Disput

Das muss in die Tüte

Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit schafft Gerechtigkeit

Gastbeitrag von Margret Mönig-Raane

Gewerkschafts-Frauen haben schon vor 100 Jahren begonnen, für gleichen Lohn, den Zugang zu Berufen und die Möglichkeit zu Erwerbstätigkeit zu kämpfen. Leider ist dieser Kampf noch immer nicht abgeschlossen. Deswegen setzt sich auch ver.di, die Gewerkschaft, in der sich mehr Frauen organisieren als Männer, besonders für die spezifischen Belange von Frauen in der Arbeitswelt ein: Um zu sichern, was unsere Wegbereiterinnen erstritten haben und damit wir auf diesem Wege weiter erfolgreich sind.

Schon vor 100 Jahren waren Frauen »Zuverdienerinnen«, was sich aber nicht darin widerspiegelte, dass zum Beispiel Mütter in Teilzeit arbeiteten, sondern lediglich, dass die Arbeit von Frauen grundsätzlich als weniger wert galt, sogar als »Schmutz-Konkurrenz«. Es gab etwa 4,4 Millionen Industriearbeiterinnen, die unter diesen Verhältnissen litten. Ihre Arbeitstage dauerten im Durchschnitt 15 Stunden, und sie verdienten zwischen 40 und 70 Prozent von dem, was Männer verdienten. Weiterhin arbeitete ein Heer von Frauen in Berufen, die noch geringeres Ansehen, geringere Löhne und schlechtere Arbeitsbedingungen hergaben. So nahmen für Landarbeiterinnen und Dienstbotinnen die Arbeitstage gar kein Ende, und bezahlt wurden sie oft genug nur mit Unterkunft und Verpflegung und einem Taschengeld. Kranken-, Unfall- und Altersversicherung gab es kaum. Mutterschutz und Arbeitsschutzbestimmungen kannte niemand.

Lohnunterschied: 23 Prozent!

Von diesen Zuständen sind wir heute zum Glück weit entfernt. Dennoch ist das Problem ungleicher Bezahlung keineswegs gelöst. Wir begehen im März wieder einen »Equal-Pay-Day«, also den »Lohngleichheitstag«. In 2011 ist es der 25. März, bis zu dem Frauen arbeiten müssen, um den gleichen Betrag zu verdienen wie Männer im Vorjahr. Der durchschnittliche Lohnunterschied von Frauen liegt bei 23 Prozent. Deutschland liegt damit europaweit – der EU-Durchschnitt liegt bei 17,4 Prozent (Eurostat 2008) – im hinteren Drittel.

Dafür verantwortlich sind vor allem die institutionellen und politischen Rahmenbedingungen, die wir verändern müssen, sowie die Praxis von Einstellung und Lohnfindung in den Betrieben. Vom gesellschaftlichen Rollenmodell des männlichen Familienernährers und der weiblichen Zuverdienerin, der entsprechenden Ausgestaltung des Steuer- und Sozialsystems gehen Fehlanreize für die Erwerbsbeteiligung von Frauen und damit für ihr Einkommen aus.

Die geschlechtshierarchische Spaltung des Arbeitsmarktes ist eine bekannte Ausprägung davon. Ein eklatanter Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen führt zu fehlender Vereinbarkeit von Beruf und Familie und der zu hohen Teilzeitquote bei Frauen. Wir finden in Betrieben und in der Politik ein mangelndes Problemverständnis vor. Geschlechtsspezifische Entgeltungleichheiten werden häufig tabuisiert. Auch bei Gerichten wird vor allem über das Prinzip des gleichen Entgelts für gleichwertige Arbeit nicht zukunftsorientiert gesprochen und geurteilt. Vielfach wird mittelbare Diskriminierung nicht als Problem wahrgenommen. Und selbst wenn das Problem erkannt ist: Welche Frau/welcher Mann klagt schon gerne gegen den eigenen Arbeitgeber?

Um unsere Forderungen für Entgeltgleichheit umzusetzen, brauchen wir daher eine politische Gesamtstrategie zur Förderung der geschlechtsspezifischen Entgeltgleichheit, die an allen Ursachen in individueller, institutioneller und betrieblicher Hinsicht ansetzt. Dazu gehören unter anderem die Förderung und flächendeckende Verankerung eines EU-rechtkonformen Lohnmessinstrumentes wie der eg-check, ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, ein Entgeltgleichheitsgesetz, das alle Akteure zur Beseitigung von Diskriminierungen in Entgeltfragen verpflichtet, ein eigenständiges (erweitertes) Verbandsklagerecht für Gewerkschaften, die explizite Verankerung des Grundsatzes der gleichen Bezahlung bei gleicher und gleichwertiger Arbeit im AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen durch eine ausreichende Infrastruktur sowie geeignete arbeitszeitliche Rahmenbedingungen sowie die Abschaffung des Ehegattensplittings im Steuerrecht.

Modell für diskriminierungsfreie Eingruppierung

Zu Entgeltgleichheit und diskriminierungsfreier Bezahlung gehören die Zielfelder »gleiche Arbeit«, also der konkrete Vergleich zweier Arbeitsplätze mit gleichen Anforderungen, sowie »gleichwertige Arbeit«, der Vergleich von unterschiedlichen Arbeitsplätzen oder unterschiedlichen Branchen. ver.di ist aktiv für Entgeltgleichheit. Seit der ver.di-Gründung hat sich die Frauen- und Gleichstellungspolitik – auch mit quotierten Tarifkommissionen – umfassend in die Tarifpolitik eingebracht. Wir fördern Best Practice (Erfolgsmethoden), zum Beispiel in Pilotprojekten in unseren Fachbereichen. Damit werden – auch unter Beteiligung der Arbeitgeber – bestehende Tarifverträge analysiert und diskriminierungsfreie Eingruppierungsregelungen entwickelt. Wir haben ein ver.di-Modell für ein neues, diskriminierungsfreies Eingruppierungssystem für den öffentlichen Dienst entwickelt. ver.di kämpft darüber hinaus für einen gesetzlichen Mindestlohn, denn Frauen – zum Beispiel Arzthelferin, Call-Center-Agentin, Floristin – sind mit 70 Prozent überdurchschnittlich häufig von Dumpinglöhnen betroffen.

Margret Mönig-Raane ist stellvertretende Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di).