Disput

Menetekel für die Menschheit

Vor 25 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich das Reaktorunglück von Tschernobyl

Von Dorothée Menzner

Tschernobyl 1986: 400.000 Menschen müssen umgesiedelt werden, 850.000 Liquidatoren arbeiten am explodierten Reaktor, 280.000 Menschen müssen in den am stärksten verstrahlten Gebieten leben, man geht von bis zu 100.000 Todesfällen aus, die mittelbar oder unmittelbar der Reaktorkatastrophe zugeschrieben werden müssen. Allein in der Ukraine leben heute rund zwei Millionen Menschen auf verseuchtem Boden. Die Folgekosten werden auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar geschätzt.

Three Mile Islands 1979: 200.000 Menschen müssen evakuiert werden. In Fukushima wurden bisher 80.000 Menschen evakuiert, Land und Meer um die Reaktorruinen sind verstrahlt. Wie es weitergeht, ist unklar.

Im September 1957 explodierte in Majak in der Sowjetunion ein Tank mit radioaktiven Abfällen. 1.000 Menschen starben, 10.000 wurden verstrahlt. In Sellafield in Großbritannien starben einen Monat später 39 Menschen bei einem Reaktorbrand, mehrere hundert Quadratkilometer wurden verstrahlt.

Bei den vielen Unfällen an Atomreaktoren, die hier gar nicht aufzuzählen sind, wurden erhebliche Mengen Radioaktivität an die Umwelt abgegeben. Und alle diese Unfälle haben eines gemeinsam: Unter den gravierenden Sicherheitsmängeln (oft verursacht durch fahrlässige Kosteneinsparungen oder Schlamperei) und unter der ungezügelten Profitsucht weniger Vorstände in den Industriezentralen haben Hunderttausende Menschen zu leiden, deren Lebensinteressen kaltschnäuzig aufs Spiel gesetzt werden. Nicht nur heute, auch in Zukunft. Zigtausenden Menschen werden Heimat und Existenzgrundlage genommen werden. Tausende Quadratkilometer Agrarland werden von ihren Landwirten aufgegeben werden müssen. Über Generationen hinweg bis in eine ferne Zukunft werden die Menschen mit den Folgen leben müssen, die einige wenige der Heutigen mit ihrem atomaren Albtraum verschulden. Für ein bisschen mehr Profit für die wenigen in der nuklearen Energiewirtschaft gibt unsere Generation Umwelt, Land und Leben preis.

Das Ausmaß an Landverwüstungen, Opferzahlen, katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt und die humanitären Folgen, die allein die zivile Nutzung der Atomenergie zu verantworten hat, hat längst die eines permanenten Krieges erreicht, der sich mit jedem Unfall ausweitet. Mehr noch, die Folgen der radioaktiven Dauerbelastung weit in die kommenden Jahrhunderte hinein und die ungelöste Frage der Atommüllverwahrung vererben wir weiter an unsere Nachkommenschaft. C.G. Weeramantry, Vizepräsident a. D. des Internationalen Gerichtshofes Den Haag, schrieb kurz nach Beginn der Katastrophe von Fukushima in einem offenen Brief an die Umweltminister aller Staaten sehr passend: »Deshalb sind wir die zerstörerischste Generation der Menschheitsgeschichte.«

Es sind immer die Opfer solcher Katastrophen, die danach auch noch deren Kosten selbst tragen müssen. Wenn ein Konzern ein Atomkraftwerk baut und seine Lobbyklientel in den Regierungen ihm dafür die Genehmigung erteilt, dann weiß er, dass er niemals zur Kasse gebeten werden kann, wenn seine Anlage havariert oder explodiert und Tausende verstrahlt werden. – Jeder Autofahrer muss eine Haftpflichtversicherung abschließen. Ein AKW-Betreiber muss das nicht. Keine Versicherung könnte die Folgekosten einer Reaktorkatastrophe bezahlen. Allein in Deutschland wurden bisher über 240 Millionen Euro an Entschädigungsleistungen aus Steuermitteln gezahlt, nur um die wirtschaftlichen Schäden, die der Unfall in Tschernobyl verursacht hat, auszugleichen. In Japan sehen wir den überforderten, ratlosen AKW-Betreiber Tepco, der mit Vertuschung, Beschwichtigung, Beschönigung und völlig absurden Entschädigungsversprechungen versucht, die humanitäre und ökologische Katastrophe beherrschbar erscheinen zu lassen. Die japanische Regierung indes beklagt sich über Informationsmangel und Schlamperei und ist doch selbst nicht gewillt, rigoros für Aufklärung zu sorgen. Wieder sind es die Menschen, die im Stich gelassen werden und mit den Folgen leben und an ihnen sterben müssen.

Die Entscheidung für Hochrisikotechnologien wie Atomkraftnutzung, die Verpressung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS), die Offshore-Ölförderung oder die Förderung von unkonventionellem Erdgas mit ökologisch desaströsen Folgen betrifft die Mehrheit der Menschen. In Österreich hat ein Volksentscheid dazu geführt, dass Atomkraft mit Verfassungsrang verboten wurde. Wenn in Deutschland von Demokratie die Rede ist, dann sollten die Menschen auch bei uns befragt werden, ob sie diese Hochrisikotechnologie wollen. Die Mehrheit hier ist inzwischen längst für ein Atomkraftverbot. Jedes Zögern, das die Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke unnötig hinausschiebt, ob von Bundesregierung oder Industrie, ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die nicht mehr bereit sind, die Restrisiken mitzutragen, und ein Bruch mit der im Grundgesetz festgeschriebenen Generationengerechtigkeit. Die scheinbare Kehrtwende der Bundesregierung in der Atompolitik ist indes nichts weiter als ein Wahlkampfmanöver.

Solche Respektlosigkeit verhöhnt die Opfer von Tschernobyl und Fukushima und macht wieder einmal deutlich, dass der Einfluss von Lobbyisten auf Parlament und Regierung heute an Korruption grenzt. Die Gesellschaft unseres Landes kann es sich jetzt nicht mehr leisten, grundlegende Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge in der Hand von vier Großkonzernen zu belassen. Je mehr Kommunen und Stadtwerke auf Erneuerbare Energien umschwenken, je mehr Haushalte ihren Stromanbieter wechseln, desto mehr wird die monolithische Marktmacht der vier großen Betreiber geschwächt. Gleichzeitig muss durch kreativen Protest auf der Straße und bei Hunderten Mahnwachen im Land Druck auf die Politik ausgeübt werden, damit sie endlich den gesetzlichen Rahmen schafft, alle Atomkraftwerke in diesem Land unverzüglich abzuschalten. Denn erst wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz genommen und in seine Einzelteile zerlegt wurde und wenn die Verwahrung des Atommülls zumindest ansatzweise gesichert werden kann, sind die Restrisiken minimiert. Und erst dann werden wir den Opfern in Tschernobyl und Fukushima gerecht und haben ihre Botschaft verstanden.

Dorothée Menzner ist energiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.