Disput

Politik des Kulturellen

Die Kulturgesellschaft politisiert die Bürgerinnen und Bürger durch Mobilisierung ihrer Lern- und Handlungsbereitschaft

Von Jochen Mattern

Das »K« in DIE LINKE sollte für Kultur stehen, meinen die Kulturpolitiker/innen unserer Partei. Deshalb darf das Thema in der Programmdebatte nicht fehlen. Die Ständige Kulturpolitische Konferenz (Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur der LINKEN) hat schon im Herbst 2010 einen Vorschlag für einen neuen Kulturabschnitt eingebracht. In ihm setzt sie sich auch kritisch mit dem Begriff der Kulturgesellschaft und seiner Verwendung im Programm auseinander. Jochen Mattern, parlamentarisch-wissenschaftlicher Berater in der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, geht im folgenden Beitrag der Frage nach, ob und in welcher Weise der Begriff Kulturgesellschaft zur Beschreibung unserer gesellschaftlichen Ziele tauglich ist.

Kann die »Kulturgesellschaft«, wie der Programmentwurf formuliert, die Basis für Emanzipation sein, oder muss es nicht umgekehrt heißen, die Kulturgesellschaft ist das Ziel emanzipatorischer Kämpfe? Bezeichnet der Terminus Kulturgesellschaft ein gesellschaftliches Reformprojekt oder einen gegebenen gesellschaftlichen Zustand? Und was ist überhaupt eine Kulturgesellschaft? Im Abschnitt IV des Programmentwurfs, der »Linke Reformprojekte – Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung« auflistet, ist von einer »Wissens- und Kulturgesellschaft« die Rede. Die Doppelbezeichnung zeugt von einiger Unklarheit in der Gesellschaftsdiagnose, denn eine Wissens- und eine Kulturgesellschaft sind keineswegs miteinander identisch. Offenbar macht der Programmentwurf an der Stelle eine reichlich ungenaue Anleihe bei dem französischen Sozialphilosophen André Gorz (1923-2007), der das Konzept der Kulturgesellschaft in seinem 2004 publizierten Buch: »Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie« entworfen hat. Seiner Analyse zufolge bezeichnet der Terminus ein Transformationsprojekt als Konsequenz seiner Kritik an der herrschenden Wissensökonomie. Die Kulturgesellschaft bestimmt Gorz zunächst ganz im marxschen Sinne als eine, »die die volle Entfaltung jedes Einzelnen zum Ziel hat«, um sodann auszuführen, dass sie sich »die Kultur im Sinne von Bildung zur Aufgabe mach(e) und als wichtigsten Wert verfolg(e)«. Unter Bildung versteht Gorz schließlich »die Ausbildung unserer Ausdrucksfähigkeit und unserer sensorischen, emotionalen und körperlichen Fähigkeiten«. Kultur und Bildung erfahren also in Gorz’ Gesellschaftsszenario eine erhebliche Aufwertung. Sie gelten, wenn man die Wissenschaft hinzuzieht, als immaterielle Produktivkräfte, von deren Mobilisierung die Zukunft moderner Gesellschaften abhängt.

Mit seiner Konzeption der Kulturgesellschaft antwortet der Sozialphilosoph auf aktuelle Veränderungen in der Produktions- und in den Lebensweisen. Demnach ist der gegenwärtige Kapitalismus zur Optimierung ökonomischer Prozesse immer stärker auf »weiche« soziokulturelle (lebensweltliche) Ressourcen angewiesen. Die postfordistische Produktionsweise verlangt den Beschäftigten kommunikative und kooperative Fähigkeiten ab, eine hohe Problemlösungsfähigkeit, überdurchschnittliches Engagement und eine hohe Arbeitsmotivation. (Von »Produktionsintellektuellen« spricht Frigga Haug.) Diese außerökonomischen Faktoren sind Ausdruck einer Stärkung der kommunikativen und kooperativen Dimension der Arbeit, hinter der das instrumentelle Handeln, informatorisches Wissen und Arbeitsroutine zurücktreten. Dies hat Folgen für die Lebensweise der Menschen. Denn bei den erforderlichen sozialen und kulturellen Kompetenzen handelt es sich um ein »lebendiges Wissen« (André Gorz), das sich nur schwer formalisieren lässt. Man erwirbt es eher außerhalb traditioneller Bildungseinrichtungen im tagtäglichen Umgang mit anderen Menschen. Aus dem Grunde trachtet der »kulturelle Kapitalismus« (Sighard Neckel) danach, die produktiven und reproduktiven Lebensäußerungen der Menschen in ihrer Gänze zu erfassen und in den Produktionsprozess einzubeziehen. Tendenziell gerät das ganze Leben zu einem Produktionsfaktor (Humankapital). Der Alltag bildet nicht länger das Außen der Arbeit, sondern ist deren immanenter Bestandteil. Mittels der Humankapitalstrategie erfassen Staat und Wirtschaft die Produktion des eigenen Selbst in der alltäglichen Lebenswelt und versuchen sie den ökonomischen Erfordernissen gemäß zu optimieren. Hieraus erklärt sich das Interesse an den schulischen Kompetenztests, in denen die sogenannten Schlüsselqualifikationen gemessen werden. Davon versprechen sich Politik und Wirtschaft Auskunft über die Qualität des Humankapitals und erhoffen sich dementsprechende Steuerungsimpulse, um das vorhandene Humankapital optimieren zu können.

Lebensweltlicher Ansatz

Die Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit, in der sich objektive Anforderungen an die Subjekte mit einem Gewinn an individueller Freiheit und Selbstbestimmung in paradoxer Weise mischen, birgt das Potenzial in sich, das die Basis für die im Programmentwurf angesprochenen emanzipatorischen Kämpfe abgibt. Der Zuwachs an lebendigem Wissen, an kommunikativen und kooperativen Fähigkeiten, wie sie der Postfordismus erfordert, eröffnet den Individuen die Option zu verstärkter Reflexion über sich selbst und die Gesellschaft. Das erlaubt den Abbau privatkapitalistischer Fremdkontrolle der Individuen und deren Ablösung durch die Eigenkontrolle als das Befolgen selbst aufgestellter Regeln. Eine emanzipatorische Politik tendiert deswegen zu einer »Politik des Kulturellen«, die sich auf die (kulturellen) Alltagspraktiken und Lebensweisen der Menschen bezieht, allerdings aus anderen Motiven als bloß ökonomischen. Es handelt sich um einen lebensweltlichen Politik- und Strategieansatz, der die Subjekte zu stärken trachtet.

Die Idee der Kulturgesellschaft widerspricht dem neoliberalen Ansinnen, marktwirtschaftliche Prinzipien auf sämtliche Teilbereiche der Gesellschaft zu übertragen. Auf die Entpolitisierung der Gesellschaft antwortet die Kulturgesellschaft mit einer Politisierung der Bürgerinnen und Bürger durch die Mobilisierung ihrer Lern- und Handlungsbereitschaft. Das schließt institutionelle Veränderungen durch Demokratisierung ein.