Disput

Heißer Tee

Ein Bündnis protestiert in Rostock gegen Sozialabbau

Von Stefan Richter

Die Leute müssten mehr zusammenhalten. Ralf Malachowski urteilt ruhig, nicht resigniert. Er steht am Tisch mit der LINKE-Fahne, am Anfang (oder Ende) einer Reihe von Tischen. Auf ihnen Flugblätter und Thermoskannen, vor ihnen ein Transparent: »Heißer Tee gegen soziale Kälte«. Eine Aktion gegen Sozialabbau. Der DGB hat hier den Hut auf. Regionsvorsitzender Thomas Fröde erklärt übers Mikrofon, sie würden die Proteste gegen Leiharbeit und Niedriglöhne fortsetzen, Mecklenburg-Vorpommern dürfe kein Sozialdumpingland bleiben und die Bundesregierung solle erkennen, dass ihre unsoziale Politik von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werde.

Eine Minderheit tritt an diesem lausig kalten Donnerstagmittag an die Tische, greift nach einem der Becher mit heißem Tee (der schon bald ausgeschenkt ist) und vereinzelt nach einem der Flugblätter.

Viele Passanten nehmen den Protest allenfalls zur Kenntnis, schnappen ein paar Fetzen der kurzen Ansprache auf. Ein Vorbeigehender sagt: »Ach, DIE LINKE!«. Es klingt wie: Wer denn sonst?

Ralf spricht Leute geduldig an: »Darf ich Ihnen was zu lesen geben?« – »Ne!«, antwortet eine ältere Frau, »ich lese nicht.« Ralf nimmt’s gelassen, er steht nicht zum ersten Mal an einem Stand. Über die Montagsdemonstrationen kam er vor Jahren zur WASG und mit ihr in DIE LINKE. Der gelernte Maurer, noch keine 50, war Kraftfahrer, ist seit einigen Jahren erwerbsunfähig und hat nun, notgedrungen, reichlich Zeit. Er ist im Stadtvorstand und im Landesvorstand, ist unterwegs bei Demonstrationen und Aktionen. Wie hier in der Rostocker Fußgängerzone. Er will, dass Hartz IV wegkommt und dass es einen Mindestlohn gibt, von dem man leben kann. Und leben bedeutet für ihn, auch mal ins Theater gehen zu können oder in einen aktuellen Film und nicht bloß in einen alten, für den die Kinokarte billiger ist. Gegen Armut und Ungerechtigkeiten müsse man was tun, umso mehr, als Ralf jeden Tag erlebt, wie im Alltag viele völlig resigniert haben.

Vor Monaten hieß es in Lütten-Klein »Sparpaket in den Müll!« und auf dem Neuen Markt: »Wir geben das letzte Hemd«. Das Motto variiert, das Anliegen des Bündnisses bleibt. Und weil, wie Kollege Fröde einräumt, die Mobilisierung im »heißen Herbst« kritisch zu sehen sei, würden sie erneut hier stehen, um zu bekunden: Wir machen weiter, wir müssen weitermachen: »Nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit hoch. Das Schlimme ist, dass inzwischen, nachdem sich die Wirtschaft wieder gefangen hat, Leiharbeit wieder an erster Stelle steht. Es gibt Betriebe mit bis zu 30 Prozent Leiharbeiter. Der Anteil ist höher als vor der Krise.«

Dem Bündnis gegen Sozialabbau gehören neben Gewerkschaften und Vereinen Parteien an, von denen ist an diesem Tag einzig DIE LINKE am Platz. Auch dank Ralf Malachowski.