Disput

Zuversicht im Regen

Vom Wahlkampfstart am 14. August in Rostock

Mit den ersten Beats von »44 Leningrad« setzt der Regen in der Rostocker Innenstadt ein. Erst Tropfen für Tropfen, dann dichter und dichter, schließlich als mittelstarker Dauerregen. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Nach einem erfolgreichen Parteitag startet Mecklenburg-Vorpommerns LINKE den Wahlkampf mit russischem Volkslieder-Punk und der eigenen Politik. Die Direktkandidaten aus der Hansestadt nennen auf der Bühne ihre konkreten Pläne, Ida Schillen beispielsweise mehr Lehrerinnen und Lehrer, vor allem Soziallehrer, sowie die Unterstützung für die Kleingärtner in ihrem Wahlkreis. Den großen Blick aufs weite Land richtet Spitzenkandidat Helmut Holter. Heftig kritisiert er zunächst die jetzige SPD-CDU-Regierung: Ministerpräsident Sellering ist beliebig, es gibt keinerlei aktive Arbeitsmarktpolitik, der Innenminister vertritt eine verheerende Kommunalpolitik, Theater stehen kurz vor der Insolvenz ... Als wesentliche Ursache für diese Bilanz macht Holter die Gefangenschaft der SPD in den Fesseln der CDU aus: Wir müssen die SPD aus dieser Gefangenschaft befreien. Dafür brauchen wir einen Politikwechsel, dafür brauchen wir eine starke LINKE. In den acht Jahren linker Regierungsbeteiligung (bis 2006) habe man das Land zum Besseren verändert. Beispiele? Die Schulsozialarbeiter-Initiative, der öffentliche Beschäftigungssektor, der gemeinsame Unterricht bis Klasse sechs, die Aufnahme des Konnexitätsprinzips in die Landesverfassung (Wenn Aufgaben vom Land auf die Kommunen übertragen werden, muss das entsprechende Geld mitgehen), das Programm »Für Demokratie und Toleranz«, ein Umweltminister (Wolfgang Methling), der »so manchen Grünen rot werden ließ« ... Sowohl in der Regierung als auch jetzt in der Opposition habe DIE LINKE bewiesen, dass sie sehr widerständlerisch sein kann, dass sie kritisch ist, aber auch konstruktiv. Sie sei bereit und fähig, in Regierungsverantwortung eine andere Politik durchzusetzen.

Der Regen strömt, das Publikum hält aus, DIE LINKE auf dem Universitätsplatz bleibt standhaft.

Gregor Gysi, der Fraktionsvorsitzende aus dem Bundestag, prangerte vor allem an, dass 45 Prozent aller Beschäftigten im Nordosten zu Niedriglöhnen arbeiten müssen, bei den Bis-25-Jährigen seien es sogar 75 Prozent. »Das gibt es in keinem anderen Bundesland. Das haben Schwarz und Rot hier angerichtet. Deshalb brauchen wir hier richtig Rot.« Auch für Berlin erwartet er ein gutes Ergebnis – als Signal an die übrigen Bundestagsparteien. Alle anderen vier Fraktionen seien zum Beispiel der Meinung, man müsse Terror mittels Krieg bekämpfen in Afghanistan. »Jedes Jahr geben wir dort eine Milliarde Euro aus. Und jedes Jahr sterben dort durch deutsche Kugeln afghanische Zivilistinnen und Zivilisten, und es sterben deutsche Soldaten. Alles sinnlos. Das ist der falsche Weg. So erzeugt man nicht weniger, sondern mehr Terrorismus. Von Anfang an hat DIE LINKE das gesagt. Nur eine Stimme für DIE LINKE ist eine Stimme gegen den Krieg in Afghanistan.«

Auf einem Riesentransparent neben der Bühne ist zu lesen: »Kein Krieg. Niemals! Mit uns. DIE LINKE«. Und ganz oben, in 15 Meter Höhe, hält Wahlkampfleiter André Brie drei Regenstunden lang aus. Wenn das kein gutes Omen ist.

Stefan Richter