darauf warten die Bewohnerinnen und Bewohner schon lange.

Apropos Hammer, das wäre hier vielleicht auch der Hummer. Einen Tag vorm Sommerfest waren die Kandidatin, Bodo Ramelow und unsere Helgoländer bei den Biologen des Alfred Wegner Instituts und hörten von Fischen, die umher schwimmen, von Krebsen, Robben und von Hummern, die gleich mal huckepack schwärmen könnten, wenn genügend Larven genügend Zeit hätten, sich zu häuten, zu wachsen, zu reifen und sich zu vermehren. Wenn eine Hummerpopulation für immer in die Nähe der Insel angesiedelt werden soll, dann bräuchte man auch eine ausreichende Menge Hummereier. Logisch, doch hier waren forschungsgesättigt genaue Zahlen auf dem Tisch, die noch genauere Forschungsmittel, die die Million Euro um einiges übersteigen, nach sich zogen. Kein Hirngespinst, sondern ein folgenreicher Versuch für ein erfolgreiches Ökosystem in der Hochsee. Forschungsmittel aus der Regionenförderung aus Brüssel? Oder besser wieder aus den Wissenschaftsfonds oder gar vom Fischereiwesen? Das muss neu geprüft werden, und das wird geprüft. Kommunalpolitik auf Helgoland, so spürt man gleich, ist ein weites Feld und verlangt weite Sicht und volle Fahrt voraus.

Hammerprominenz. Wie sehen denn die Chancen aus, fragt die geballte Brüsseler Kompetenz in Gestalt Lothar Biskys, Chef der Linksfraktion im Europaparlament, der nicht nur des kräftigen Windes wegen angereist ist. »Wir haben bald eine Bürgermeisterin«, schallt es aus den Motivationstrompeten Gerwin Bastrup und Uwe Menke, die ohnehin schon im Kommunalparlament Dampf machen, in das sie 2006 mit einem grandiosen Wahlergebnis von 16,1 Prozent eingezogen sind. »Wenn wir in die Stichwahl kämen, das wär riesig«, kommt mit nüchternem Blick hinterher. Wir haben spürbaren Zuspruch, Interesse, viele Nachfragen. Eine Woche bleibt noch Zeit, um daraus auch linke Stimmen zu machen. Eine Woche noch. Unseren fünften Wahlkampfflyer werden wir nicht mehr stecken, wir klingeln, wir sprechen alle an. Uns entkommt keiner. Wer in Helgoland vom Oberland zum Unterland und umgekehrt den Fahrstuhl nutzt, trifft ohnehin oft auf Gerwin und damit auf DIE LINKE.

Es wird Zeit, etwas Trockenes anzuziehen, kurz die Heizung im Zimmerchen anzuwerfen. Gleich nach der Ankunft hagelte es tausend kleine Diamanten auf die lange Anna, den trotzigen roten Felsen an der hohen Inselspitze, vor der sich das Lummenparadies befindet. Das Augustwetter war eine einzige Kapriole. Vor Regen ist man an diesem letzten Sonntag im August wahrlich nur im Bunker sicher, und den haben wir auch ausgiebig am frühen Nachmittag besichtigt. Diese Insel atmet überall – und besonders im Bunker – ihre wechselhafte Geschichte. Sie erzählt von Piraten, Badeort und Bomben, von Zerstörung und Wiederbesiedlung. Helgoländer/innen haben ein sehr unmittelbares Verständnis vom unbedingten friedlichen Leben, von Offenheit für andere und Gelassenheit zu sich selbst. Ihr Blick auf die Abwanderungsprobleme, die unbefriedigende Schulsituation ist glasklar.

Eine Woche später, der 5. September – und 30,8 Prozent für unsere Kandidatin! Das ist mehr als ein Achtungserfolg. Das ist ein Hammer. Felicitas Weck hat es in die Stichwahl geschafft. Vor ihr liegt mit 47,5 Prozent Jörg Singer, Unternehmensberater und unterstützt von den Rathausfraktionen von CDU, SPD, FDP und der Wählergemeinschaft IHM.

Jetzt wird es erst richtig spannend. Und Wahlkampfhilfe ist genauso willkommen, wie Wahlkampfspenden gut angelegt sind, denn DIE LINKE ist auf Helgoland schon weit über sich hinausgewachsen, und da gibt es schließlich auch jede Menge Anregungen wieder aufs Festland mitzunehmen. Dass wir für mehr Gerechtigkeit stehen – auch bei scheinbar kleinen Fragen des Alltags –, das wissen schon viele. Dass wir eine transparente Politik machen wollen, mit mehr Bürgerbeteiligung, auch das findet Anklang. Und in Helgoland ist die eine oder andere Idee, manch Projekt realistischer geworden, wenn Felicitas Weck es geduldig erläutert, wie man es anpacken könnte, wie eine Verwaltung funktionieren kann, die für die und mit den Bürgerinnen und Bürgern etwas Neues anpacken will. Das Zutrauen, dass DIE LINKE erfolgreich Politik machen wird, dass wir etwas durchsetzen werden, das ist am Roten Felsen enorm gewachsen.

Wer also schon immer mal nach Helgoland wollte, als Touristin oder angehender Hochseematrose, jetzt gibt noch mehr Gründe, den September zu nutzen und Wählerinnen und Wähler zu überzeugen, dass unsere Kandidatin eine außerordentliche Bürgermeisterin werden kann. Wenn sich der Mond dann sichelförmig über der langen Anna wiegt, die derzeit letzten Hummer um die Badedüne schwärmen, vergessen wir nicht, das Wahlkampfmotto lautet immer noch: »Felicitas Weck ist eine Stimme für Helgoland!«