Disput

Multi-resistent

Feuilleton

Von Jens Jansen

Wieder sind die Medien die Nestbeschmutzer unseres stolzen Vaterlandes! Nach dem großartigen Sieg über die EHEC-Seuche jammern sie nun, dass die Keime des multi-resistenten Nazigeistes auch nach 65 Jahren nicht gefunden wurden. Obwohl die Zahl der Todesopfer ungleich höher ist! Aber deshalb zu behaupten, dass an den Terrorakten der Nazis auch eine Hundertschaft der Verfassungsschützer indirekt beteiligt sei, das ist doch infam! Ja gut, der eine Leitwolf der Schlapphüte hat sich den Namen »Klein-Adolf« erarbeitet. Aber Doppelagenten müssen sich eben durch besonderen Eifer das Vertrauen erwerben. Nur so konnten auch alle Untaten im Internet gefeiert werden, ohne dass jemand den Stecker rauszog.

Doch dann wurde Prof. Bräunlich vom »Institut für Spurensuche bei Braunfäule« mit einer Analyse des Mikro-Klimas bei NPD-Parteitagen beauftragt. Dazu hatte sein Assistent eine sterile Literdose mit Saalluft von dieser Tagung zu füllen, um in einer Spektralanalyse zu prüfen, welche Substanzen den Ausbruch von Hass und Gewalt fördern. Möglich, dass das Gift nicht in den Köpfen der Kameraden, sondern in der Klimaanlage nistet?

Prof. Bräunlich extrahierte gewissenhaft den Inhalt der Duftprobe. Er fand drei Wirkstoffe, die in 33- bis 45-facher Menge der internationalen Grenzwerte in der Saalluft enthalten waren: Chauvinismus, der in kristalliner Form auch als Rassismus erkennbar war, Hordengeist mit Nitroglyzerin als Bindemittel sowie dunkelbraune Stammzellen des Multi-resistenten Antikommunismus. Das erklärt, warum Linke, Juden und Muslime die Zielgruppen sind.

Inzwischen hatten aber die laufenden Ermittlungen zur »Zwickauer Zelle« ganz andere Fragen aufgeworfen, die auch im Institut von Prof. Bräunlich diskutiert wurden, zum Beispiel: Wenn neun Menschen innerhalb von sechs Jahren nach gleichem Muster mit derselben Pistole ermordet werden, dann findet doch jeder Privatdetektiv eine Spur?

Gewiss doch, meinte der Professor, aber die staatlichen Organe arbeiten eben gründlicher und das dauert länger!

Wie konnte man die Untaten unter »Döner-Morde« registrieren, obwohl nur zwei der Ermordeten in Döner-Buden gearbeitet haben? So wurde doch der Verdacht auf ausländische Schutzgelderpresser gelenkt, statt auf einheimische Nazis. Aber der Professor entgegnete, dass der Verfassungsschutz keine Hinweise auf einen rechten Terrorismus hat. Der Hauptfend steht links!

Wenn die Medien den Anteil der Staatsdiener unter den rechtsradikalen Funktionären auf 15 Prozent schätzen, waren das nun Hinderer oder Helfer?

So fragen nur Laien, sagte der Professor. Natürlich ist der Eifer der V-Leute die beste Tarnung. Die müssen mal was springen lassen vor die Springerstiefel!

Und warum fand nach neun Morden und 14 Banküberfällen kein Datenabgleich der zuständigen Landesbehörden statt? Weil das Sparprogramm kneift!

Und wer nun auf das Potsdamer Abkommen der Siegermächte hinweist und die »Braunfäule« an Haupt und Gliedern dieses Staates beklagt, der sollte gefälligst zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland das Büßerhemd abgelegt hat. Wir sind wieder wer! Europa spricht Deutsch! Wir sind Papst!

Die Debatten machten Prof. Bräunlich sehr nervös. Seinen Assistenten aber auch. Der sah sich dann zu einem Geständnis genötigt: Er habe beim NPD-Parteitag keinen Einlass gefunden. Als er dennoch versuchte, die Dose mit Saalluft zu füllen, habe man ihn verprügelt. Er sei dann zum Verfassungsschutz gegangen, um sich zu beschweren. Dort habe er in der Kantine lange warten müssen. Da kam ihm die Idee, jene Dose ersatzweise mit der dortigen Saalluft zu füllen, um nicht mit leeren Händen zum Professor zu kommen. Mithin seien jene bösartigen Schadstoffe nicht den Neonazis zuzuschreiben, sondern ihren Verfolgern.

Der Professor bekam einen Tobsuchtsanfall: Wenn das rauskommt! Natürlich wusste er, dass viele Stützen des Dritten Reiches am Aufbau der Bundesrepublik beteiligt waren – Heerführer, Wehrwirtschaftsführer, Hochschullehrer, Geheimdienstler, Diplomaten und Richter. Wo die Altnazis in Rente gingen, rückten ihre Meisterschüler nach. Die ständige Beweihräucherung des Nazireiches und die Verteufelung des Kommunismus machten die Mehrzahl ihrer Untergebenen auf dem rechten Auge blind. Und je mehr Beweise es dafür gibt, umso heftiger wird das bestritten. Deshalb durfte nun auf keinen Fall die Duftprobe aus der Kantine der Geheimdienstler ruchbar werden. Prof. Bräunlich handelte so, wie man es von einem Staatsdiener erwartet – der Assistent wurde fristlos entlassen!