Disput

Sommerloch?

Feuilleton

Von Jens Jansen

Ein Loch wird dadurch zum Loch, dass ringsum etwas ist, was an seiner Stelle nicht ist. Oft handelt es sich um heiße Luft. Das von allen Medien gefürchtete Sommerloch in der Pause von Parlament und Politik ist oft die große Zeit der Hinterbänkler, die auch mal mit Schlagzeile und Foto auf Seite 1 kommen möchten. Anders in diesem Sommer. Da gab es echte Naturkatastrophen, echte Finanzkatastrophen, echte Sportkatastrophen, echte Massenmorde, echte soziale Grausamkeiten!

Andauernder Stark-Regen an der Küste und in den Bergen. Städte und Dörfer knietief im Wasser. Mangel an Geld und Material, um alle Schäden abzudecken. Gut, wir sind zwar eine Überflussgesellschaft, aber das muss man doch nicht wörtlich nehmen! Und als Beweis für den Klimawandel zählt das auch nicht. Geregnet hat es früher auch. Allerdings werden die Katastrophen häufiger und heftiger, aber erst mal abwarten ...

Die USA standen am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Na so was! Die stärkste Supermacht geht in die Knie? Ja, klar, wenn sie mehr ausgibt, als sie hat: für Kriege in aller Welt, für Prestigeobjekte der Rüstung und Forschung, für den Nachholbedarf an sozialen Standards, für die Eindämmung der Erwerbslosigkeit und Armut im Lande. Und welch ein Schaukampf als Wahlkampf, ob man das fehlende Geld von den Reichen oder von den Armen holen soll. Wir alle kennen die Antwort nach der Logik des Kapitalismus.

Deutschland gibt das Beispiel. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mitteilte, hatten die untersten Einkommensgruppen 2010 etwa 16 bis 22 Prozent weniger Geld in der Tasche als zehn Jahre davor! Nur bei den Besserverdienenden gab es ein Plus. Ein Triumph der Hartz-Reformen, der Leiharbeit und Minijobs! Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!

Der Leuchtturm deutscher Zahlungsfähigkeit und Gewinnmaximierung, Herr Ackermann als Chef der Deutschen Bank, teilte mit, dass er seinen Schreibtisch räumt. Das Geschäft wird immer härter, die Unberechenbarkeiten immer größer, die Wunsch-Dividende von 25 Prozent immer dubioser. Außerdem lauern da zwei Herren auf Beförderung. Und er bleibt ja als Chef des Aufsichtsrates ein Weichensteller zwischen Politik und Kapital. Auch wenn solche Personalpolitik die Statuten verbiegt. Die Kanzlerin seufzte erleichtert.

Aber die Fußballfrauen sind eingegangen, und die Schwimmer sind abgesoffen! Sportkatastrophen wirken wie Flutwelle plus Kernschmelze an den deutschen Stammtischen. Und die, die das dann zum Schicksalsschlag und Problem für das Seelenheil des ganzen Volkes machen, wollen nicht wahrhaben, dass sie das Problem sind. Wer die Erwartungen übersteigert, muss die Enttäuschungen verdauen können. Andere Völker haben auch Sportskanonen. Deren Leistungsvermögen ist vorher nachlesbar. Ebenso ist bekannt, dass der Rucksack des selbst ernannten Favoriten die Leistungen drosseln kann. Unter den Schlägen falscher Schlagzeilen wird selbst die Bronzemedaille zu Blech. Aber die Höhe eines Podestes hängt immer von der Breite seiner Basis ab. Da hapert es!

Nach der Schießerei auf Jungsozialisten in Norwegen sollen nun Psychologen herausfinden, ob der Kerl zurechnungsfähig ist. Bei seinem Manifest über tausend Seiten mit wüsten Tiraden gegen Moslems und Linke war er es. Bei der Tätowierung des Schwurs auf seinem Arm »Vernichtung der Marxisten« war er es auch. Auch bei den Aufnahmen im Kostüm der Kreuzritter. Auch bei der Vorbereitung mit Sprengstoff, Waffen und Munition. Die rechte Schlagseite des Mannes wird zwar von vielen Medien mit dem Trauerflor kaschiert, aber sie passt doch erschreckend zu dem gesellschaftspolitischen Hintergrund in vielen europäischen Ländern. Der deutsche Innenminister hat sofort die verschärfte Beobachtung der Rechts- und Linksextremisten angekündigt. Diese Zweiäugigkeit scheint aber im Ansatz ziemlich einäugig.

Am Horn von Afrika verhungern Zehntausende Dürreopfer. Das erste Transportflugzeug mit Hilfsgütern brauchte drei Wochen. Die Bomber nach Libyen brauchten nur vier Tage. Plattmachen klappt besser als Sattmachen.

Die Kanzlerin versprach spontan eine Million, dann fünf, dann mehr. Die Medien sammelten erst zwei Millionen, dann vier, dann mehr. Experten schätzen, dass mit 40 Millionen Dollar die schwerste Hungerkrise des Jahrhunderts zu verhindern war. Das ist heutzutage die Ablösesumme für einen Fußballstar.

Aber Sport hatten wir ja schon.

Das Sommerloch in Deutschland war mit viel Regen gefüllt. Es roch genau so muffig wie die Brühe ringsum. Aber im Herbst wird der Wind auffrischen!