Disput

Dreimaster

Feuilletton

Von Jens Jansen

Es gelang uns, einen Psychotherapeuten der Bundeswehr aus seiner Schweigepflicht herauszulocken, um zu hören, welche böigen Winde den Verteidigungsminister von der Mastspitze der Popularität hinab aufs harte Deck unseres Staatsschiffes geschleudert haben:

»Nun, da sind drei Wellen über dem Kopf des Patienten zusammengeschlagen, die seine Lichtgestalt in dichte Nebel hüllen – die Druckwelle der zerbombten Tankwagen bei Kundus, die Bugwelle der ›Gorch Fock‹ nach dem Todessturz der Kadettin und die Protestwelle gegen die Feldpost-Schnüffler nach dem tödlichen Waffenspiel unserer Jungens im Feldlager Afghanistans.«

Und das kann diesen erfolgreichen Wellenreiter aufs Kreuz werfen?

»Gemeinhin nicht, aber ihm war offenbar entgangen, dass er sich nicht mehr über, sondern bereits unter diesen drei Wellen befand. Eine bittere Folge der Verdrängung jedweder Angstpsychose bei diesem Patienten.«

Ängste bei dem Mann, der so mutig war, den Krieg einen Krieg zu nennen?

»Das wird zur Legende. In Wahrheit brauchte er drei Etappen zur Einsicht – von der ›bewaffneten Entwicklungshilfe‹ über die ›kriegsähnlichen Zustände‹ bis zum ›Krieg mit Gefechtshandlungen und Toten‹. Als ich ihn fragte, ob er nun nicht ›Kriegsminister‹ heißen müsste, hat er laut gelacht.«

Nun sagt er aber mit Recht, dass die drei Vorfälle nicht vergleichbar sind?

»Die Unterschiede bestehen nur in der zeitlichen und örtlichen Abfolge. Alle drei Skandale sind in der Bundeswehr verwurzelt, deren Traditionspflege drei Wurzeln hat: das Kaiserreich, das ›Dritte Reich‹ und die Bonner Republik.«

Wollen Sie die etwa in einen Topf werfen?

»In einen Topf nicht, aber sie stecken doch weithin in den gleichen Kasernen? Da rief der Kaiser: ›Pardon wird nicht gegeben! Der Feind soll vor uns zittern, als kämen die Hunnen über ihn!‹ Oder so. Beim Führer hieß es dann: ›Seid zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie die Windhunde!‹ Und Adenauer beauftragte Hitlers Generalstäbler mit dem Aufbau der Bundeswehr, so dass in jedem Kasernenspind der alte Geist wabert.«

Auch im Bewusstsein des Patienten, der ja bei den Gebirgsjägern war?

»Den Psychologen interessiert mehr das Unterbewusstsein. Da wirken bei ihm drei Komponenten: Er entstammt einem fränkischen Adelsgeschlecht, das einst mit Bibel und Schwert gegen die Ungläubigen auszog. Er studierte an Eliteschulen, die vorzugsweise Alphatiere, also Machtmenschen, hervorbringen. Und er wurde von den Medien sogleich als Superstar und legitimer Kanzlerkandidat gefeiert. Nimbus schafft Neider!«

Aber bei der Bombardierung der Tankwagen in Kundus war er doch noch schlichter Wirtschaftsminister?

»Schlicht war er nie. Er galt auch da als Wirtschafts-Wunder-Minister, obwohl er Opel in die Pfanne gehauen hat. Dann als Chef der Bundeswehr fehlten ihm die Berichte der Feldjäger aus Kundus, worauf er fix den Generalinspekteur absetzte. Eine Übersprungshandlung, die böses Blut schuf.«

Als das Mädchen mit der Höhenangst aus der Takelage des Dreimasters stürzte, war er doch auch weit weg in Berlin?

»Im Zeitalter der Satelliten-Kommunikation gibt es kein ›weit weg‹´! Übrigens war das Mädel 1 Meter 58 groß. Kennen Sie die Sprossenabstände in der Takelage? Die konnte sich gar nicht festhalten mit den Kerlen im Nacken. Diesen Drill muss er drosseln, sonst jagen sie mal seine Gräfin da hoch!«

Und die geöffneten Feldpostbriefe?

»Wo es Krieg gibt, gibt es Feldpostbriefe und Schnüffler vom Abschirmdienst, die den Verrat von Kriegsgeheimnissen unterbinden müssen. Das ist eine Dreieinigkeit. Erst recht, wenn sich unsere Jungens aus Frust und Übermut gegenseitig außer Gefecht setzen. Der Krieg führt stets zur Verrohung aller Sitten. Die geforderte Härte entspricht dem Selbsterhaltungstrieb. Das darf den Patienten nicht belasten.«

Aber wenn ihn nun doch die Reue packt, was soll aus dem Patienten werden?

»Er hat aus meiner Sicht drei Optionen: Sein Opa war Staatssekretär im Kanzleramt. Da gibt es doch Seilschaften, die ihn retten können. Er war Anlagenberater beim Rhön-Klinikum, wo sich die Familie mit 260 Millionen beteiligte. Da könnte er als Chef den Simulanten Beine machen. Und da in Süddeutschland viele Menschen für eine Rückkehr zur Monarchie beten, kann er sich, als der beliebteste aller Politiker, immer noch berechtigte Hoffnungen auf die Krone oder das Kanzleramt machen.«

Na, das werden die Merkel und der Seehofer zu verhindern wissen. Notfalls werden alle Vorwürfe als »Zivilistengeschwätz« zur Seite geschoben, damit er im Amt bleibt, bis zum Endsieg in Afghanistan.