Disput

Wie Bob der Baumeister

Ein klein wenig mehr Gerechtigkeit, ein klein wenig mehr Miteinander als Gegeneinander, Achtsamkeit auf unsere Kinder und die Umwelt

Von Ingrid Aigner, Kandidatin im Wahlkreis 35 Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz)

Manchmal frage ich mich, warum ich mir dies antue: meine Mitgliedschaft und die viele Arbeit für DIE LINKE. Beschimpfungen, die ich mir immer wieder anhören muss, oft gar von den eigenen Genossinnen und Genossen. Die beruflichen Nachteile, die ich in Kauf nehmen musste aufgrund meiner Parteizugehörigkeit und meines Engagements. Ich will gar nicht anfangen, alle Nachteile aufzuzählen, dann würden meine 6.000 Zeichen nicht reichen, mit denen ich hier auskommen soll. Und im Grunde will ich mir all das auch gar nicht vor Augen führen. Denn – so oder so – ich komme immer wieder zu dem Ergebnis: Das Positive überwiegt trotz allem bei Weitem für mich. Und: Es ist wichtiger denn je, dass es eine Partei wie DIE LINKE gibt.

Die Arbeit in der Partei nimmt viel Platz in meinem Leben ein. Einen mir sehr wichtigen Platz. Ich weiß, dass wir die Welt nicht ändern können und dass Menschen sind, wie sie sind. Trotzdem möchte ich dazu beitragen, dass die Welt – zumindest ein bisschen – besser wird. Ein klein wenig mehr Gerechtigkeit, ein klein wenig mehr Miteinander als Gegeneinander, Achtsamkeit auf unsere Kinder und die Umwelt, keine Kriege mehr auf Erden, das wäre schon so viel. DIE LINKE ist die einzige Partei, die von Anfang an gegen den Krieg in Afghanistan war. Allein aus diesem Grund ist DIE LINKE für mich die einzige Partei, der ich beitreten konnte. Auch wenn es schön wäre, wenn manche meiner GenossInnen in der Partei lernen würden, dass Kriege im Kleinen beginnen, auch bei uns. Aber ich kann mich noch sehr gut an die Gründungszeiten der Grünen erinnern. Auch da gab es viele Graben-, Macht- und Hahnenkämpfe. Ich hoffe nur, dass DIE LINKE niemals ihre Wurzeln so vergisst, wie es die Grünen taten.

Leider ist nicht selten – auch in unserer Partei – zu beobachten, dass Menschen, klettern sie die Karriereleiter hoch, vergessen, von wo sie kommen. Und dies stimmt mich traurig. DIE LINKE darf nie vergessen, von wo und wem sie kommt. Wir sind nicht nur die Partei der Hartz-IV-Empfänger/innen, wie wir oftmals gerne gesehen werden. Wir sind die Partei der sozialen Gerechtigkeit, der Chancengleichheit und des Friedens.

Chancengleichheit, ganz besonders für Frauen, ist eines der für mich wichtigsten Themen. Frauen sind immer noch in vielen Punkten benachteiligt. Auch weiß ich als Mutter von vier erwachsenen Söhnen, die ich weitgehend allein groß gezogen habe, was es für Kinder heißt, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem das Geld knapp ist. Wie viel Kraft es kostet, um alles kämpfen zu müssen. Um Wohnung, Arbeit, Hort- und Krippenplatz. Was mich aber immer wieder entsetzt: Die Situation, ganz besonders für allein Erziehende, hat sich nicht verbessert, sondern verschlimmert. Jedes fünfte Kind lebt heute in Armut, besonders betroffen hiervon sind Kinder von allein Erziehenden.

In was für einem Land leben wir eigentlich, wenn – wie kürzlich berichtet – eine Schwangere zur Arbeit in einer Großküche gezwungen wird und bei Verweigerung ihre Hartz-IV-Bezüge gestrichen werden? In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn Frauen nicht frei entscheiden dürfen, ob sie ein Kind austragen wollen oder die Schwangerschaft abbrechen? Stattdessen werden sie zu Zwangsberatungen geschickt. Wie die Hilfen aussehen, sind die Kinder erst auf der Welt, sehen wir jeden Tag. Vor der Arge, vor den Tafeln, vor den Suppenküchen. Wo bleibt hier die Chancengleichheit? Stattdessen wird über Bildungsgutscheine, Bildungspakete und ähnlichen Unsinn diskutiert. Wo bleibt das Nächstliegende? Ganztagsschulen mit qualitativ gutem und ausgewogenem kostenfreien Mittagessen. Lehrmittelfreiheit und kostenlose Schüler/innenbeförderung. Warum funktioniert so etwas in anderen Ländern und bei uns nicht? In diesem unserem Lande ist die Angst vor allem, was nur den Hauch von Sozialismus haben könnte, so groß, dass alles versucht wird, dies schnell zu »kapitalisieren«. Was auch immer wir zum Beispiel an finanziellen Hilfen irgendwo beantragen müssen, alles muss belegt und nachgewiesen werden, ob wir auch entsprechend bedürftig sind. Und wenn, dann nur »unverschuldet«. Wer wann wo und weshalb Schuld hat, das wird von anderen bestimmt. Nach kapitalistischen Gesichtspunkten.

Kürzlich wurde bei uns ein Gesundheitszentrum eröffnet. Sehr chic. Viele Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach, Apotheke, Sanitätshaus usw. Früher wurde so was Poliklinik genannt und vom Westen als schlecht weil sozialistisch empfunden. Na denn, wenn es als Gesundheitszentrum besser sein soll, weil’s im Westen steht. Außer dass immer mehr unserer Mitmenschen vor den Türen dieser Gesundheitszentren stehen müssen, weil sie nicht mehr krankenversichert sind.

Ja, und wenn ich jetzt hier weiter machen würde, dann bräuchte ich keine 6.000, sondern 600.000 Zeichen. Und deswegen engagiere ich mich in der LINKEN. Ich möchte nicht hilflos mit ansehen, wie unser Sozialsystem systematisch kaputt gemacht wird. Wie der Kapitalismus gepriesen wird, obwohl wir alle sehen, wie viele Menschen er auf der Stecke lässt. Wie viele Kriege er verursacht. Wie er die Umwelt zerstört. Unsere Ressourcen verbraucht, endgültig. Menschen und deren Arbeitskraft und Gesundheit ausbeutet. Ich engagiere mich in der LINKEN, weil ich durch sie ein Sprachrohr habe. Ich möchte auf andere Menschen zugehen. Ich möchte auf demokratische und friedliche Weise unsere Gesellschaft ein Stück verändern und menschlicher machen. Ich möchte, dass die Lebensqualität für alle, Menschen und Tiere, verbessert wird. Ich möchte, dass jeder Mensch die Gaben und Fähigkeiten, die er hat, auch leben kann. Und ich möchte, so wie Bob der Baumeister und Obama, sagen können: Yes, we can!