Disput

Sarrazin gegen das Prekariat

Seine Tritte nach unten sind aber wahrlich kein Tabubruch

Von Daniel Wittmer

Das Buch »Deutschland schafft sich ab« von Thilo Sarrazin ist eine Reise in eine andere Welt. Die Welt sei noch in Ordnung gewesen, als Thilo 15 Jahre alt war, als die BRD »einen Legitimationsgrad und eine Akzeptanz wie niemals in den 150 Jahren zuvor und niemals danach« hatte. Thilo war fleißig und nutzte seine Karrierechancen. Doch eine Verkettung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen sorge seitdem dafür, dass »Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität« gefährdet seien. Und darüber wollte Thilo schreiben.

Verklärung und Pessimismus

Sarrazin weiß, dass markige Sprüche für Aufmerksamkeit sorgen. Worte transportieren Bilder und Bilder bleiben im Kopf. Wenn Sarrazin also über die Abschaffung Deutschlands doziert, dann ist Aufmerksamkeit garantiert. Schließlich ist er kein Ewiggestriger, sondern Vorstandsmitglied der Bundesbank und Mitglied der SPD.

Mal technokratisch, mal mit altertümlichen Begriffen breitet Sarrazin auf über 450 Seiten seine Sicht auf die Welt aus. Es gebe eine deutsche Leistungselite, deren Wertschöpfung von der bildungsfernen Unterschicht – vor allem Migrantinnen und Migranten – untergraben werde. Die Bildungsfernen vermehren sich überdurchschnittlich und deswegen wird Deutschland aussterben. Konkret: Wenn die Özils und Khediras weiterhin Tore für Deutschland schießen, sich dabei gut vermehren und nie in die soziale Hängematte fallen würden, wäre alles gut.

Sarrazin wird von der Angst getrieben, dass Deutschland »kleiner und dümmer« werden würde. »Bleibt die Nettoreproduktionsrate der deutschen autochthonen Bevölkerung dort, wo sie seit 40 Jahren liegt«, meint er, »dann wird im Verlauf der nächsten drei Generationen die Zahl der Deutschen auf 20 Millionen sinken«. Die Beantwortung der Frage, wer zur »autochthonen Bevölkerung« zählt bzw. wer eigentlich deutsch ist, lässt Sarrazin im Buch unbeantwortet.

Auch wenn häufig rassistische Stereotype deutlich werden, argumentiert Sarrazin überwiegend auf der Basis von Elitedenken, Verwertungslogik und Sozialdarwinismus. Beispielsweise spricht er von einer »dysgenischen Wirkung« der demografischen Entwicklung Deutschlands. Danach würden die »qualitativen Verschiebungen in der Geburtenentwicklung« bewirken, dass »der Anteil wie auch die Anzahl der intelligenteren Glieder in der deutschen Gesellschaft abnehmen«. Begründet wird dies mit der überdurchschnittlichen »Nettoreproduktionsrate der bildungsferneren Schichten« und mit der schlechten »Nettoreproduktionsrate der bildungsnahen Schichten beziehungsweise der Mittel- und Oberschicht«. Die nun folgende Logik ist simpel: Bildungsfern bedeutet wenig Intelligenz, bildungsfern vermehrt sich stärker, Deutschland hat sich in 100 Jahren abgeschafft.

Sarrazins Positionen haben eine sichtbar neoliberale Dimension, da Produktivität und Nützlichkeit im Zentrum stehen. Unter dem Motto »Wegezoll für den Weg in den Sozialstaat« zielt er auf eine Neuverteilung der Sozialausgaben zu Ungunsten von – vermeintlich – Leistungsunwilligen ab. Das ist nicht nur die Manifestierung der Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums nach oben, sondern auch eine altbekannte, neoliberale Handlungsweise beim Umgang mit den klammen Haushaltskassen. Im Kern sind für Sarrazin, der das Prekariat verachtet, »muslimische« MigrantInnen und Empfänger/innen von ALG-II-Leistungen austauschbar. Frühere Aussagen zum angeblichen Verhalten von Hartz-IV-BezieherInnen passen in das Schema des Buches, da jene ja zu Hause nur Däumchen drehen würden. Bei MigrantInnen komme dann nur noch die »Eroberung durch Fertilität« hinzu.

Ausflüge und Tischmanieren

Das bisher Erwähnte sorgte in der nun entstandenen öffentlichen Debatte für halbherzige Kritik. Empörung gab es erst mit der Aussage, dass »Juden ein bestimmtes Gen« hätten. Bei bekennenden Rechtsextremisten wäre diese Aussage erklärbar, da über den Umweg des kulturellen Rassismus der Boden für biologische Argumentationen bereitet werden soll. Wenn Sarrazin nur (!) als Tatsachenbehauptung in seinem Buch über Gene, Juden und Intelligenz doziert, so bleibt die Frage: Warum führt er diese (vermeintlichen) Fakten an? Aus Vollständigkeitsgründen?

Aber je länger die Debatte um Sarrazin dauert, umso mehr Unterstützung bekommt er. Eigentlich seien nur die Sprache nicht »tischfein« (Helmut Schmidt) und die »Ausflüge in die völkische Genetik« (Heinz Buschkowsky) übers Ziel hinaus geschossen. Aber ansonsten hätte Sarrazin ja recht. Schließlich liegt Sarrazin begrifflich zwar neben dem Mainstream, inhaltlich aber im Mainstream. So benutzt er einerseits bei der extremen Rechten beliebte Termini (zum Beispiel Schicksal, Volkscharakter), seine Tritte nach unten sind aber wahrlich kein Tabubruch. So entspricht die vor zehn Jahren eingeführte Greencard zur Anwerbung von ausländischen Fachkräften Sarrazins Vorstellungen von brauchbaren MigrantInnen. Und dass Muslime kulturell sowieso nicht nach Deutschland passen würden, ist sicherlich keine Randgruppenmeinung.

Kritik

Sarrazin hat mit seinen Thesen das Bauchgefühl der Öffentlichkeit getroffen. Dem ist mit Gegenargumenten schwer beizukommen. Es gilt also vor allem politische Antworten zu geben. Wer sich über die mangelnde Schulbildung von jungen Menschen aufregt, muss mehr Geld in das Bildungssystem stecken. Wer sich – wie Sarrazin – über das Aufstocken von Niedrigstlöhnen beschwert, muss die entsprechenden Lohndumpinggesetze abschaffen. Prinzipiell geht es – und das ist Sarrazins Denkfehler – um die Verbesserung der Einnahmeseite bei den Steuern. Wer Besitzer von Vermögen und Unternehmen nicht in die Verantwortung nehmen will, der hat eben leere Kassen. Im Kleinen wäre so etwas beispielsweise mit einer Umlagefinanzierung für Ausbildungsplätze machbar. Firmen, die nicht ausbilden, müssten in einen Fond zahlen, aus dem betriebliche Ausbildungsplätze finanziert werden würden. So hätten mehr Jugendliche die Möglichkeit einer ordentlichen Ausbildung, und das Gejammer der Unternehmen über den (vermeintlichen) Fachkräftemangel könnte aufhören.

Daniel Wittmer ist Mitarbeiter im Bereich Politische Bildung der Bundesgeschäftsstelle.

Wenn nicht anders gekennzeichnet, sind alle Zitate aus dem Buch »Deutschland schafft sich ab«.